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girl with a piggybank

Sauregurkenzeit für Sparer, aber warum eigentlich? Die Hintergründe einfach erklärt

Der Gang zum Kontoauszugsdrucker führt heute bei so manchem nur noch zu verzweifeltem Kopfschütteln. Wenn man sich die Zinssätze anschaut, die neben den anderen Zahlenkolonnen ebenfalls ausgedruckt werden, fällt einem als Normalverbraucher kaum noch etwas anderes ein.

Egal ob Girokonto, Sparbuch oder andere Methoden, sie alle darben seit geraumer Zeit unter mickrigsten Zinsen. Und viele fragen sich, warum? Der folgende Artikel gibt Antwort – und auch einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Am Anfang waren Immobilien 

Die Zinsen sind derzeit im Keller. Was den Sparer ärgert, freut umgekehrt natürlich all jene, die sich Geld leihen möchten. Denn sie profitieren von dieser Niedrigzinsphase, die eigentlich schon eher den Titel Dauerzustand verdient. Und Geld (ver-)leihen, das ist auch fast schon alles, was hinter der momentanen Misere steckt.

Die Krise begann, als immer mehr Amerikaner zwangsgeräumt wurden, weil sie ihre Kreditraten nicht mehr zahlen konnten.

Beginnend 2007/08 erschütterte eine der schwersten Wirtschaftskrisen der vergangenen hundert Jahre die Welt. In den USA platze eine gigantische Immobilienblase, die dadurch entstanden war, dass abertausende Immobilienkredite in verantwortungsloser Weise an Menschen vergeben wurden, die ob ihrer Kreditunwürdigkeit niemals hätten einen bekommen dürfen. Und weil das Weltfinanzsystem global verflochten ist, hatten nun plötzlich tausende Banken damit zu kämpfen, im Besitz fauler Kredite zu sein, die niemand zurückzahlen konnte – nicht nur in den USA, sondern global und oft über Holdings und ähnliche Verästelungen eingeflochten. Daraufhin begannen die Banken mit Selbstschutz. Wo es normalerweise Usus ist, dass sich Kreditinstitute gegenseitig Geld leihen, behielt nun jeder das, was er hatte, eifersüchtig für sich.

Dadurch verstärkte sich das Problem. Banken, die sowieso schon taumelten, weil niemand ihnen die Immobilienkredite zurückzahlte, konnten sich nun auch kein frisches Geld mehr leihen. Erst kippte die Großbank Lehman Brothers, dann musste Autohersteller General Motors Insolvenz anmelden und im Frühjahr 2009 stand die Welt vor einem Scherbenhaufen, der gut vier Billionen US-Dollar (viertausend-Milliarden!) betrug.

Zinsen runter, Wirtschaft munter 

Wenn das Finanzsystem im Krankenbett liegt, geht es immer auch der Wirtschaft schlecht. Und wenn es der Wirtschaft schlechtgeht, leidet der Staatsapparat. Im Fall der Finanzkrise, weil viele der Kranken-Banken auch Anteile an großen Unternehmen hielten, sie in ihrer Not auf einen Schlag veräußerten (damit den Firmenwert in den Keller trieben) und niemand bereit war, Firmen Gelder zu leihen, damit diese investieren konnten. Der Wachstumsmotor verlangsamte sich rapide, bis er stehenblieb. Und Stillstand bedeutet in der Wirtschaftswelt schon einen Schritt vor den Abgrund. Zwar ist die vielzitierte Rezession ein dehnbarer Begriff. Doch wenn das Bruttoinlandsprodukt sinkt, und das tat es während und nach der Krise vielerorts, ist nicht nur die Rezession da, dann wird es brandgefährlich. Firmen fahren in den „Selbstschutzmodus“. Befristete Arbeitsverträge werden nicht verlängert, Investitionen in ferne Zukunft verschoben, Leute entlassen. Der Beginn eines tödlichen Schneeballs, an dessen Ende schon unzählige Male ruinierte Volkswirtschaften standen.

Dann jedoch begannen die Nationen gegenzusteuern. Die USA und die EU senkten dazu u.a.ihre Leitzinsen.

Firmen und Privatleute, die nichts kauften, Unternehmen, die nichts produzierten. 2008 hatte das Zeug dazu, noch viel schlimmer zu werden

Das ist der Zinssatz, zu dem eine staatliche Zentralbank (in den USA die Federal Reserve Bank, kurz Fed, in der EU die Europäische Zentralbank, EZB) den mit ihr zusammenarbeitenden Banken Geld leiht.

Die Hoffnung dieser Maßnahme: Ein sich wie die Rezession selbstverstärkender, aber umgekehrt ablaufender Effekt.

