Ein Riss im Haus, verursacht durch einen Bergschaden
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„Hilfe bei Bergschäden“ war das Thema des Vestimmo-Leserseminars.

Vestimmo-Leserseminar

Was tun bei Bergschäden

  • Franziska Gerk
    vonFranziska Gerk
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Wann ist ein Riss im Gebäude ein Bergschaden? Und was kann man tun, um diesen Schaden fachgerecht reparieren zu lassen? Diese und viele weitere Fragen waren Teil unseres Leserseminares in Kooperation mit der Volksbank Marl-Recklinghausen zum Thema „Bergschäden“ am vergangenen Donnerstag. Zum zweiten Mal fand das Seminar coronabedingt online über das Internet statt – diesmal als Talkformat unter Moderation von Vestimmo-Redakteur Tobias Mühlenschulte.

Am Anfang stand die eine wichtige Frage: Was sind überhaupt Bergschäden? Marcel Tiedeken aus dem Bereich Bergschadenregulierung der RAG (ehemals Ruhrkohle AG) hatte die Antwort: „Kurzum gesagt sind das alle Folgen aus dem Steinkohleabbau.“ Doch wie kann man sich das genau vorstellen? Im Kreis Recklinghausen wurde über Jahrzehnte hinweg Steinkohle abgebaut und Schichten aus dem Erdreich entnommen. Dieser Abbau hat Hohlräume entstehen lassen. „Die oberen Schichten brechen Stück für Stück nach, und an der Oberfläche bilden sich Mulden, die beispielsweise für Schieflagen an Gebäuden sorgen“, so Tiedeken. Die wohl bekanntesten und sichtbarsten Bergschäden sind Risse an Gebäuden. Und diese gehören im Vest zum alltäglichen Erscheinungsbild dazu. Vielleicht war auch gerade das der Grund, warum die Nachfrage nach diesem Online-Seminar mit 60 Teilnehmern so hoch war.

Bis 2018 wurde noch Steinkohle im Revier abgebaut. Bis zu fünf Jahre nach Abbaueende gibt es Einwirkungen, die an der Oberfläche sichtbar sein können. Ab dann werden laut Tiedeken keine Senkungen mehr erwartet. Die RAG verpflichtet sich mit der Bergschadenabteilung, für bis zu 30 Jahre nach Abbaueende für die Nachwirkungen aufzukommen und Reparaturleistungen bei bergbaubedingten Schäden zu leisten.

Referent Marcel Tiedeken hatte Anschauungsmaterial dabei, das zeigte, welche Schäden der Bergbau im Immobilienbereich anrichten kann. Dabei erklärte er: „Die ersten Rissbildungen entstehen meist im Kellergeschoss.“ Klassischerweise sei es ein Riss, der sich nach oben hin verjüngt. Aber es gebe auch Gebäudeschieflagen, die sich langsam mit den Jahren entwickeln. Dabei können ganze Gebäude zu einer Seite hin absacken. „Bis zu einem bestimmten Maß kann man das richten“, sagt Marcel Tiedeken. Aber das sei immer kostspielig. „Die Arbeiten umfassen Hebungen des Gebäudes und können für ein Einfamilienhaus schon mal 180 000 Euro betragen.“ Über 90 Prozent solcher Schieflagen an Gebäuden habe die RAG im Vest schon repariert. „In Haltern gibt es noch einige Fälle, aber auch da sind wir als RAG dran“, so Tiedeken.

Wie stark der Kreis Recklinghausen von Bergschäden betroffen ist, konnte Tiedeken so pauschal nicht sagen. Insgesamt sei die Lage im Vest unterschiedlich. Laut Tiedeken gebe es vereinzelt Stellen, an denen mehrere Flöze untereinander abgebaut wurden. Die Folgen der Bergschäden sind dort natürlich stärker zu erkennen, als an Orten, an denen kein Abbau unter Tage stattgefunden hat.

