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Volles Haus bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer im St. Elisabeth-Hospital Herten. Das Thema "Probleme mit der Schilddrüse" stieß auf so großes Interesse. 

Abendsprechstunde "Die Schilddrüse"

Schilddrüse liefert Hormone für fast alles

Sie ist nur wie ein kleiner Schmetterling, spielt aber eine zentrale Rolle in unserem gesamten Stoffwechsel: die Schilddrüse. Wenn sie Probleme hat, ist das im ganzen Körper spürbar.

Und manch einer denkt nicht mal an die Schilddrüse, wenn er zum Beispiel ständig friert, abgeschlagen und depressiv ist. Das in Erwägung zu ziehen und die Schilddrüsenhormone zu untersuchen, wäre dann Sache des Hausarztes, der stets erste Anlaufstelle ist. Bei der Abendsprechstunde des Medienhauses Bauer im Hertener St. Elisabeth-Hospital war es denn auch Sache des Hertener Facharztes für Allgemeinmedizin, Matthias Reising, grundlegendes Wissen zur Schilddrüse und den Problemen, die sie machen kann, zu vermitteln.

Zunächst: Es ist die Hirnanhangsdrüse, die das Hormon TSH produziert und damit die Schilddrüse steuert, die dann aus Eiweiß und Jod die Hormone T3 und T4 sowie Kalzitonin bildet und über das Blut ausschüttet. Und die wiederum beeinflussen den Stoffwechsel, das Wachstum, den Wärmehaushalt, die Reifung der Zellen, Herz und Kreislauf, Muskeln, Knochen, Haare, Haut, Verdauung und Psyche. – Entsprechend vielfältig und manchmal diffus sind die Probleme, die Patienten spüren, wenn die Schilddrüse nicht richtig arbeitet.

Schwitzen, Herzrasen, Gewichtsverlust 

In der Regel geht es dann um eine Über- oder Unterfunktion dieses zentralen Organs. Bei einer Überfunktion werden zu viele Hormone gebildet – Herzrasen, Schwitzen, schneller Puls, Gewichtsverlust trotz gutem Appetit, übermäßiges Schwitzen, Ruhelosigkeit, Durchfälle können die Folge sein. Bis hin zu krisenhaftem Geschehen mit 41 Fieber und Bewusstlosigkeit, ausgelöst durch eine plötzliche, übermäßige Jodbelastung oder ein Stressereignis, könne das gehen. Matthias Reising: „Die meisten Überfunktionen verlaufen aber nicht so dramatisch.“

Meist sei die Basedowsche Krankheit oder ein autonomes Adenom die Ursache. Morbus Basedow, eine Autoimmunkrankheit, bei der Antikörper gegen die Schilddrüse gebildet werden, könne nach der Diagnose mittels Ultraschall, Laboruntersuchung und Szintigrafie zunächst mit Medikamenten behandelt werden – und zwar ein Jahr lang. Danach müsse es absetzt werden, um zu erproben, ob die Schilddrüse nun wieder in der Spur ist. Ist sie es nicht, so Reising, muss sie entfernt werden.

Autonome Adenome sind Bereiche der Schilddrüse (Knoten), die sich selbstständig gemacht haben und Hormone unabhängig von der Hirnanhangsdrüse produzieren, was zu einer Überproduktion führen kann. Oft steckt eine durch Jodmangel verursachte Vergrößerung der Schilddrüse – ein Struma oder „Kropf“ – und / oder eine ebenfalls auf Jodmangel zurückgehende Knotenbildung dahinter. Eher selten kann auch eine Entzündung der Schilddrüse oder sehr selten ein Tumor die Ursache einer Überfunktion sein.

Kalte und heiße Knoten

Und nun zu den viel zitierten heißen und kalten Knoten. Heiße Knoten sind Bereiche der Schilddrüse, die sehr aktiv sind und mehr Hormone produzieren als andere, kalte Knoten sind Areale, die nur noch wenige oder gar keine Hormone mehr bilden.

„Oft sind sie ein Zufallsbefund“, berichtete Matthias Reising. Denn solange die Schilddrüse noch normal arbeitet, bekommt der Patient davon nichts mit. Sind die Knoten größer als ein Zentimeter, müssten sie per Szintigrafie untersucht und bestimmt werden, ob es sich um warme bzw. heiße oder kalte Knoten handelt. Die Sorge dahinter: Fünf Prozent der kalten Knoten sind bösartige Tumore.

Knoten die Probleme verursachen, so Reising, müssten behandelt werden –mit Medikamenten oder auch mit einem chirurgischen Eingriff. 

