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Wie ein biszarres Kunstwerk durziehen unzählige große und kleine Adern unseren Körpern.  Wenn sie verstopfen, hat das ernste gesundheitliche Konsequenzen - z.B. die Schaufensterkrankhet oder ein Aneurysma. 

Abendsprechstunde "Gefäßerkrankungen"

Wenn Gehen zur Qual wird

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Rauchen, Bluthochdruck, Störungen des Fettstoffwechsels – all das schadet den Blutgefäßen enorm. So auch den Beinarterien und der Bauchschlagader. Schaufensterkrankheit und Aneurysmen drohen. 

Wenn Beinarterien sich durch Ablagerungen („Verkalkung“ ) im Inneren verengen und der Blutfluss dadurch gehemmt wird, kann das nicht nur gefährlich werden, sondern auch heftig schmerzen. Das Ganze ist ein schleichender Prozess, der von den Betroffenen lange unbemerkt bleibt. Bis sich dann das einstellt, was landläufig als Schaufensterkrankheit bezeichnet wird: Nach einer gewissen Gehstrecke schmerzen die Beine, die Betroffenen bleiben stehen. (Und weil man beobachtet haben will, dass viele dann so tun, als interessierten sie sich für die Auslagen in den Schaufenstern, bekam dieses Stop-and-Go-Gehen diesen Namen.)

Mit der Zeit werden die Gehstrecken immer kürzer. „Irgendwann geht es nur noch 50, 60 Meter weit“, berichtete Prof. Dr. Roland Syha, der neue Radiologiechef am Prosper-Hospital Recklinghausen bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer. Und meist kämen die Patienten auch erst dann zum Arzt, wenn‘s richtig wehtut. In dieser Phase könnten sie allerdings mit konservativen Methoden wie einer guten Einstellung von Blutdruck und Fettstoffwechsel sowie Gehtraining und Bewegung noch einiges erreichen.

Stents verhindern die Amputation

Wenn die Gefäße aber weiter verschließen und es zu Schmerzen auch in Ruhe kommt, evtl. sogar mit offenen, nicht heilenden Wunden an den Beinen, müsse man eingreifen – nicht zuletzt, um eine Amputation zu verhindern. 

Dazu werde mittels Katheter ein Ballon in die Arterie geschoben, der die verengte Stelle wieder erweitert, und in vielen Fällen gleich ein Stent eingesetzt, ein medikamentenbeschichtetes Röhrchen, das die Arterie auch offen hält, wenn der Ballon wieder draußen ist. Außerdem könnten Gerinnsel, mit der sogenannten Lyse-Therapie, die per Infusion verabreicht wird, aufgelöst und entfernt werden.

Bei plötzlicher Verschlimmerung: Ab in die Klinik!

 „Wenn sich die Verschlüsse im Bereich von Oberschenkel oder Knie befinden, setzen wir allerdings nicht so gerne Stents ein“, erklärte Syha. „Dort ist viel Bewegung, und Stents können brechen oder verschoben werden“. In diesen Fällen bringe man mit dem Ballon ein Medikament an die Gefäßwände, das eine erneute Verengung durch Narbenbildung verhindert. Damit seien die Wiederholungseingriffe innerhalb von zwei Jahren deutlich reduziert worden. 

Ausdrücklich gewarnt hat der Fachmediziner vor Akutsituationen: „Wenn jemand schon Probleme mit verengten Gefäßen hat und sich die Situation ganz plötzlich verschlechtert, mit starken Schmerzen und kaltem, blassen Bein ist das ein Zeichen für einen akuten Gefäßverschluss und höchste Eisenbahn, in die Klinik zu fahren!“ Das verschließende Gerinnsel müsse so schnell wie möglich entfernt werden.

Wie wird die Schaufensterkrankheit diagnostiziert?

 Beinschmerzen sind allerdings längst nicht immer ein Zeichen für die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), wie die Schaufensterkrankheit im Fachjargon heißt. Daher ist eine genaue Diagnose mit Messung des Verschlussdrucks nötig. Prof. Syha nannte hier das Messen des Blutdrucks an Armen und Beinen (ist er an den Beinen niedriger, spricht das für eine Gefäßverengung) und den Ultraschall mit Messung des Blutflusses an erster Stelle. Auch MRT und CT werden eingesetzt und schließlich, wenn sich der Verdacht erhärtet, eine Röntgenuntersuchung, bei der Kontrastmittel die Verengungen in den Gefäßen sichtbar machen (Angiografie).