Wie kann man einen Schaden melden? 
Wenn Eigentümer die Vermutung haben, ein Bergschaden liegt an ihrem Gebäude vor, sollen sie sich laut Tiedeken als erstes bei der RAG melden – entweder per Telefon, E-Mail oder über ein Formular auf der RAG-Homepage. Dann prüft die RAG, ob ein Abbau in der jeweiligen Lage überhaupt stattgefunden hat. Ist der Abbau länger als 30 Jahre her, gilt der Fall als verjährt. Ein weiteres Ausschlusskriterium ist der Verzicht auf Schadensmeldungen, der vielleicht vor vielen Jahrzehnten einmal getätigt wurde. Aber: Dieser Verzicht kann mittlerweile wieder von der RAG abgekauft werden. Dabei wird abgewogen, wie hoch der bestehende Schaden ist und was früher an Verzichtzahlungen geleistet wurde. „In den meisten Fällen kann man sich einigen“, so Tiedeken.

Marcel Tiedeken, Bergschadenregulierung der RAG, sprach beim Vestimmo-Leserseminar über die Verpflichtungen der ehemaligen Ruhrkohle AG.

Doch zurück zur Schadensmeldung: Sind alle Kriterien erfüllt und es sieht nach einem Bergschaden aus, erfolgt eine Ortsbesichtigung mit dem Eigentümer und der RAG. Dabei wird geklärt, ob es baukonstruktive Schäden, Bergschäden oder bereits abgegoltene Fälle durch vorherige Zahlungen und Reparaturen sind. Wird ein Bergschaden zu 100 Prozent von beiden Seiten bestätigt, schickt die RAG eine externe Fachfirma, die den Schaden repariert.

Vom Schaden abhängig ist die Beteiligung der RAG. Liegt beispielsweise ein baukonstruktiver Schaden vor, der durch den Bergbau verstärkt wurde, beteiligt sich die RAG nur teilweise an den Reparaturen. Dabei kann sich der Eigentümer auf ein Angebot der RAG einlassen, das sich entweder auf Reparaturzahlungen oder die Reparaturen selbst bezieht. Finden Eigentümer und RAG nicht zusammen, geht der Fall zur Schlichtung oder wird zum gerichtlichen Verfahren erklärt.

Nach dem Vortrag von Marcel Tiedeken stellten Teilnehmer über den Chat ihre Fragen. Eine lautete: Wie und wo kann ich nachvollziehen, ob ein Verzicht vorliegt? Verzichte seien im Grundbuch eingetragen und notariell gesichert, so Tiedeken. „Findet man dort keinen Eintrag, dann gibt es auch keinen Verzicht“, so Tiedeken. In Einzelfällen plädiert Marcel Tiedeken, immer den direkten Kontakt zur RAG zu suchen: „Sollten Sie Fragen oder Vermutungen zu Bergschäden haben, kontaktieren Sie uns und wir können uns gemeinsam Ihren individuellen Fall anschauen.“

Als zweiter Referent des Abends war Dipl.-Ing. Andreas Mollinga geladen. Der unabhängige Sachverständige mit eigenem Igenieurbüro für Gebäudediagnostik beschäftigt sich hauptsächlich mit Schäden im Bergbaubereich. Fast jedes Gebäude in unserer Region habe Schiefstellungen, so der Experte. Zuerst seien diese an Fenstern und Türen bemerkbar, die sich nicht mehr richtig schließen lassen. „Das sind Bereiche, die das Leben schon einschränken.“ Einmal den Boden ausgleichen reiche da nicht. „Gewisse Dinge kann man teilausgleichen, aber mit Schieflagen haben die Leute ihr Leben lang zu kämpfen“, so Mollinga. Einfacher zu reparieren sei da ein Riss in der Wand.

Das Problem sei dabei aber häufig, dass der Laie gar nicht weiß, was hinter diesem Riss steckt. Mollinga rät dazu, einen Interessensvertreter zu kontaktieren, der unterstützend eingreifen kann. Im Schadensfall eines Bergschadens muss die Kosten dafür der Schädiger, zumeist die RAG, tragen.

