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Fliegenlarven werden zur biologischen Wundbehandlung eingesetzt.

Abendsprechstunde "Offene Beine"

Biochirurgie: Wenn Maden das Skalpell ersetzen

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Die moderne Wundbehandlung hat eine neue Mitarbeitern: die Goldfliege, beziehungsweise deren Larven. Biochirurgie nennt sich das Verfahren, das Prof. Dr. Rolf-Markus Szeimies, Chefarzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Klinikums Vest, bei der Abendsprechstunde des Medienhauses in Recklinghausen dem staunenden Publikum erklärte:

Aus den Eiern der Fliege schlüpfen deren hungrige Larven, die sich nur von totem Gewebe und Bakterien ernähren. Sie erbrechen Verdauungssekret aus ihrem Kopfdarm auf die Wunde, wodurch ein Brei mit dem toten Gewebe entsteht, den die Made dann frisst. In eine offene chronische Wunde gesetzt, befreien die Maden diese so von allem abgestorbenen Gewebe – und zwar mit höchster Präzision, ohne durchblutetes Gewebe zu beschädigen. 

Keine Antibiotika, keine aggressiven „Putzmittel“ 

Schon im Mittelalter wurden die Fliegenlarven auf diese Weise genutzt, berichtete Szeimies. Heutzutage werden sie für die Wundbehandlung allerdings steril in „Fliegenhotels“ gezüchtet. „Bei dieser Art der Bakterienabtötung“, so Prof. Szeimies, „ist kein Antibiotikum und kein aggressives Putzmittel mehr nötig.“ Geeignet sei das Verfahren bei allen nekrotischen, infizierten und klaffenden Wunden. Sie müssen aber offen sein, damit die Larven Sauerstoff bekommen.

Es gibt die Maden in kleinen, „BioBags“ genannten Beutelchen, die aufgelegt und nur locker befestigt werden. Bei sehr unregelmäßig geformten Wunden müssten jedoch freilaufende Larven eingesetzt werden.

Fliegenlarven retten jungem Mann das Bein

Er brachte das Beispiel eines jungen Mannes, dem wegen einer chronischen Wunde schon die Amputation des Beines drohte – bis die Fliegenlarven zum Einsatz kamen und sein totes Gewebe wegfraßen. Das Bein konnte erhalten werden.

Kaltplasma und Hightech-Wundauflagen

Biochirurgie auf der einen Seite – jede Menge Hightech auf der anderen. Szeimies stellte Wundauflagen vor, die sensorgesteuert per LED anzeigen, ob mit der Wunde darunter alles in Ordnung ist, Wundauflagen, die fluoreszieren, wenn gefährliche Bakterien die Wunde besiedeln und dann noch eine Errungenschaft aus der Weltraumforschung: die Arbeit mit Kaltplasma. Ein einem schnurlosen Telefon nicht unähnliches Gerät stellt ein elektrisches Feld her und erzeugt kaltes Plasma auf der Haut. Dadurch werden Bakterien abgetötet und Wunden nach mehrmaliger Anwendung verschlossen. 

Klinische Studie will gute Wirkung beweisen

Seine Abteilung sei derzeit zusammen mit drei anderen Kliniken mit einer Studie befasst, die zeigen soll, dass die Behandlung mit Kaltplasma nicht nur heilt, sondern auch den Einsatz von Antibiotika überflüssig macht. Wer an der ambulanten Studie teilnehmen will, kann sich im Klinikum Vest melden. Allerdings sei nicht jede chronische Wunde dafür geeignet.

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