Müde, antriebslos, frierend und depressiv

Und was, wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone produziert? Matthias Reising: „Die Patienten frieren, sind müde und antriebslos, nehmen zu, leiden unter Verstopfung, Ödemen und oft auch Depressionen.“ Oft sei die Ursache schwer auszumachen, viele Menschen haben diese Beschwerden auch ohne eine Schilddrüsenerkrankung. „Daher ist es sinnvoll, bei solchen Beschwerden auch den TSH-Wert per Blutuntersuchung zu bestimmen.“

 Häufigste Ursachen seien eine Schilddrüsenoperation, Medikamente und eine Autoimmunkrankheit namens Hashimoto-Thyreoiditis, die das Schilddrüsengewebe angreift. Genetische Ursachen und eine Überbelastung mit Jod spielen eine Rolle dabei.

 Menschen mit einer Unterfunktion müssen Schilddrüsenhormone einnehmen, und auch die Gabe von Selen könne den Verlauf abschwächen, erläuterte Reising. Eine Behandlung, die das Übel an der Wurzel packt, sei allerdings nicht bekannt.

Wenn der Chirurg ran muss

Wenn Tabletten der Schilddrüse nicht helfen, wird‘s chirurgisch. „Nicht jeder Knoten muss operiert werden, nicht jeder, der bei uns landet, wird gleich auf den Operationstisch gezogen.“ Das betonte Prof. Dr. Dr. Matthias Heuer, Chefarzt der Chirurgie des Hertener St. Elisabeth-Hospitals, bei unserer Abendsprechstunde ausdrücklich – nicht, ohne auf die besondere Expertise und große Erfahrung seiner Abteilung mit Schilddrüsen-Operationen zu verweisen.

Diese erfolgten streng nach den Richtlinien der Fachgesellschaften und erst, nachdem jeder Patient höchst individuell beurteilt wurde. Prof. Heuer: „Von zehn Patienten, die zu uns kommen, sind nur drei zur Operation indiziert.“

Risiko: Verletzung der Stimmbandnerven

Als Indikationen für eine Operation listete er einen Kropf, Knoten, die sich selbstständig gemacht haben, Morbus Basedow, Entzündungen und ein Karzinom auf. Und kam dann auch gleich zu dem besonderen Risiko einer Schilddrüsen-OP: die Verletzung der Stimmbandnerven, die links und rechts neben der Schilddrüse verlaufen. Wird nur einer von ihnen verletzt, habe der Patient eine raue Stimme wie nach einer durchzechten Nacht, was sich durch Sprachtherapie wieder beseitigen ließe. Bei einer Verletzung beider Nerven kommt es zu Atemnot. Darüber hinaus könne die Nebenschilddrüse verletzt werden. Prof. Heuer: „Daher sollte man sich nur dort operieren lassen, wo es einen großen Erfahrungsschatz gibt.“

 Vor der Operation lasse er immer eine Stimmbandspiegelung durch einen externen HNO-Arzt durchführen. Während der Operation werden die Stimmbandbandnerven dann per Neuromonitoring überwacht, das auch eine Überprüfung ihrer Funktionsfähigkeit davor und und danach ermöglicht. Auch die Nebenschilddrüse wird für den Operateur gut sichtbar dargestellt.

Von der Operation bleibt nur ein weißer Strich 

Der Operationsschnitt verlaufe etwa zwei Finger breit über der Kuhle am Ende des Brustbeins, werde etwa drei Zentimeter lang und sei nach vier bis sechs Wochen nur noch als weißer Strich zu sehen. Erst während der Operation entscheide man genau, was entfernt werden muss, eventuell könne ein Knoten auch mal drinbleiben. 

Minimalinvasive Verfahren mit Schnitten von nur eineinhalb bis zwei Zentimetern, so Heuer, kämen nur infrage, wenn klar sei, dass nur kleine Gewebeteile entfernt werden müssen, die man durch diese Öffnung auch herausbekommt.

Kritischer Blick auf die Radiotherapie

Eher kritisch sahen Prof. Heuer und Nuklearmediziner Dr. Beautemps übrigens die Radiojodtherapie als Alternative zur Operation. Dabei schlucken die Patienten eine Kapsel mit radioaktivem Jod, das sich in der Schilddrüse anlagert und umliegende Zellen zerstören soll. Während dieser Zeit ist der Patient für einige Tage isoliert, um andere nicht zu gefährden, und danach muss er lebenslang an Nachsorgeuntersuchungen teilnehmen. Handelt es sich um einen Knoten, so die Hertener Ärzte, sei der Patient bei einer Operation hingegen nach zwei Tagen zu Hause und der Fall erledigt. Ihre Berechtigung habe die Radiojodtherapie nach der Entfernung bösartiger Tumoren, um eventuell verbliebene Zellen zu zerstören.

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