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115 Besucher hörten der schwarzen Witwe beim „Friedhofsgeflüster“ zu.

Raben als Todesboten

Mysteriös - Schwarze Witwe lockt im Dunkeln mehr als 100 Menschen auf den Waldfriedhof

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Das war äußerst mysteriös: Am Seiteneingang des Waldfriedhofs bildet sich eine große Menschentraube. Dann folgt die Gruppe einer schwarzen Witwe zu den Gräbern.

Die Szenerie mutet geheimnisvoll an: Es ist kalt und schon dunkel, als sich exakt 115 Menschen am Seiteneingang des Waldfriedhofs versammeln. Zu der ungewöhnlichen Veranstaltung hat der Ambulante Hospizdienst in Oer-Erkenschwick eingeladen. „Und dass so viele Menschen erschienen sind, freut uns natürlich“, sagt Hospizkoordinator und Pfarrer Ulrich Radke.

Oer-Erkenschwick: Eineinhalbstündige Führung

"Friedhofsgeflüster" lautet der Titel der ungewöhnlichen Veranstaltung. Während der rund eineinhalbstündigen Friedhofsführung führt eine junge Dame das Wort. Sie trägt die schwarze Trauerkleidung des 19. Jahrhunderts. Hinter der schwarzen Witwe steckt Dr. Anja Kretschmer aus Rostock. Die 38-jährige Kunsthistorikerin hat sich in ihrer Doktorarbeit den „Häusern der Ewigkeit“ gewidmet und nimmt die Besuchergruppe mit auf eine mystische Zeitreise durch Beisetzungsriten aber auch die Mythen rund um das Thema Sterben. 

Oer-Erkenschwick: Waldfriedhof dient als Kulisse

„Der Friedhof dient dabei lediglich als Kulisse“, verrät die 38-Jährige und schon beim ersten Halt auf einer Wegekreuzung zwischen Familiengruften hängen ihr die Zuhörer an den Kippen. „Oft kündigt sich der Tod auch in Form von Tieren an. Das können Maulwürfe oder Raben sein. Oder die Taube, die unentwegt „tu -ten-fru“ ruft. Das bedeutet so viel wie Totenfrau“, erläutert Dr. Anja Kretschmer. Und dann geht es weiter über den dunklen Friedhof. „Ein solcher Ort hat für viele Menschen etwas mystisches und übt eine große Faszination aus. Ich höre immer wieder, dass viele Menschen schon länger den Wunsch haben, mal abends im Dunkeln auf einem Friedhof zu sein. Nur alleine trauen sie sich nicht“, berichtet Dr. Anja Kretschmer.

Oer-Erkenschwick: Leichenbitterin ging um

Die Referentin erinnerte daran, dass es früher keine Beerdigungsinstitute gab. Da wurde der Verstorbene tagelang zu Hause aufgebahrt. „Damals hielt man Totenwache. Man ließ den Verstorbenen, aber auch die Angehörigen nicht allein“, sagt Dr. Kretschmer. Schon kurz nach dem Tod eines Menschen hat früher eine Leichenbitterin ihre Arbeit aufgenommen. Die ging im Ort von Tür und Tür und trug die Nachricht vom Ableben des Bekannten oder Verwandten weiter und lud die Verwandtschaft und Nachbarschaft zur Beerdigung ein. Zuvor wurde darauf geachtet, dass der Sterbende nicht mit seinem Namen angesprochen wurde. „Man wollte ihn in Ruhe gehen lassen und ihn nicht durch das Rufen seines Namens aufhalten“, sagt Dr. Kretschmer. 

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