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Alkohol- und Canbnabisabhängigkeit haben schwerwiegende folgen. Bei unserer Abendsprechstunde waren sie Thema.

Abendsprechstunde "Wege aus Sucht"

Aus der Sucht zurück ins Leben

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Alkohol, Tabletten, Cannabis, Kokain, Heroin ... Sucht ist ein Massenphänomen in Deutschland. Jetzt war sie Thema der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer.

An erster Stelle steht die Entscheidung fürs Leben, nicht gegen die Sucht“ ¨– „Abstinenz ist eine täglich zu treffende Entscheidung.“ – Mit diesen Zitaten leitete Oberarzt Dr. Christoph Mühlau die Veranstaltung ein, in der die Fachärzte der Suchtmedizin der Hertener LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin exemplarisch über Alkohol- und Cannabissucht aufklärten, um an diesen Beispielen aufzuzeigen, welche Wege es aus der Sucht „zurück ins Leben“ gibt.

Welcher Alkoholkonsum ist riskant?

 In puncto Alkohol sprach Dr. Mühlau von ca. 1,8 Millionen Abhängigen in Deutschland und rund fünf Millionen Männern und Frauen, deren Konsum als riskant zu bezeichnen ist. Das ist der Fall, wenn Frauen mehr als durchschnittlich zwölf Gramm und Männer mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag an mehr als fünf Tagen in der Woche zu sich nehmen. Zur Orientierung: Das sind ca. zwei Standardgläser für Frauen, und ca. drei bis vier Standartgläser für Männer. 

„Alkohol“, so Dr. Mühlau, „stimuliert das Belohnungssystem im Gehirn.“ Trotz unangenehmer Nachwirkungen sei die Vernunft geradezu blockiert. Hinzu komme eine gestörte Trinkkultur in unserer Gesellschaft, in der regelmäßiges Trinken als normal angesehen wird, als einfach dazugehörende Privatsache gilt und von Abhängigkeit erst gesprochen werde, wenn sie extrem auffällt. 

Aber schon der riskante Gebrauch führe unter anderem zu erhöhten Leberwerten, psychischen und sozialen Schäden und nicht selten in die Abhängigkeit. Trinkdruck stellt sich ein, der Betroffene kann nicht mehr aufhören und braucht zunehmend mehr Alkohol. Entzugsbeschwerden wie Schlaflosigkeit, Zittern, Übelkeit, manchmal auch epileptische Anfälle stellen sich ein, der Tag wird nach dem Alkoholkonsum geplant, Vorratshaltung betrieben und Verstecke gesucht. Das alles führt zu körperlichem und geistigem Verfall. 

Hilfe gibt‘s in der Suchtambulanz

 Schon 1952 hat die Weltgesundheitsorganisation Alkoholabhängigkeit als Krankheit eingestuft, in der Bundesrepublik ist sie das seit 1968. Daher bezahlen die Krankenkassen Behandlung und Rehabilitation. Hilfe gibt es bei Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, niedergelassenen Ärzten und der Hertener LWL-Klinik. An allererste Stelle, so betonte Dr. Mühlau, steht jedoch die Haltung des Betroffenen: „Ich will ohne Alkohol leben“. Wenn die da ist, sollte der Betroffenen eine Beratungsstelle aufsuchen oder auch die offene Sprechstunde der Suchtambulanz der LWL-Klinik. Dort werden Fachmediziner beurteilen, welche Behandlungsformen und Angebote ambulant oder stationär geeignet sind.

 Während in normalen Krankenhäusern ein körperlicher Entzug möglich ist, wird in der LWL-Klinik ein sogenannter qualifizierter Entzug angeboten. Dabei werden auch seelische und soziale Bedingungen in die Behandlung einbezogen, um das Überleben zu sichern und auch weiterführende Hilfen einzuleiten und zu organisieren. Zur Zielgruppe gehören alle, die trocken werden wollen – auch wenn sie es schon mehrfach vergeblich versucht haben.

 „Man kann Menschen nur die Tür zeigen“, zitierte Dr. Mühlau zum Abschluss noch eine Kollegin. „Durchgehen müssen sie selbst.“

Sind Sie alkoholgefährdet?

Dazu fünf Fragen: 

1. Trinken Sie als Frau mehr als zwei, als Mann mehr als drei bis vier Standardgläser Alkohol an mehr als fünf Tagen die Woche?

2. Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?

3. Haben Sie sich schon einmal darüber geärgert, dass Sie von anderen wegen Ihres Alkoholkonsums kritisiert wurden?

4. Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?

5. Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder einen Kater loszuwerden?

Wenn Sie zwei Fragen mit Ja beantworten müssen, sind sie gefährdet.

Cannabis - Wann ist es schädlich?

„Morgens nen Joint und der Tag ist der Freund“ – Ist das wirklich so harmlos, wie der altbekannte Spruch der 68er klingt? Eine (Teil-)Antwort gab Martin Sterna, der die Suchtambulanz der Hertener LWL-Klinik als Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie leitet. Bei unserer Abendsprechstunde ging er der Frage nach, wann Cannabisgebrauch schädlich ist, und wann man von Cannabisabhängigkeit spricht.

