Chronische Wunden - Hilfe bei Ulcus cruris venosum
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Bei offenen Beinen ist auch eine Kompressionstherapie fester Bestandteil der Behandlung.

Abendsprechstunde "Offene Beine"

Keine Heilung nach acht Wochen

  • vonHeidi Meier
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Chronische Wunden an den Beinen können lebensbedrohlich werden, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer im Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen berichteten Experten, was zu tun ist.

In Deutschland gibt es 800.000 Patienten mit nicht heilenden Wunden, 500.000 davon lassen sie nicht behandeln, und 80 Prozent davon haben mit Durchblutungsstörungen zu tun. Durchschnittlich 3,5 Jahre braucht es in Deutschland im Schnitt bis ein Patient mit chronischen Wunden an einen Facharzt gelangt. Dabei ist die Sterblichkeitsrate höher als bei allen Tumorerkrankungen mit Ausnahme von Lungenkrebs. – Mit diesen beeindruckenden Zahlen machte Dr. Jan Friedrich Brinkmann, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie, vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie am Klinikum Vest, bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer am vergangenen Montag deutlich, wie dringend es ist, chronische Wunden ernst zu nehmen und adäquat zu behandeln.

Auch Sehnen, Bänder und Knochen werden angegriffen

Von chronischen Wunden, an den Beinen auch offene Beine genannt, spricht man, wenn eine Wunde nach acht Wochen nicht abheilt. Häufig sind Durchblutungsstörungen die Ursache, aber auch Venenschwäche, Diabetes und Druckgeschwüre.

Betroffen, so Dr. Brinkmann, ist davon weiß Gott nicht nur die Haut, sondern auch tieferliegende Strukturen wie Sehnen, Bänder und Nerven, die für die Funktion zum Beispiel eines Fußes von großer Wichtigkeit sind. Und das geht sehr schnell. Wie Dr. Brinkmann auch anhand von eher gruseligen Fotos veranschaulichte, frisst sich so eine Wunde rasant bis in den Knochen.

Frühzeitig beim Hausarzt vorstellen 

Vor jeder Behandlung der Wunde, das betonte der Fachmediziner mehrfach, muss unbedingt die Ursache gesucht und behandelt werden. „Sonst wird die Wunde immer wieder verbunden, und nichts verbessert sich.“

Zur Diagnose von offenen Beinen müsste daher die ganze Krankheitsgeschichte erhoben werden, familiäre Dispositionen und Medikamente inklusive. Hinzu kommt eine körperliche Untersuchung – z.B. im Hinblick auf ein chronisches venöses Stauungssyndrom, auf eine arterielle Verschlusskrankheit, ein diabetisches Fußsyndrom oder Tumore. 

Der erste Weg bei einer nichtheilenden Wunde sollte zum Hausarzt führen, und wenn dieser feststellt, dass es sich um eine Wunde mit besonderer Ursache handelt, so Dr. Brinkmann, müsse der direkte Weg zum Facharzt führen, um die Gefäße per Ultraschall oder Röntgen näher zu untersuchen und die Wunde dann stadien- und leitliniengerecht zu behandeln.

Erst die Ursache dann die Wunde behandeln

Entscheidend für den Erfolg sei es, erst die Ursache der nichtheilenden Wunde und dann die Wunde selbst professionell zu behandeln und sicherzustellen, dass der Patient diese auch zuhause weiter versorgen kann. Ferner, dass der Verlauf der Heilung auch nach einem Krankenhausaufenthalt weiter durch einen Facharzt überwacht wird, sodass dieser bei Rückschlägen rechtzeitig gegensteuern kann. 

Je schneller zum Arzt, desto schneller die Heilung

Viele Menschen mit offenen Beinen gingen indes erst gar nicht zum Arzt und lebten irgendwie damit, berichtete Dr. Brinkmann aus seinen Erfahrungen. Häufig seien bei ihnen Nerven schon so beschädigt, dass sie keinen Schmerz mehr melden. Der Facharzt mahnte denn auch: „Je eher Sie zum Arzt gehen, desto weniger tief wird die Wunde und desto besser kann man sie zum Abheilen bringen. Wir wissen heute, dass die Zeit bis zum Abheilen unter fachkundiger Behandlung etwa genauso lang ist, wie die Zeit, die der Patient bis zur Behandlung gewartet hat.“

