Eine junge Frau sitzt bei geöffnetem Fenster auf einer Fensterbank und schaut hinaus auf Bäume.
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Nicht nur im Lockdown ist es wichtig, den Kontakt zur Natur nicht zu verlieren.

Interview mit Umweltpsychologe Dr. Michael Kramer (LWL)

Tipps gegen den Blues im Lockdown

  • Tobias Mühlenschulte
    vonTobias Mühlenschulte
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Die Lockdown-Maßnahmen sind zwar in NRW nicht verschärft, dafür aber verlängert worden. Das bedeutet, dass Menschen weiterhin sehr viel Zeit zuhause verbringen. Mit dem Wirtschafts- und Umweltpsychologen Dr. Michael Kramer (LWL) sprach Tobias Mühlenschulte darüber, wie man seelisch gesund wohnt.

TM: Herr Dr. Kramer, wie übersteht man einen Lockdown in den eigenen vier Wänden?

Dr. Michael Kramer: Die allerwichtigste Intervention ist es, weiterhin mit der Natur in Kontakt zu bleiben. Wenn die Wohnsituation es ermöglicht, sollte auf übermäßigen Fensterschmuck verzichtet werden. Der freie Blick nach draußen kann eine Entlastung des Stresserlebens erzeugen. Regelmäßiges Lüften ist ja ohnehin notwendig, aber eben auch aus olfaktorischen Gründen macht es Sinn: Außenluft riecht anders als Innenluft. Wenn man es nicht schafft rauszukommen, muss man die Natur hereinlassen.

Aber noch besser sind Aufenthalte an der frischen Luft?

MK: Wenn es irgendwie möglich ist, sollte man einmal am Tag den Wohnraum verlassen – selbst bei Regen. Man kann sich Zeitfenster dafür setzen. Und es muss auch gar kein ausgedehnter Spaziergang sein. „Ökologische Nische“ heißt das in der Umweltpsychologie. Um Lebenskraft zu schöpfen, ist es wichtig, die Verbindung zur Natur nicht zu verlieren.

Umwelt- und Wirtschaftspsychologe Dr. Michael Kramer (Leiter der Abteilung Finanzen, Entwicklung, IT-Management des LWL-Regionalkliniknetzes Bochum/Herten/Herne im LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen)

Was kann passieren, wenn Menschen das Haus nicht regelmäßig verlassen?

MK: Das könnte zu Deprivationsphänomenen führen, die eine Veränderung des Wahrnehmens und Empfindens bedeuten. Das muss erst mal nicht problematisch sein, aber langfristig können diese Phänomene negative Folgen haben. Diese könnten sich beispielsweise als Antriebslosigkeit, aber auch in Konzentrationsschwierigkeiten oder einem allgemeinen Unwohlsein niederschlagen. Auch ist eine Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus‘ beziehungsweise der Schlafgewohnheiten möglich – etwa spätes Zubettgehen und in der Folge dann nicht aus dem Bett kommen.

Was raten Sie hinsichtlich der Einrichtung des Wohnraums?

MK: Aufräumen und Segmentieren ist ganz wichtig. Wenn ich mich öfter und länger zuhause aufhalte, nutze ich automatisch mehr Dinge. Es ist ratsam, Struktur in die Wohnung oder ins Haus zu bringen, ansonsten kann sich ein Unwohlsein einstellen.

Kann das Umstellen von Möbeln oder eine anderweitige Veränderung der Einrichtung positive Effekte während des Lockdowns haben?

MK: Änderungen machen hier keinen Sinn, wenn man es nicht möchte. Der persönliche Geschmack entscheidet. Eine vollgestellte Wohnung kann ja auch gemütlich sein. Aber es gibt natürlich Menschen, die das gar nicht leiden können. Es gibt kein Rezept für Ästhetik.

Was können Farben bewirken?

MK: Bei beengtem Wohnraum erzeugen hellere Farben, also solche mit einem hohen Weißanteil, gefühlt mehr Platz. Dabei ist unerheblich, ob die Wände nun grün, orange oder blau sind. Im Kinderzimmer trainieren starke Kontraste – etwa bunte Farbapplikationen oder Wandtattoos – die Wahrnehmung. Aber auch Erwachsene benötigen Orientierung, deshalb sollte eine Wohnung auch nicht mit zu wenigen Gegenständen eingerichtet sein.

Welche Dinge können Menschen beachten, die zuhause im Homeoffice arbeiten?

MK: Wer seiner Arbeit am Esstisch nachgeht, sollte das möglichst nicht auf dem gleichen Platz tun, auf dem er auch privat beim Essen sitzt. Und ob Lockdown oder nicht: Eine angepasste Beleuchtung im Wohnraum ist immer wichtig. Tagsüber darf das Licht hell, abends sollte es eher abgedunkelt sein. Hier kommt wieder die Natur ins Spiel. Unnatürliche, kaltweiße Lichtfarben gilt es zu vermeiden. Man sollte die Lichtverhältnisse im Wohnraum möglichst denen in der Natur angleichen.

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