+
Herzschwäche: Anzeichen für das schleichende Syndrom sind u.a. Schwindel und Atemnot.

Abendsprechstunde "Herzklappenfehler"

Goldstandard ist die Operation

Wenn die Herzklappen schlappmachen, wird’s ernst. Der Herzchirurg oder das Katheterlabor muss sie wieder fit machen, um das Überleben zu sichern.

Bei einer anschaulichen und spannenden Abendsprechstunde sahen unsere Besucherinnen und Besucher am vergangenen Montag im Recklinghäuser Bürgerhaus Süd, wie der Herzchirurg defekte Herzklappen ersetzt oder wie der Kardiologe sie im Herzkatheterlabor wieder repariert. Prof. Dr. Daniel Wendt, Oberarzt am Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum der Uni-Klinik Essen, und Dr. Thomas Lawo, Chefarzt der Kardiologie des Elisabeth-Krankenhauses Recklinghausen, erläuterten im voll besetzten Saal ihre intensive Zusammenarbeit und ihr jeweiliges Vorgehen, wenn es darum geht, Patienten mit Herzklappenerkrankungen zu retten.

Herzschwäche ist die Folge

Betroffen ist meist entweder die Aortenklappe, die den Blutfluss zwischen linker Herzkammer und Hauptschlagader (Aorta) steuert, oder die Mitralklappe, die die gleiche Funktion zwischen Vorhof und linker Kammer hat. Sie können durch Verkalkung verengen oder aber sie schließen nicht mehr richtig. Manchmal ist es auch eine Kombination von beidem.

Da das Herz bei einem Klappenfehler große Kraft aufbringen muss, um noch eine normale Blutversorgung des Körpers aufrechtzuerhalten, ist in den meisten Fällen über kurz oder lang eine Herzschwäche die Folge. 

Ein schleichender und gefährlicher Prozess

 Dieser Prozess verläuft schleichend und lange Zeit unbemerkt bis die Patienten irgendwann Schwindel, Schmerzen in der Brust und / oder Luftnot verspüren. Wenn diese Symptome auftauchen, so Prof. Wendt, sei die Erkrankung schon weiter fortgeschritten und es müsse sofort gehandelt werden. Tue man es nicht, läge die Wahrscheinlichkeit, die nächsten zwei Jahre zu überleben nur noch bei 50 Prozent. 

Was folgt, ist in der Regel eine Herzoperation. „Das ist noch immer der Goldstandard“, betonte Wendt. Der klassische Weg führe über die Auftrennung des Brustbeins, das anschließend mit Drähten wieder stabil verschlossen werden könne. Der Patient wird an eine Herz-Lungenmaschine angeschlossen und das Herz damit ruhiggestellt. Bei einer verkalkten Aorta-klappe wird diese dann abgeklemmt und geöffnet, die – manchmal enormen – Verkalkungen herausgeschnitten und die Klappe anschließend durch eine Prothese ersetzt.

Künstliche Herzklappe oder Klappe vom Schwein? 

Wie der Herzchirurg erläuterte, gibt es da eine breite Palette von Modellen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. So müsse man bei biologischen Klappen vom Schwein oder Rind zwar kein blutverdünnendes Marcumar einnehmen, allerdings hielten diese Klappen auch nur 15 bis 20 Jahre und seien daher nur für ältere Patienten geeignet. Jüngere bräuchten in jedem Fall eine mechanische Klappe, die lebenslang hält, aber auch genauso lange mit der Einnahme des Blutverdünners verbunden ist.

 Insgesamt, so Prof. Wendt, habe der Klappenersatz eine enorme Entwicklung hingelegt. Man könne ihn inzwischen auch über deutlich kleinere Öffnungen des Brustbeins oder auch mit nur sechs Zentimeter großen Schnitten im Rippenbereich durchführen. Und: „Nach einer solchen OP haben die Patienten die gleiche Überlebensaussicht wie die Normalbevölkerung.“ 

Etwas anders ist die Vorgehensweise bei der Operation eines Defekts der Mitralklappe. Auch hier wird das Herz durch den Anschluss einer Herz-Lungen-Maschine stillgelegt, um die Mitralklappe zu reparieren. Allerdings muss diese in den Leistengefäßen angeschlossen werden, sodass eine solche Operation nur möglich ist, wenn die Beinschlagadern nicht verkalkt sind. Ist das der Fall, kann eine nicht mehr schließende Mitralklappe bei dieser Operation mit künstlichen Sehnenfäden und einem Ring so zusammengerafft werden, dass Sie ihre Arbeit wieder korrekt ausführt und muss nicht ersetzt werden. 

Nicht immer kann der Herzchirurg helfen

Aber, trotz aller faszinierenden herzchirurgischen Kunst: Die Hälfte der Patienten ist zu krank, um so operiert zu werden. Ihre Herzklappenfehler müssen ohne Öffnung des Brustkorbs und ohne Stilllegung des Herzens vom Kardiologen per Herzkatheter verringert werden – in der Regel über die Leiste oder die Schlüsselbeinarterie. 

