+
Bis auf den letzten Platz besetzt war der Vortragsraum des Marler Marien-Hospitals, als es bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer um das Thema „Reizdarm“ ging.

Abendsprechstunde "Reizdarm"

Linderung ist das Ziel

Blähungen, Durchfall, Verstopfung – unspezifische Darmbeschwerden, auch Reizdarm genannt, sind weit verbreitet. Bei unserer Abendsprechstunde im Marler Marien-Hospital standen sie im Fokus.

Reizdarm ist eigentlich eine eher harmlose Krankheit, die aber schwerwiegende Folgen haben kann“, konstatierte Dr. Christoph König, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Koordinator des Darmzentrums am Marler Marien-Hospital, bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer am vergangen Montag. Völlegefühl, Übelkeit, Krämpfe, Blähungen, Durchfälle, Verstopfungen, Stuhlunregelmäßigkeiten, Gewichtsverlust und sogar Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen sowie Schlafstörungen und Depressionen - all das können Symptome sein, die die Lebensqualität der vielen Betroffenen (immerhin rund 30 Prozent der Bevölkerung) erheblich einschränken. Trotzdem, so König, suchten nur sehr wenige einen Arzt auf.

gibt es viele verschiedene Auslöser

Auslöser für die Beschwerden können ein Magen-Darm-Infekt, zuviel Nahrungsaufnahme oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit ebenso sein, wie hormonelle Schwankungen während der Menstruation oder der Wechseljahre und schlechte Stimmung oder Stress. Dr. König sprach auch vom sogenannten „Bauchhirn“. Welche Rolle es spielt, drücke sich in Redewendung wie „aus dem Bauch heraus“, oder „etwas ist mir auf den Magen geschlagen“ aus. Und tatsächlich gebe es ein Zusammenspiel mit dem „Kopfhirn“ über das Nervensystem, sodass mancher zum Beispiel auf Prüfungen mit Durchfall reagiert.

 Bevor man jedoch die Diagnose „Reizdarm“ stellt, müsse man andere Ursachen sorgfältig ausschließen. König nannte akute Infekte, bakterielle Fehlbesiedlungen, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Divertikel, Tumore und das Gallensäureverlustsyndrom. 

Zur Diagnose gehöre dann eine ausführliche Befragung (Anamnese), eine körperliche Untersuchung, eine Blut- und eine Stuhluntersuchung, zwingend auch ein Ultraschall. Außerdem ein Funktionstest sowie eine gynäkologische Untersuchung bei Frauen und eine urologische bei Männern. Und wer es vorher noch nicht gemacht hat, der müsse sich auch einer Magen-Darm-Spiegelung unterziehen.

Bakterien und Pilze spielen eine große Rolle

Eine besondere Rolle für das Funktionieren unseres Organismus kommt dem sogenannten Mikrobiom zu. So wird die Gesamtheit der Mikroorganismen (Bakterien und Pilze) bezeichnet, die unsere Haut und Schleimhäute besiedeln. „Das sind rund 100 Billionen Zellen, die rund 1,5 Kilogramm unseres Körpergewichts ausmachen“, erläuterte Dr. König dem staunenden Publikum.

 Darmbakterien wirken auf den ganzen Körper Rund 60 Bakterienstämme davon besiedeln unseren Darm, wo sie viele Körperfunktionen regulieren: die Synthese der lebenswichtigen Vitamine B1, B6 und B12, die Produktion kurzkettiger Fettsäuren als Energiequelle für die Darmschleimhaut, die Stimulation des Immunsystems, die Bekämpfung von Entzündungen, die Entgiftung von Fremdstoffen, die Regulation der Darmbeweglichkeit und des Schmerzempfindens, die Kommunikation mit dem Nervensystem und einiges mehr. 

Wenn das Mikrobiom gestört ist und sich das Verhältnis der Bakterienstämme verändert, hat das Folgen für den gesamten Organismus. So kann der Schutzfilm den die Bakterien über der Darmschleimhaut bilden, angegriffen werden, was zu Infektionen führt. Die Schmerzwahrnehmung kann negativ verändert werden, und auch zu Depressionen und Angstzuständen kann es kommen. 

Was nutzen Diäten?  

„Veränderungen des Mikrobioms sind also keine Banalität.“ Mit diesen Worten leitete Dr. König einen Ausflug zu verschiedenen, zur Behandlung eines Reizdarms angepriesenen Mitteln oder Methoden ein, die genau darauf abzielen. Da wären zunächst die Diäten: FODMAP, bei der die Aufnahme von Fructose, Lactose und Sorbitol (Süßstoff) reduziert bzw. vermieden wird, sowie der Verzicht auf Gluten oder auf Kohlehydrate, die die gasbildenden Bakterien erhöhen.