Zunächst: „Schädlich ist jeder Cannabisgebrauch“, so Sterna, „wenn er zu körperlichen oder psychischen Gesundheitsschädigungen führt.“ Von regelrechter Abhängigkeit spreche man, wenn drei von diesen sechs Kriterien über mindestens vier Wochen erfüllt sind:

1. starkes Verlangen, zu konsumieren

2. Unfähigkeit, den Konsum einzugrenzen

3. Entzugssymptome bei Reduktion oder Weglassen von Cannabis; typisch sind extrem schlechte Laune, die Betroffenen geraten schnell in Streit, können nicht schlafen und sich nicht konzentrieren.

4. Steigerung der Konsummenge bis hinzu ganztägigem Haschisch-Rauchen

5. Das Leben dreht sich komplett um Cannabis, Interessen und Verpflichtungen werden vernachlässig

 6. Trotz vieler Nachteile kann der Betroffenen nicht aufhören.

Massive psychische nd soziale Folgen

Wie Martin Sterna erläuterte, sind die Probleme, die sich bei von Cannabis Abhängigen einstellen, weniger körperlicher Natur, wobei jedoch feststünde, dass die Droge bei sehr jungen Menschen zu Entwicklungsstörungen des Gehirns führt. Die psychischen und sozialen Folgen sind aber umso massiver und ähneln den Symptomen von Depressionen (z.B. Antriebslosigkeit, wenn es nicht um Cannabis geht) bis hin zur Selbstmordgefährdung. Bei Entwicklungsstörungen des Gehirns kommen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen hinzu. Außerdem hätten Cannabisabhängige ein erhöhtes Risiko, auch alkoholabhängig zu werden. Schwere psychische Erkrankungen können bestehen bleiben, auch wenn der Cannabiskonsum längst der Vergangenheit angehört.

Soziale Beziehungen brechen auseinander

 Das alles führt dazu, dass soziale Beziehungen auseinanderbrechen, Schule oder Ausbildung abgebrochen, Arbeitsplätze verloren werden und ein wirtschaftliches Desaster entsteht, weil sich der Abhängige um nichts mehr kümmern kann.

 Was ist zu tun, um dem zu entrinnen? – Martin Sterna nannte an erste Stelle eine Entgiftung und eine Sucht-Reha zur Entwöhnung. Eventuelle sei auch weitere Unterstützung nötig, um Rückfälle zu vermeiden. Wichtige Anlaufstellen sind neben dem Haus- oder Facharzt die offene Suchtsprechstunde der LWL-Klinik, die ambulante und stationäre Behandlungen anbietet, sowie die Drogenberatung, die auch zur Entwöhnungsbehandlung weitervermittelt und Hilfen für die Nachsorge bereithält.

 Übrigens: Cannabiskonsum ist vor allem unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren verbreitet. 35,8 Prozent von ihnen gaben in einer Studie an, schon mal Haschisch geraucht zu haben. Regelmäßig konsumieren 5,4 Prozent. Das entspricht im Kreis Recklinghausen laut Sterna 1.745 jungen Erwachsenen.

Psychisch krank und süchtig

Manchmal kommt alles zusammen – auch wenn es um Sucht geht. So kommt es nicht selten vor, dass eine psychische Erkrankung und eine Sucht mit einander einhergehen. Ohne dass man sagen könnte, was zuerst da war. Behandelnde Ärzte und Patienten stellen diese Doppeldiagnosen gleichermaßen vor besondere Herausforderungen. 

Wie Oberärztin Christine Möllering, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, bei unserer Abendsprechstunde erläuterte, kann eine psychische Erkrankung eine Sucht auslösen, gleichzeitig können Suchtmittel jedweder Art aber auch Symptome eben dieser Erkrankung lindern. „Die Patienten versuchen, sich mit dem Suchtmittel selbst zu medikamentieren“, beschrieb sie das Problem, das häufig auftritt bei schizophrenen Störungen, Depressionen, Angststörungen, traumatischen Erlebnissen, Persönlichkeitsstörungen. Manchmal würden gar mehrere Substanzen eingesetzt, was den Entzug noch schwieriger gestalte. Dies alles, um zu verdrängen (z.B. Vernachlässigung und Misshandlung im Kindesalter oder Angst) oder auch, um Antriebslosigkeit zu überwinden oder leistungsfähiger zu werden.

Meist sind es junge Erwachsene

 Größtenteils sind es junge Erwachsene zwischen 15 und 34 Jahren, die davon betroffen sind. In der Therapie, so Möllering, könnten sie lernen, Alternativen einzusetzen, um mit der psychischen Erkrankung umzugehen.

 Doch bis dahin sei es oft ein schwieriger Weg, in der komplexen Gemengelage die richtige Diagnose zu stellen. So müsse erst mal eine Entgiftung erfolgen, um Genaueres über die psychische Erkrankung zu erfahren und zu sehen, welche seelischen Symptome bleiben, wenn das Suchtmittel weg ist. Umgekehrt könne man sehr schlecht eine Entwöhnung vom Suchtmittel durchhalten, wenn andere psychische Erkrankungen vorliegen. So bedürfe es erfahrener Ärzte und einer gewissen Geduld, um diesen Patienten zu helfen. Erste Anlaufstelle für Betroffene sei die offene Suchtsprechstunde der LWL-Klinik Herten..

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