Das 21. Jahrhundert entscheidet sich entlang der neuen Seidenstraße

E-jiao ist eine traditionelle chinesische Medizin, hergestellt aus Eselhaut, die zur Behandlung von Blutarmut, niedriger Anzahl von Blutkörperchen, Krebs und Erektionsproblemen eingesetzt wird. Die Nachfrage nach E-jiao hat im vergangenen Vierteljahrhundert zu einer Halbierung der chinesischen Eselspopulation geführt, zu einer Vervierfachung der Preise für Esel in Tadschikistan und zu einem Exportverbot für Esel aus Niger und Burkina Faso.

In Peter Frankopan’s neuem Buch The New Silk Roads: the Present and Future of the World (ISBN-13: 978-1526607423) argumentiert der Oxford Historiker, dass der Westen zwar von Brexit, europäischer Politik und Trump besessen ist, aber das, was in den Ländern entlang der Seidenstraßen - China, Delhi, Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten - passiert, letztlich das Jahrhundert entscheidend prägt.

Das Argument, dass die westliche Dominanz vorbei ist, ist bekannt, aber durch die Verwendung anschaulicher Beispiele wie der chinesischen Nachfrage nach Eselspelzen, um zu veranschaulichen, wie die Globalisierung an Tempo gewinnt, zeigt Frankopan, dass wir bereits im asiatischen Jahrhundert angekommen sind.

"Die Verlagerung des globalen BIP von den entwickelten Volkswirtschaften des Westens zu denen des Ostens war in Umfang und Geschwindigkeit atemberaubend. Nach einigen Schätzungen werden die Länder des Nahen Ostens (und Nordafrikas) dank stark gestiegener Ölpreise 2018-19 mehr als 210 Milliarden Dollar (184,5 Milliarden Euro) mehr verdienen als in den vorangegangenen 12 Monaten - ein Glücksfall von beneidenswertem Ausmaß", schreibt er.

In Macau, welches im Jahre 1999 als Sonderverwaltungszone von Portugal an China zurückgegeben worden war, schafft sich China ein eigenes Las Vegas. Im Rest Chinas sind Casinos nicht erlaubt, auch keine neuen Online Casinos gibt es, wie es diese in Deutschland bei zu sehen gibt. Und trotz des Verbotes, möchte die kommunistische Partei ein großes Stück des Kuchens abhaben. Das Glücksspiel macht in Macau mittlerweile fast 80% der gesamten Wirtschaftsleistung aus – Tendenz steigend.

Da der Westen zunehmend auseinanderdriftet und polarisiert wird, arbeiten die Länder der Neuen Seidenstraße enger zusammen. Im Zentrum steht China mit seiner riesigen Wirtschaft und seiner Belt and Road Initiative (BRI), die oft als „Neue Seidenstraße“ bezeichnet wird und die die Veränderungen des globalen Einflusses veranschaulicht.

Die Neuen Seidenstraßen begannen als Nachspiel zu Frankopans meistverkaufter Geschichte der alten Handelsrouten, die China mit dem Westen verbinden, aber stattdessen wurde das Nachwort zu einem Buch, das sowohl eine Lesart der Gegenwart als auch ein Ausblick auf die Zukunft ist.

"Wir leben in einer Transformation und einem Wandel, der in seiner Größe und seinem Charakter epochal ist", sagt Frankopan.

China ergreift die Initiative

An der chinesischen „Seidenstraßen-“ Initiative sind inzwischen über 80 Länder mit einer Gesamtbevölkerung von 4,4 Milliarden Menschen beteiligt, 63 Prozent der Weltbevölkerung. Zusammen machen diese Länder fast ein Drittel der Weltproduktion aus, und Chinas Präsident Xi Jinping hat versprochen, dass er "der menschlichen Zivilisation Glanz verleihen" wird.

Es ist schwierig, einen Eindruck davon zu bekommen, was genau die neue Seidenstraße ist. In Lanzhou etwa, der Hauptstadt der immer noch bitterarmen chinesischen Provinz Gansu, finden unzählige Straßenbauprojekte statt, welche die Infrastruktur nach Westen erstellen sollen. Aber natürlich ist dies auch ein Motor für heimischen Arbeitsmarkt Chinas.