 Je nach Befund wird dann die entsprechende Behandlung eingeleitet. Doch auch dies machte Syha deutlich: Trotz aller Möglichkeiten, Gefäßverschlüsse zu verhindern bzw. zu beseitigen – es handelt sich um eine stetig fortschreitende Erkrankung. Syha: „Dass es nach einiger Zeit wieder Probleme gibt, ist nicht unwahrscheinlich.“

Hochgefährlich: Aneurysma der Bauchschlagader

Arteriosklerose, also die Verkalkung der Arterien ist die Grunderkrankung, die auch zu einem Aneurysma führen kann, einer Aussackung bzw. Erweiterung von Gefäßen durch schwindende Elastizität. Hochgefährlich ist das zum Beispiel an der Bauchschlagader, der Aorta. Denn: So ein Aorta-Aneurysma kann reißen, der Betroffene in kürzester Zeit innerlich verbluten – wie Albert Einstein, Thomas Mann oder Charles de Gaulle. 

Diese Gefährlichkeit war auch der Grund, weshalb Privat-Dozent Dr. Jens Jakschik, Chef der Allgemein-, Thorax-, Gefäß- und Viszeralchirurgie des Prosper-Hospitals, diesem Thema bei unserer Abendsprechstunde einen eigenen Vortrag widmete. Besonders häufig kommt so ein Aneurysma nämlich nicht vor. 1,5 Prozent der über 65-Jährigen und 2,4 Prozent der über 70-Jährigen sind laut Statistik betroffen, Männer häufiger als Frauen.

Rückenschmerzen können ein Hinweis sein

Gerinnselbildung oder Platzen der Aorta Risikofaktor Nummer eins, so Dr. Jakschik, ist das Rauchen. Außerdem ein Herzinfarkt, Bluthochdruck und ein gestörter Fettstoffwechsel.

 Ähnlich wie die Verengung der Arterien bleibt auch die krankhafte Erweiterung von Gefäßen lange Zeit unbemerkt und ist oft ein Zufallsbefund. Wenn sich dann Symptome einstellen, sind die oft sehr irreführend. Dr. Jakschik nannte unter anderem Rückenschmerzen und Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule, der Nieren und der Flanken, aber auch im Bauchbereich. 

Ein Aneurysma kann platzen

Von einem Aorta-Aneurysma spricht man, wenn die Bauchschlagader auf einen Durchmesser von drei Zentimetern und mehr erweitert ist (normal sind 1,5 cm). Eine Sonografie (Ultraschall) kann das sichtbar machen. Je nach Größe der Erweiterung müssen betroffene Patienten die Entwicklung regelmäßig überwachen lassen. 

Es können sich Gerinnsel bilden, die irgendwo im Körper einen Gefäßverschluss verursachen, und das Aneurysma kann platzen – letzteres mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent pro Jahr bei einer Erweiterung von unter fünf Zentimetern, von 10 Prozent bei unter sechs Zentimetern und von 25 Prozent bei über acht Zentimetern. 

Eine Operation minimiert das Risiko

Um das zu verhindern, kann das Aneurysma operiert werden. Dabei wird in die erweiterte Stelle eine Prothese eingelegt, die den Druck von den Gefäßwänden nimmt, sodass sie nicht mehr reißen können. Das wird in den meisten Fällen minimalinvasiv innerhalb der Gefäße (endovaskulär) gemacht, aber auch im Rahmen von offenen Operationen. Risiken gibt es trotzdem, wie Jakschik betonte. Die Prothese kann ein Leck bekommen oder verstopfen, ebenso die Seitenäste der Aorta.

 Und er bemühte erneut die Statistik einer Studie: Nach offenen Operationen starben innerhalb von sechs Monaten 45 von 626 Patienten, nach dem minimalinvasiven Eingriff nur 26 von 626. Aber Langzeitstudien hätten gezeigt, dass dieser Unterschied nach acht Jahren verschwunden ist. Dr. Jakschik: „Man sollte nicht nur die Größe des Hautschnitts im Blick haben, wenn man über die Operationsmethode entscheidet. Das gilt auch für andere minimalinvasive Verfahren.“ 

Grundsätzlich rate man Patienten mit einem Aneurysma der Bauchschlagader aber nur dann zur Operation, wenn das Risiko des Platzens größer ist als der Operation.

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