20 Quadratmeter Wohnfläche: Was Tiny-Houses an Platz fehlt, machen sie mit Charme wieder wett.
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20 Quadratmeter Wohnfläche: Was Tiny-Houses an Platz fehlt, machen sie mit Charme wieder wett.

AUS DEM VEST

Minimalistisches Wohnen in den Vordergrund rücken

  • Franziska Gerk
    vonFranziska Gerk
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Es ist eine neue Art des Wohnens, die es bald auch im Vest geben soll. Tiny Houses sind in anderen Regionen Deutschlands bereits auf dem Vormarsch. Und auch im Kreis Recklinghausen könnte das Projekt langsam Fahrt aufnehmen – wenn die Politik mitziehen würde.

Die Zeit rennt. Und mit ihr der Traum vom kleinen Eigenheim. Zumindest für Birgit Topel. Die 59-Jährige, noch wohnhaft in Bochum, möchte in naher Zukunft ins Vest ziehen, vorzugsweise nach Haltern. Aber nicht in irgendein Haus. Für sie soll es ein Tiny House (zu deutsch: winziges Haus) sein. „Ich möchte meine Lebensart auf ein Minimum reduzieren. Dazu brauche ich nicht viel. Und so ein Tiny House passt perfekt“, sagt sie. Konkrete Pläne fürs Wohnen auf wenig Quadratmetern gibt es da schon. „Ich stelle mir ein Haus mit 20 bis 25 Quadratmetern Fläche vor, auf der alles ebenerdig zu erreichen ist. Schon im Hinblick auf das fortschreitende Alter und eventuell damit einhergehende körperliche Beschwerden“, erklärt Birgit Topel.

Viele Tiny Houses hat sie sich bereits angeschaut, Ideen aus dem Internet für sich optimiert. „Da gibt es beispielsweise ein Bett, das unter der Decke hängt und über einen Seilzug hinunter auf die Sitzebene gezogen werden kann“, verrät sie. Das spare tagsüber Platz und biete die Möglichkeit, auch mal Gäste zu empfangen.

Mit dem leben, was ausreicht
Platz für das Nötigste zu schaffen, den Minimalismus leben: Das ist der Grundgedanke eines Tiny Houses. Auf wenig Quadratmetern leben die Bewohner mit dem, was ausreicht. Kein unnötiges Tafelservice für 12 Personen, kein zusätzliches Arbeitszimmer und keine Ecken und Nischen, in denen sich Krimskrams ansammeln kann. Dabei hat so ein Tiny House alles, was man zum Leben braucht: ein Bad, eine Küche, ein Wohn- und Schlafbereich. Die Möbel sind so konzipiert, dass sie multifunktional sind. Unter Treppenstufen verbergen sich beispielsweise Schubladen, Schränke werden im Handumdrehen zur Sitzfläche ausgeklappt. So bieten sich viele Wohnmöglichkeiten auf kleiner Fläche. Und alles kann individuell geplant werden.

Birgit Topel stellt sich für ihr Haus beispielsweise nur eine abschließbare Tür innerhalb der Wohnung vor: „Das wäre das Badezimmer. Da brauche ich meine Privatsphäre. Ansonsten soll das Haus wie ein großer Raum werden – mit Küchenzeile und Wohnbereich.“ Ein Garten wäre für die 59-Jährige denkbar, aber kein Muss. „Ich brauche meine Lebensmittel nicht selbst anzupflanzen. Ich gehe ganz normal einkaufen“, erklärt sie lachend. Die Vorstellung, dass Tiny- House-Besitzer sich selbst versorgen, ist nicht ganz unbegründet. „Oft werden sie von außen wie eine Art Kommune wahrgenommen, die Ökos der Neuzeit, die den Ausstieg aus der Gesellschaft wagen wollen“, sagt Birgit Topel. Doch einen Ausstieg aus der Gesellschaft will sie ganz und gar nicht. „Ich möchte weiterhin kulturelle Veranstaltungen besuchen und zur Arbeit gehen. Einzig meine Wohnstätte soll sich verkleinern.“