 Dr. König: „Bei Diäten besteht immer die Gefahr der Mangelernährung, und ihr Erfolg ist nicht bewiesen. Außerdem kann man nicht lebenslang auf Kohlehydrate verzichten. Lassen Sie also die Finger davon.“ Wer es dennoch ausprobieren will, solle das auf sechs bis zwölf Wochen beschränken und nur mit Begleitung durch einen Arzt und eine Ernährungsberatung tun. 

Stuhltests, Prä- und Probiotika, Antibiotika - zweifelhafter Einfluss auf die Darmflora 

Allerorten angepriesen werden außerdem Stuhltests zur Bestimmung der Darmflora. Auch davon hält Fachmediziner König wenig: „Die Darmflora ist individuell sehr unterschiedlich, und bakterielle Verschiebungen sind zunächst mal keine Krankheit.“ Wissenschaftlicher Standard seien diese Tests nicht. „Finger weg“, war auch hier sein Rat – „und erst recht von den Konsequenzen“, sprich: der Zufuhr von Bakterien-Präparaten.

 Regelrecht in Mode sei außerdem die Zugabe von Prä- und Probiotika – Präbiotiker als Nahrungsergänzungsmittel zur Anregung des Bakterienwachstums, Probiotika als Zufuhr lebender Mikroorganismen. Dr. König: „Es gibt bisher keinen Beweis, das Prä- oder Probiotika bei Reizdarm einen Vorteil bringen. Es kann helfen, aber geben Sie nicht zuviel Hoffnung und Geld darein.“ Wenn es um die Einnahme von Antibiotika geht, könne die gleichzeitige Einnahme von Probiotika zwar das Risiko eines Durchfalls verringern, es helfe aber nicht, Magen und Darm vor Infektionen zu schützen. Menschen mit einer Abwehrschwäche dürften keinesfalls Probiotika zu sich nehmen, und wer einen Reizdarm hat, müsse Antibiotika, die das Reizdarmsyndrom auch auslösen können, ohnehin meiden.

Was tun gegen Reizdarm?

Was also tun gegen den Reizdarm? – Dr. König: „Eine Heilung ist selten möglich. Man muss es annehmen und akzeptieren.“ Das Ziel heißt: Linderung. Wie, das sei individuell sehr unterschiedlich. König empfahl unter anderem einige Hausmittel, und, wenn die nicht helfen, auch Medikamente: 

• bei Durchfall: Loperamid, Quantalan

• bei Schmerzen: Buscopan, Mebeverin, E.coli Nissle, Balaststoffe: Flohsamen- schalen, Pfefferminzöl

• bei Verstopfung: Flohsa- men, Weizenkleie, Lac- tulose, E.coli Nissle (Mutaflor), Prucaloprid (Reselor)

• bei Blähungen: Fenchel, Kümmel,Probiotika, (Activa Joghurt, Prosymbioflor), Iberogast, Rifaximin

Ein Ernährungstagebuch, in dem über eine Woche akribisch festgehalten wird, was wann zu sich genommen wurde und wann welche Beschwerden auftraten, könne helfen, auslösende Nahrungsmittel ausfindig zu machen. Auch Entspannungsübungen, Yoga und Sport könnten die Beschwerden mildern, manchem verschafften Heilfasten oder Osteopathie Linderung. Seltener kämen auch Hypnose oder eine Therapie gegen Depressionen infrage.

 Einen Hoffnungsschimmer lieferte dann seine Prognose: „Die Beschwerden ändern sich mit der Zeit, und 50 Prozent der Patienten sind nach fünf Jahren beschwerdefrei. – Warum das so ist, konnte mir allerdings noch niemand erzählen.“

Auf der Internetseite der Interessengemeinschaft Selbsthilfe finden Sie viele weitere informationen sowie Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Reizdarm-Betroffene:

https://reizdarmselbsthilfe.org/

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Warum der Nikolausumzug in Marl-Hüls ein Treffen der Generationen ist
Warum der Nikolausumzug in Marl-Hüls ein Treffen der Generationen ist
30-Meter-Baum stürzt in Herten auf ein vorbeifahrendes Auto - jetzt ermittelt die Polizei
30-Meter-Baum stürzt in Herten auf ein vorbeifahrendes Auto - jetzt ermittelt die Polizei
Keine Spieler - Horst-Emscher sagt Spiel bei Vestia Disteln ab
Keine Spieler - Horst-Emscher sagt Spiel bei Vestia Disteln ab
Mine O. (26) tot: Ehemann verhaftet - im Interview beteuerte er noch seine Unschuld
Mine O. (26) tot: Ehemann verhaftet - im Interview beteuerte er noch seine Unschuld
Es bleibt dabei: Zwei Waltroper Teams überwintern an der Spitze der Kreisliga B4
Es bleibt dabei: Zwei Waltroper Teams überwintern an der Spitze der Kreisliga B4

Kommentare