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„Dort unten war es!“ Klaus Wagner zeigt auf den Eingang zum ehemaligen Hilfskrankenhaus. Heute sind dort Teile des städtischen Archivs untergebracht.

Am 9. November vor 30 Jahren

Einsatzbefehl kurz nach dem Fall der Mauer: "Kocht Gulaschsuppe! Soviel wie möglich!"

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Viele Menschen haben den Fall der Mauer an der innerdeutschen Grenze im Fernsehen erlebt. Klaus Wagner dagegen stand am Kochtopf - für "flüchtende" DDR-Bürger.

Es war am frühen Abend des 9. November vor 30 Jahren, als das Telefon in der Wohnung des heute 78-Jährigen klingelte. Klaus Wagner war damals  Chef des DRK-Verpflegungstrupps in Oer-Erkenschwick. „Die DDR öffnet ihre Grenze. Ihr müsst sofort Gulaschsuppe kochen. Und möglichst viel“, sagte die aufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung. 

Oer-Erkenschwick: Herberge für DDR-Bürger

Diese Stimme gehörte Wagners Schwager Clemens Peick. Der heute 81-Jährige war damals Bürgermeister und DRK-Vorsitzender in Oer-Erkenschwick. Und in beiden Funktionen wurde er von der Kreisverwaltung über den Fall der Mauer informiert und angewiesen, Vorsorge zur möglichen Aufnahme einer größeren Anzahl an DDR-Bürgern zu treffen. 

Oer-Erkenschwick: Hilfskrankenhaus im Betrieb

„Der Clemens hat daraufhin das Hilfskrankenhaus unter dem Schulzentrum in Betrieb nehmen lassen“, erinnert sich Wagner. Das früher angeblich atomsichere Hilfskrankenhaus war zu Zeiten des Kalten Krieges eine voll ausgestattete Klinik mit Operationssälen und mehreren Hundert Betten hinter und unter dicken Bunkerwänden. „Unsere DRK-Frauen sind sofort dorthin, und haben die ersten Räume wohnlicher hergerichtet und den Bereitschaftsdienst übernommen“, sagt Wagner. Er selbst machte sich damals mit seinen mittlerweile verstorbenen Kollegen Hans-Johann Dütsch, Dieter Hoffmann und Theo Janczak auf zur Fleischwarenfabrik Barfuss (heute: Westfleisch). „Der Inhaber Norbert Barfuss hatte uns auf Anfrage sofort alle Zutaten für die Gulaschsuppe gespendet. Die haben wir abgeholt und dann wurde gekocht“, erzählt Wagner. 

Oer-Erkenschwick: Faszinierende Fernseh-Bilder

Und beim Schnibbeln und Kochen in der DRK-Zentrale wurde Klaus Wagner erst einmal so richtig klar, was passiert war: „Die Mauer war durchlässig geworden. Das konnten wir uns irgendwie gar nicht vorstellen. Die Bilder im Fernsehen waren faszinierend. Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut, wenn ich sie sehe.“ Die plötzliche (Ein-)Reisefreiheit hatte für Klaus Wagner wenige Wochen später auch ganz persönliche Vorteile. „Ein Cousin von Vaters Seite lebte damals im thüringischen Treffurt, direkt in der Sperrzone an der innerdeutschen Grenze auf Seiten der DDR. Im Januar sind wir dann zum ersten Mal rübergefahren. Das war ein tolles Erlebnis und ein bewegendes Treffen“, erinnert sich Wagner. Die Gulaschsuppe im bombensicheren Hilfskrankenhaus mussten die DRK-Mitarbeitenden am Ende selbst auslöffeln. Denn in der gesamten Nacht ließ sich kein DDR-Bürger am Stimberg blicken... 

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