Ausführliche Dokumentation erforderlich
Ein unabhängiger Sachverständiger wisse, wie Schäden richtig dokumentiert werden. Einfache Fotos reichen für ein erfolgreiches Verfahren meist nicht aus. „Damit es nachher keine Streitigkeiten gibt, sollte alles genauestens dokumentiert werden. Das machen wir bei einem Autoschaden ja auch“, so Mollinga. Dazu zähle auch, Lineale anzuhalten, um die Größe des Schadens aufzuzeigen. Auch die Schadensveränderung sei wichtig, weiß Mollinga. So kann ein Riss von 0,3 Millimeter innerhalb eines Jahres auf 1,2 Millimeter wachsen. „Dann kann ich die Aussage treffen, dass der Schaden sich mit der Zeit weiterentwickelt und behoben werden muss“, so Mollinga. Auch der Schadensort dürfe nicht vernachlässigt werden. Er rät dazu, zuerst ein Übersichtsbild des Raumes zu machen und dann immer mehr ins Detail zu fotografieren. Denn nur dann könne die Gesamtsituation und die Auswirkung des Schadens auf das Gebäude eingeschätzt werden.

„Ein Laie weiß häufig nicht, welche Arbeiten sind für eine sachgemäße Reparatur notwendig. Reicht es aus, zu verspachteln, oder ist der Riss so tief, dass er beispielsweise in die Gebäudeabdichtung hineingeht?“, fragt Mollinga. Er rät dazu, einen Fachmann zurate zu ziehen, der einschätzt, ob die angebotenen Reparaturen seitens der RAG ausreichend sind.

Doch nicht nur das Mauerwerk zeigt oft Schäden auf. In vielen Fällen sind laut Mollinga auch die Zugangsrohre zum Haus betroffen. Auch hier können Rissbildungen und Brüche auftreten. Mit einer Kamerauntersuchung können diese erkannt und behoben werden. Mollinga rät dazu, eine solche Untersuchung regelmäßig durchführen zu lassen: „Wenn nach 30 Jahren nach Bergbauende die Schadensfristen verjähren, haben Sie das Problem, aber niemanden, der mehr dafür aufkommt“, mahnt Mollinga. Und er weist noch auf etwas anderes hin: Nicht alle Schäden haben diese 30-Jahre-Frist. Es gibt auch deutlich kürzere Fristen, die im Einzelfall geprüft werden müssen.

Andreas Mollinga beschäftigt sich als unabhängiger Sachverständiger viel mit dem Thema Bergschäden.

Ein weiterer Punkt: Die steigende Gefahr von Radon, ein radioaktives Edelgas, das durch Grubenwasser aus den Steinen im Erdboden gelöst wird und durch Risse und Undichtigkeiten im Kellerboden ins Gebäude gelangt. Die Folge: Die Bewohner sind einer erhöhten Radon-Konzentration ausgesetzt. „Nach dem Rauchen sind Radon und seine Folgeprodukte die häufigste Ursache für Lungenkrebs“, erklärt Andreas Mollinga.

Was erwartet uns also in Zukunft? Mollinga geht von Hebungen der Oberflächen aus, die flächenmäßig allerdings nicht gleichmäßig stattfinden werden. Der Grund dafür sei das steigende Grubenwasser. Ähnliche Fälle gab es bereits im Großraum Aachen, nachdem der Bergbau geschlossen wurde. Für das Ruhrgebiet ist diese Entwicklung bislang nur Spekulation. Schäden, die das steigende Grubenwasser dann aber verursacht, werden zur neuen Herausforderung, so Mollinga. Deshalb rät er, frühzeitig mit der Dokumentation des Gebäudes zu beginnen, beispielsweise durch Höhen-Lasermessungen der Außenwände: „Wenn später Schäden auftreten, kann ich mir diesen Teil der Messung ansehen und erkennen, wo der Riss entstanden ist.“ Sein Fazit: „Wir kennen Schäden, die bereits da sind. Aber vieles zeigt sich uns noch nicht. Durch den Anstieg des Grubenwassers können bestehende Schäden verstärkt werden und neue entstehen.“

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