Die Kritik an der Seidenstraße

Viele kritisieren das Seidenstraßenprojekt und sagen, dass China versucht politischen Einfluss in anderen Ländern aufzubauen und sich damit einen Hebel zur Einflussnahme zu erkaufen.

Viele Länder profitieren auf den ersten Blick finanziell sehr stark von den Auslandsinvestitionen. Wie der kambodschanische Premierminister Hun Sen sagt: "Andere Länder haben viele Ideen, aber kein Geld. Wenn China jedoch eine Idee hat, steht auch das Geld dafür bereit." In Kambodscha regt sich jedoch auch Widerstand. Ein Staudammprojekt zur Energiegewinnung kam nicht über die ersten Pfeiler im Flusstal hinaus. Der Druck der lokalen Bevölkerung, welche nicht einsehen wollte, warum in Kambodscha eine chinesische Firma mit chinesischen Arbeitern ein Projekt finanziert und durchführt, das am Ende Strom ausschließlich nach China liefern sollte, war zu hoch.

China steht im Mittelpunkt dieses Buches, da es das einzige Land ist, das anscheinend in der Lage ist, die Führung unter einer fragilen Gruppe von Staaten zu übernehmen, und Frankopan nutzt die schillernden Statistiken, die aus China kommen, auch wenn sich die Wirtschaft verlangsamt. Im Jahr 2017 kündigte an, bis 2021 grob 2000 Filialen in China zu eröffnen - das bedeutet alle 15 Stunden einen neuen Starbucks-Standort.

Er erkennt zwar die wachsende Bedeutung dieser Länder an, kritisiert aber auch Aspekte wie die Massenverhaftungen von Hunderttausenden von Uiguren durch die chinesischen Behörden in Xinjiang und die Rolle Russlands in Syrien.

Bin Laden‘s Steinbrüche

Der Kauf großer Fußballvereine, meist durch Oligarchen der Länder entlang der neuen Seidenstraße, sind für Frankopan ein klares Zeichen und Argument für die zunehmende Globalisierung.

Der Hauptaktionär der Firma, die die Carrara-Marmorbrüche in Italien besitzt, ist die Familie Bin Laden, was bedeutet, dass der im Freedom Tower in New York City verwendete Marmor von der Familie Osama Bin-Ladens abgebaut wird, die die Zerstörung der Twin Towers, die zuvor am 11. September an derselben Stelle standen, inszeniert hat.

Manchmal liest es sich wie eine Polemik. Wenn er einige der negativen Äußerungen von Donald Trump zusammenfasst, ist es schwer zu verstehen, dass der Handelskrieg zwischen China und den USA nicht zumindest zu einem vollständigen Kalten Krieg eskaliert ist.

Während des Wahlkampfes warf Trump China vor, Amerika "die Kehle ausreißen" zu wollen, indem er sagte, dass die Chinesen die USA "unglaubwürdig" missbrauchen wollten. Der Aufbau von Auslandsdevisen, Staatsanleihen und Firmenanteile, durch China, seien der größte Diebstahl in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Und es gibt auch keine Erleichterung für die EU, die Trump als "möglicherweise so schlimm wie China, nur kleiner, OK? Es ist schrecklich, was sie mit uns machen.", bezeichnet. Ein hoher Beamter des Weißen Hauses mit direktem Zugang zum Präsidenten und seinem Denken fasste die Trump-Doktrin als "We're America, Bitch" zusammen.

Einer der leicht schwindelerregenden Effekte der Lektüre dieses Buches ist die Erkenntnis der schieren Menge an Veränderungen, die sich in nur drei Jahren weltweit vollzogen haben. Die zur Gewinnung des Ejiao nötigen Abschlachtung der Esel verdeutlicht die gravierenden Veränderungen, die ein asiatisches 21. Jahrhundert mich sich bringt.

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