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Luitgard Péron von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Recklinghausen ist Ansprechpartnerin für Menschen, die ein Baudenkmal besitzen.

Luitgard Péron entscheidet bei der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Recklinghausen über Umbauanträge für geschützte Häuser

„Oberstes Gebot bei Baudenkmälern ist Substanzerhalt“

  • Tobias Mühlenschulte
    vonTobias Mühlenschulte
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Stadtbauamtsrätin Luitgard Péron (45) arbeitet seit Juni 2019 bei der Unteren Denkmalbehörde in Recklinghausen. Wer ein denkmalgeschütztes Haus umbauen möchte, kommt an ihr nicht vorbei. Übermäßige Strenge lasse sie aber nicht walten, versichert die Recklinghäuserin: „Wir sind keine Gängelbehörde.“

Die meisten Menschen, sagt Péron, lassen sich bewusst auf ein Denkmal ein. „Dann haben wir das gleiche Ziel: Das Gebäude soll überleben, in eine neue Zeit gerettet werden.“ So etwa im Fall des Hofs Knüver im Recklinghäuser Stadtteil Hillen. Den jetztigen Besitzern bescheinigt die Stadtbauamtsrätin ein großes Interesse am Denkmalschutz. Die Berufe des Ehepaars unterstreichen das: Er ist staatlich geprüfter Holztechniker und Tischlermeister, sie Lehrerin für Kunst.

Mit dem Kauf von Hof Knüver als eingetragenem Baudenkmal hat das Ehepaar eine besondere Verantwortung übernommen. „Damit sind sie verpflichtet, jede bauliche Maßnahme der Unteren Denkmalbehörde zu melden“, erklärt Péron. Mit dem Kauf des Anwesens in Hillen ist ein entsprechendes Denkmaldokument an die Sendlers übergegangen. „Das ist wie ein Personalausweis für einen Menschen“, sagt die Stadtbauamtsrätin. In der Stadt Recklinghausen gibt es 179 eingetragene Baudenkmäler, dazu gehört auch der Denkmalbereich Reitwinkelkolonie, der für sich allein 162 Gebäude umfasst.

Der Hof Knüver im Recklinghäuser Stadtteil Hillen steht unter Denkmalschutz. Gebaut wurde der Hof im Jahr 1730.

Denkmalbehörde und LWL stimmen sich ab

Ihre Entscheidungen für oder wider bauliche Veränderungen fällt Péron in Abstimmung mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Sind beide Instanzen einverstanden, wird ein sogenanntes Erlaubnisverfahren erteilt. Die Planung und Umsetzung der Maßnahmen erfolgt dann in enger Zusammenarbeit zwischen den Besitzern und der 45-Jährigen. „Das funktioniert sehr gut“, sagt sie. „Ich bringe dabei sehr viel Vertrauen entgegen. Ich will keine kontrollierende Instanz sein, ich möchte etwas schaffen mit den Hausbesitzern.“

Denkmäler, so der LWL, dürfen verändert werden, um sie weiter zu erhalten und sinnvoll zu nutzen. „Entscheidend ist dabei, dass die Veränderungen das Erscheinungsbild oder die Substanz des Denkmals nicht erheblich beeinträchtigen“, heißt es auf der LWL-Homepage. Aber was macht ein Denkmal zu einem Denkmal? Es ist nicht etwa ein bestimmtes Alter, das ein Gebäude erreicht haben muss. Es kommt vielmehr auf seine Geschichte und Bedeutung für die Menschen an. In der Akte zum Hof Knüver steht: „Das Wohnhaus mit der Tenne und die Scheune (...) sind Zeugnis einer bäuerlichen Vergangenheit und somit bedeutend für die Geschichte der Menschen in Recklinghausen als Beleg für die Wohn-, Arbeits- und Produktionsverhältnisse im landwirtschaftlichen Bereich (...)“

Die Hofanlage wurde 1730 durch Joes Hen Knüfer mit dem Bau eines Fachwerkbauernhauses gegründet, 1782 kam eine Scheune hinzu. „Wenn ich ein Denkmal retten möchte“, sagt Luitgard Péron, „muss ich ihm eine Funktion zuführen.“ Die ursprüngliche Funktion, nämlich Landwirtschaft, sei aufgrund der geringen Größe des Hofs aus heutiger Sicht unrealistisch. Nun ist er ein reines Wohngebäude.

Die Stadtbauamtsrätin: „Ich will keine kontrollierende Instanz sein, ich möchte etwas schaffen mit den Hausbesitzern.“

Austausch von Bauteilen nur bedingt möglich

Dafür waren einige Veränderungen notwendig. So mussten viele der Querriegel des in Vierständerbauweise errichteten Hauses ausgetauscht werden. Ein Austausch von Bauteilen bei einem Denkmal ist nur bedingt möglich. „Oberstes Gebot bei Baudenkmälern ist Substanzerhalt“, betont Péron. „Aber wenn die statische Funktion nicht mehr gegeben ist, müssen wir austauschen.“ Die neuen Querriegel – auch einige der alten Diagonalriegel mussten dran glauben – sind aber aus dem gleichen Holz wie die Originalteile. Wenn alles gut läuft, gleicht sich der Farbton dem der „Oldies“ im Laufe der Jahre an. Das gleiche gilt für die Holznägel, die in die Riegel geschlagen worden sind.

Auch für die alten Fenster des Hofgebäudes musste eine Lösung gefunden werden, ein 1:1-Tausch wie bei den Riegeln kam nicht infrage. „Fenster bedeuteten früher viel mehr Detailarbeit“, sagt die Stadtbauamtsrätin, „das wäre heute gar nicht mehr finanzierbar“. Die Hofbesitzer griffen zu denkmalgerechten Holzfenstern mit einer starken Profilierung und mehreren kleinen Scheiben. Zur der Zeit, in dem der Hof gebaut worden war, waren große Fenstergläser wie heute technisch nicht möglich.

Aber auch Originalteile kamen zum Einsatz: Die Backsteine waren in einem so guten Zustand, dass sie nach dem Einbau der Holzbalken und Fenster wieder eingesetzt werden konnten. Einen Kompromiss gab es hinsichtlich der Fensterbänke. Hier haben die Besitzer dünne Exemplare verbaut, im Widerspruch zu den früher üblichen dicken Bänken. „Es schadet dem Gebäude optisch aber nicht, deshalb habe ich das so akzeptiert“, erklärt Péron. Hinzu käme, dass die neuen Bauteile mit den alten nicht zu verwechseln seien, von einer Vortäuschung hohen Alters also nicht die Rede sein könne. Ihre Arbeit, so die studierte Architektin, sei ein Prozess der Abwägungen – zwischen dem Denkmalschutz und den Interessen der Besitzer.

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