Eigentlich ein ganz einfacher Plan, der dann aber in der Realität doch viele Schwierigkeiten birgt. „Es gibt einfach keine Bauplätze für Tiny Houses im Vest“, erklärt Birgit Topel. Alles, was nicht zu den gewöhnlichen Bauweisen wie einem Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus zählt, werde auf den Bauämtern nicht angenommen. Seit zwei Jahren ist sie in einer Facebook-Gruppe, die hartnäckig an den Plänen für Bauplätze in Haltern festhält. Und das scheint langsam auch Früchte zu tragen. Denn die Stadt Haltern verkauf in Lippramsdorf-Mersch zwei Grundstücke, die für Tiny Houses vorgesehen sind. Gegen ein Höchstgebot sollen die Grundstücke den Besitzer wechseln, der Bodenrichtwert liegt bei 180 Euro.

Die Halterner Facebook-Gruppe hat 192 Mitglieder. Das Interesse an der anderen Wohnkultur steigt stetig. Doch wer glaubt, nun entbrennt ein Bieterstreit um die beiden Halterner Grundstücke, der fehlt. „Was dort angeboten wird, ist aus meiner Sicht, und das sehen viele andere Interessen auch so, völlig überzogen und zeigt, dass sich die Stadtplaner nicht mit dem Konzept eines Tiny Houses auseinandergesetzt haben“, sagt Birgit Topel. Denn einzig einen Bauplatz für kleine Häuser zur Verfügung zu stellen, reiche nicht. „Die Wohnsiedlung ist gewachsen, dort stehen Einfamilienhäuser“, erklärt Birgit Topel. „Tiny Houses passen dort einfach nicht rein. Ich möchte nicht als Exot gelten, wenn ich dort wohne“, sagt sie. Außerdem sei der Preis für Grundstücke in einer Lage mit schwacher Infrastruktur viel zu teuer.

„Und damit sind wir beim zweiten Problem: Die meisten Tiny House-Besitzer möchten kein Grundstück kaufen, sondern lieber pachten“, erklärt sie. Ein Grund: Die Unabhängigkeit. In einem Tiny House zu wohnen sei eine Änderung des Lebensstils, die gut überlegt werden müsse, erklärt die Bochumerin. Dennoch verändern sich im Laufe der Zeit die Lebensumstände und so könne es sein, dass nach einigen Jahren das Leben in einem kleinen Haus doch nicht mehr das Wahre ist. „Oder man wechselt die Arbeitsstelle und muss umziehen. Dann möchte man kein Grundstück verkaufen müssen.“

Außerdem stünden die Grundstückskosten nicht im Verhältnis zum Hauskauf. 65.000 Euro würde Birgit Topel für ihren Traum vom Haus ausgeben. Die Halterner Grundstücke verfügen über eine Fläche von jeweils 220 Quadratmeter. Das macht einen Richtpreis von 39.600 Euro. Hinzukommen die Anschlusskosten für Wasser, Abwasser und Strom.

Neue Wohnformen akzeptieren
Birgit Topel wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft und die Bereitschaft, auch neue Wohnformen zu akzeptieren. „Oft heißt es, man könne keine Tiny Houses bauen, weil das Konzept nicht ins Stadtbild passt. Aber warum stellt man dann nicht mal ein Pachtgrundstück für eine Art kleine Mustersiedlung zur Verfügung?“, fragt sie. Sie würde sich freuen, Nachbarn zu finden, die ähnliche Vorstellungen vom Wohnen haben. Dennoch möchte sie auf ihre 25 Quadratmeter Privatsphäre nicht verzichten – inklusive eigenem Bad.

„Das Ganze soll nicht wie ein Campingplatz werden“, erklärt sie. Das Konzept vom Dauercampen als Zweitwohnsitz sei nämlich auch nicht ganz legal, sagt sie. „Dem könnte man mit einer offiziellen kleinen Siedlung entgegenwirken. Und wie gesagt: Wir Tiny-House-Interessenten sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Lebenseinstellungen. Das Einzige, was wir fordern: Die Freiheit den Minimalismus zu leben.“

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