Wegen Verkalkungen ist aber auch das manchmal nicht möglich, und dann, so berichtete Prof. Wendt nicht ohne Stolz, kommt wieder der Herzchirurg zum Einsatz mit einem Verfahren, dass unter Mitwirkung von Wendt in Deutschland an der Uni-Klinik Essen erstmals durchgeführt wurde: Der Eingriff mittels Katheter über die Herzspitze. Lächelnd erzählte Wendt dem staunenden Publikum, dass er die Herzklappe einer 97 Jahre alten Frau so gerettet hat. Zu ihrem 100. Geburtstag hat sie ihn persönlich eingeladen. Gestorben ist sie mit 107.

Operation oder Katheterbehandlung?  – 

Bei einer Herzklappenerkrankung ist das eine höchst individuelle Entscheidung. Das betonte Dr. Thomas Lawo, Chefarzt der Kardiologie des Recklinghäuser Elisabeth-Krankenhauses, bei unserer Abendsprechstunde. „Welches Verfahren gewählt wird, muss im Team entschieden werden. Und auch der Patientenwunsch ist dabei wichtig.“ 

In einem sogenannten „Heart-Team“ (Herzteam), in dem das Elisabeth-Krankenhaus eng mit der Uni-Klinik Essen zusammenarbeitet, diskutieren daher der Herzchirurg, der Kardiologe und der Anästhesist die Operationsrisiken und -vorteile unter Berücksichtigung des Alters des Patienten, zusätzlicher Erkrankungen, der Pumpleistung seines Herzens, der möglichen Zugangswege zum Herzen und evtl. der Notwendigkeit eines zusätzlichen Bypasses. Wenn die fachliche Entscheidung gefallen ist, werde mit dem Patienten geredet.

 Für sogenannte Hochrisikopatienten, für die eine Operation mit Eröffnung des Brustkorbs und Ruhigstellung des Herzens nicht infrage kommt, gibt es Hilfe im Katheterlabor.

Wenn das Ventil undicht ist

 Ist die Mitralklappe – also das Ventil zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer – undicht kann sie mittels Katheter dichter gemacht, aber nicht, wie bei einer Operation, ganz verschlossen werden. Dr. Lawo: „Der Druck, der durch einen kompletten Verschluss entsteht, wäre für diese Patienten zu hoch.“ Über die Leistenvene wird unter Monitorüberwachung ein Katheter und mit ihm ein Clip eingeführt und bis zur Vorhofwand hinaufgeschoben. Diese muss er anschließend durchdringen, um in den linken Vorhof Richtung Klappe zu gelangen. 

Clips, Ballons und Stents gegen kranke Klappen Mit dem Clip werden dort dann die Segel der Klappe gegriffen, und zusammengezogen, der Clip anschließend verriegelt. Der Ultraschall zeigt anschließend, wie viel Undichtigkeit geblieben ist und ob diese tolerierbar ist.

Aorta-Klappe verkalkt

 Bei einer verkalkten Aorta-klappe – sie steuert den Blutfluss zwischen linker Herzkammer und Hauptschlagader (Aorta) – kommt eine eher „rüdes Verfahren, so Dr. Lawo, zum Einsatz. Auch hier wird ein Katheter über die Leiste eingeführt. Der Draht muss allerdings durch die linke Herzklappe hindurch – ein kritischer Moment, wie der Kardiologe anmerkte – um einen Ballon an die verkalkte Klappe zu bringen, der diese dann sprengt bzw. weg quetscht. Über den Katheter wird dann ein Stent an eben diese Stelle gebracht und dort entfaltet.

Eingriffe mit kritischen Momente

 „Diese Eingriffe sind aber nicht ohne“, benannte der Fachmediziner auch die Risiken dieser Verfahren. „Es gibt diverse kritische Momente – zum Beispiel, wenn das kräftig schlagende Herz gegen die Entfaltung des Stents oder des Ballons anarbeitet. Gleichwohl seien dies katheterbasierten Verfahren zur Behandlung von Herzklappenerkrankungen in der klinischen Routine etabliert.

 Eine Konkurrenz zur klassischen Herzoperation seien sie, da nur für Hochrisikopatienten geeignet, nicht. Allerdings zeige die Statistik, das deren Anzahl stetig zu- nimmt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Auf dem Weihnachtsmarkt in Marl-Polsum sind Staus normal und gemütlich
Auf dem Weihnachtsmarkt in Marl-Polsum sind Staus normal und gemütlich
Schwerer Unfall in Datteln: Mann wird aus Fahrzeug geschleudert und verstirbt
Schwerer Unfall in Datteln: Mann wird aus Fahrzeug geschleudert und verstirbt
Der "Süder Advent" - beliebt in Herten, einzigartig im Ruhrgebiet
Der "Süder Advent" - beliebt in Herten, einzigartig im Ruhrgebiet
Zweite Chance für KiJuPa: Wird es dieses Mal klappen?
Zweite Chance für KiJuPa: Wird es dieses Mal klappen?
Amtliche Unwetterwarnung: Heftige Winde am Alpenrand - auch der Norden stark betroffen
Amtliche Unwetterwarnung: Heftige Winde am Alpenrand - auch der Norden stark betroffen

Kommentare