Richtige Wundauflagen führen zum Erfolg

Offene Beine mit nicht heilenden Wunden bekommen heutzutage eine „feuchte, aktive Wundbehandlung“, deren Dreh- und Angelpunkt die richtigen Wundauflagen sind. Wie Dr. Nadine Deppermann, Fachärztin der Klinik für Dermatologie des Klinikums Vest, bei unserer Abendsprechstunde berichtete, gehört dabei die trockene Wundbehandlung der Vergangenheit an, seit man festgestellt hat, dass eine feuchte Behandlung für weniger Schmerzen, eine schnellere Zellteilung und einen schnelleren Rückgang der Wundbeläge, die übrigens meist fälschlich für Eiter gehalten werden, sorgt. 

So nehme eine moderne Wundauflage Wundsekret auf, ohne die Wunde auszutrocknen, in ihr enthaltene Kohle und Silber töteten Bakterien ab und bänden den oft unangenehmen Geruch. Ergänzt durch antiseptische Wundspülungen sei die Behandlung hypoallergen und irritiere die Wunde nicht weiter. Und dann, so Deppermann, müsse der Einsatz auch noch so einfach sein, dass der Patient damit auch zu Hause klar kommt. 

Von der Reinigung bis zum neuen Gewebe

Die Wahl der Wundauflage müsse unbedingt der jeweiligen Phase der Wundheilung angepasst werden, betonte die Fachärztin. Zu Beginn, in der Reinigungsphase, sei es wichtig, die Wundbeläge aufzulösen und totes Material zu entfernen.

Das geschehe aktiv mit einem Skalpell, einem scharfen Löffel oder einem Wasserstrahl, der unter Hochdruck noch feiner schneide als ein Skalpell. Oder aber passiv: mit einem Hydrogel oder – man höre und staune – mit Fliegenlarven! (siehe Artikel „Biochirurgie: Wenn Maden das Skalpell ersetzen“)

Ziel der Behandlung in dieser Phase ist es, die Wunde dazu zu bringen, wieder neue Gewebestrukturen aufzubauen, was in der zweiten Phase der Wundheilung, der sogenannten Granulationsphase, geschieht.

Atmungsaktive Wundauflagen in der Granulationsphase

Hier stehen die Bildung neuer Gefäße und das Auffüllen von Defekten durch Granulationsgewebe im Vordergrund. So wird die Versorgung der Wunde mit Blut, Sauerstoff und Nährstoffen sichergestellt, ohne die eine weitere Wundheilung unmöglich wäre.

 In dieser Phase kommen Wundauflagen mit Wirkstoffen aus der Braunalge oder atmungsaktive Auflagen aus einem Material, das dem typischen Haushaltschwamm ähnlich ist, infrage, wie Dr. Deppermann beschrieb. Wunden mit sehr viel Wundsekret könnten auch Auflagen, die sehr viel Sekret aufnehmen können (Deppermann: „Im Grunde wie bei einer Pampers“) oder das Abpumpen des Sekrets erforderlich machen.

Hauttransplantation bei größeren Defekten

Wieder andere Wundauflagen werden in der dritten Phase der Wundheilung benötigt, in der der Verschluss der Haut das Ziel ist. Fettgaze, Silikongaze, Silikonschaum waren hier die Stichworte. Bei passgenauer Anwendung sei ein Verbandwechsel dann nur alle vier bis fünf Tage nötig. Größere Defekte müssten jetzt per Hauttransplantation geschlossen werden, was nur bei einem „sauberen, granulierenden Wundgrund“ möglich sei.

Wichtig: Kompressionsstrümpfe oder Wickel

Eine wichtige Säule der Behandlung ist darüber hinaus die Kompressionstherapie. Sie fördert den Rückfluss des Blutes zum Herzen sowie den Lymphabfluss, Gewebswasser wird rausgedrückt, die Sauerstoffversorgung unterstützt und auch der Abtransport von Giftstoffen. Für diese zur Wundheilung so wichtigen Effekte sei es egal, so Dr. Deppermann, ob der Patient Kompressionsstrümpfe trägt oder die Beine wickelt. „Wichtig ist, womit er sich wohlfühlt und womit er klarkommt.“

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