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Georg Juraschek wohnt schon seit 1959 auf der Schumannstraße. Das Vivawest-Schreiben mit Ankündigung der Mieterhöhung hatte er schon vor einem Dreivierteljahr im Briefkasten.

Mieten steigen

Vivawest beginnt mit energetischer Sanierung

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OER-ERKENSCHWICK - Das energetische Quartierskonzept für Groß-Erkenschwick ist 220 Seiten lang. Darin stecken mögliche Energieeinsparungen von rund zwölf Prozent und die Reduzierung von Kohlendioxid (CO2) in gleicher Höhe. Der Rat der Stadt wird heute darüber entscheiden, ob ein Quartiersmanager die Eigentümer, Mieter und Wohnungsgesellschaften bei der Umsetzung berät und informiert.

„Wir empfehlen den Wohnungsgesellschaften, nur die notwendigsten Sanierungen durchzuführen, damit die Bewohner nicht durch starke Mieterhöhungen belastet werden“, sagte ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher bei der offiziellen Übergabe des Konzepts. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Die Wohnungsgesellschaft Vivawest hat längst mit der energetischen Sanierung in Groß-Erkenschwick begonnen. Vivawest gehören rund 80 Prozent der 800 Wohnungen in dem Quartier, in dem zum großen Teil Menschen über 65 Jahre mit geringer Kaufkraft wohnen. An der Schumannstraße sind zwei Mehrfamilienhäuser fast fertig, auf der anderen Straßenseite montiert gerade eine Baufirma aus Ungarn die Dämmplatten. Fensterbauer aus Polen montieren die Rollläden.

Die Rechnung dafür hatte Georg Juraschek (84) schon vor einem Dreivierteljahr im Briefkasten. In Kürze werden die Mieten um 2,42 Euro pro Quadratmeter erhöht. 4,12 Euro wären eigentlich gerechtfertigt, darauf wolle Vivawest erst mal verzichten, heißt es in dem Schreiben. „Das sind für uns 148 Euro mehr Miete pro Monat, habe ich mir ausgerechnet“, sagt der Rentner. Zurzeit zahlt er noch 435 Euro warm für die 59 Quadratmeter – ohne Strom. Für ihn als ehemaligen Bergbau-Angestellten und seine Ehefrau Sigrid (80) sei das finanziell kein Fiasko „Aber etliche Nachbarn haben schon geklagt über die Mieterhöhung. Vor allem für Witwen mit kleiner Rente ist das ein Problem. Eine alleinstehende Frau mit Kind ist schon ausgezogen.“

Im Oktober 2017 fiel der Startschuss für das Projekt „Innovation City Roll out“. Oer-Erkenschwick ist eine von 17 Ruhrgebietsstädten mit 20 Quartieren, die dafür ausgewählt wurden. Die Erstellung des Quartierskonzepts wird komplett vom Land NRW mit drei Millionen Euro gefördert. - Für Wärmedämmung von Gebäuden, Modernisierung der Heizungstechnik, Einsatz von erneuerbaren Energien und die Förderung von klimagerechter Mobilität gibt es genauso öffentliche Fördermittel wie für den Quartiersmanager. Bei drei Jahren Laufzeit muss die Stadt 80.770 Euro (35 Prozent Eigenanteil) zahlen.

Über den neuen, viel größeren Balkon freuen sich die Jurascheks natürlich. „Dass wir durch die Sanierung jetzt 75,5 Prozent Heizkosten sparen sollen, wie Vivawest schreibt, kann ich mir allerdings nicht vorstellen.“ Sein Nachbar Dietmar Müller (69) hält das auch für eine Milchmädchen-Rechnung: „Selbst wenn ich 400 Euro Heizkosten pro Jahr sparen würde, steht das in keinem Verhältnis zu 1.800 Euro mehr Miete.“ Zudem wartet der Rentner immer noch auf Mietminderungszahlungen. Denn die energetische Sanierung lief praktisch wie eine Operation am offenen Herzen. „Das Haus ist monatelang eingerüstet gewesen. Ich habe mich wie im Gefängnis gefühlt. Der ständige Lärm hat mich ganz depressiv gemacht“, sagt Müller. Der Bauleiter sei so gut wie nie vor Ort gewesen, klagt der Mieter. „Die Bauarbeiter sprechen fast alle kein Wort Deutsch. Mit meiner Gehbehinderung habe ich Probleme, durch die halb fertige Baustelle unfallfrei zu meiner Wohnung zu kommen.“

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