Die Zentralbank leiht das Geld den Banken günstig

Die Banken können sich mit frischem Kapital stärken

Die Banken können zu ähnlich niedrigen Zinsen Kredite an Firmen und Privatleute vergeben

Angenehmer Nebeneffekt: Die Rückzahlung von Staatsschulden wird erleichtert

Unangenehmer Nebeneffekt: Die Zinsen auf Spareinlagen werden extrem unrentabel

Ergo: Jeder hat mehr Geld und/oder kann es sich vergleichsweise günstig leihen, muss es aber auch ausgeben, weil sein Gespartes nichts mehr bringt. In der Zeitleiste dieser Entwicklung kann man das sehr schön sehen. Ab 2008 sinken die Leitzinsen, sinken die Hypothekendarlehenszinsen und sinken eben leider auch die Sparzinsen. Wer sich etwa im August 2008 hierzulande ein Hypothekendarlehen geholt hätte, hätte das zu einem Zinssatz von 5,54% tun müssen. Heute sprechen vor von 1,93%. Und die EZB setzte der Maßnahme noch eins drauf und verordnete Banken, die bei ihr Geld „parken“, einen Strafzins von aktuell 0,4%. Zudem begann sie ein gigantisches Kaufprogramm von Staatsanleihen, um gebeutelten EU-Nationen unter die Arme zu greifen. Momentan beträgt sich allein dieser Einkaufswert auf rund 1,8 Billionen Euro. 

Damals, vor nunmehr zehn Jahren, war das das einzige Mittel, welches noch zog. Und es zog sehr gut. Die niedrigen Zinsen halfen dabei, die Folgen der Finanzkrise vergleichsweise schnell zu beseitigen. In den USA sprach man bereits 2010 davon, dass sie überwunden war. Zum Vergleich, nach dem Börsencrash 1929 hatten die USA noch bis zu ihrem Kriegseintritt 1941 an den Folgen zu knabbern. 

Die EU, insbesondere Deutschland, laborierte allerdings in Teilbereichen wie etwa dem Arbeitsmarkt noch bis 2013 an den Folgen. Auch das lässt sich in der Langzeitübersicht der EU-weiten Arbeitslosenzahlen sehen. Kurz vor der Finanzkrise lag die Arbeitslosenquote bei 6,8%, dann stieg sie bis 2013 auf 11,0%. Erst danach besserte es sich. 

Starker Draghi 

In den USA, wo der Leitzins schon seit Beginn des Jahrtausends niedrig gewesen war, weil man damals mit den Folgen der Dotcom-Blase zu ringen hatte, senkte die Fed den Leitzins schon im Dezember 2008 auf 0,13%. Doch im Gegensatz zur EZB, die den Leitzins zwar erst im März 2016 auf „wirklich“ 0,00% drückte, nachdem er zuvor bei 0,25, 0,15 und 0,05% gelegen hatte, ging die Fed sehr viel vorsichtiger zu Werke. Über die gesamte Krisenzeit und darüber hinaus justierte sie die Zinsen sorgsam nach. Ab 2015 begann man, sie aus dem Keller auf ein halbes Prozent zu erheben. Nach weiteren Feinanpassungen steht er jetzt auf 2,25%.

In der EU weht jedoch ein anderer Wind. Und der kommt ausschließlich aus dem Büro des EZB-Präsidenten Mario Draghi. Er trat seinen Job 2011 an und ist der Grund dafür, dass die

Mittlerweile sagen Finanzexperten, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht, als dass Mario Draghi den Leitzins anhebt.

Leitzinsen nicht steigen. Denn er blickt stur auf die Kerninflation innerhalb der EU. Eine Teuerungsrate, welche Lebensmittel- und Energiepreise ignoriert, weil diese zu stark schwanken.

Nimmt man diese beiden Posten aus der Rechnung, liegt die EU-Kerninflation aktuell zwischen 0,9 und 1,1%. Ein guter Wert, denn die Obergrenze der EZB sind 2%. Und immer wieder bekräftigte Draghi, dass die Leitzinsen erst dann wieder hochgefahren werden, wenn die Inflation trotzdem höhersteigt. 

Noch im Frühjahr 2018 kündigte die EZB an, die Anleihenkäufe zu halbieren. Für Finanzexperten ein erstes Mini-Schrittchen auf dem Weg zur Normalisierung der Lage. Jüngst aber wieder der Rückschlag: Investoren glauben nun nicht mehr, dass die EZB 2019 die Zinsen anheben wird. Allerdings muss man unterstreichen, dass das kein böser Wille ist. Die Wirtschaft der Eurozone hat sich an das süße, günstige Kreditgeld gewöhnt. Die Angst, dass selbst eine vorsichtige Leitzinsanhebung das Wirtschaftswachstum abwürgen könnte, ist ob der Empfindlichkeit der Systeme durchaus real. 

Das ändert allerdings nichts daran, dass die Erhöhung kommen muss. Zum einen deshalb, weil es ungesund wäre, eine zu große Diskrepanz zur weiterhin anhebenden Fed aufzubauen. Zum anderen deshalb, weil ohne höhere Leitzinsen bei künftigen Finanzkrisen (von denen Experten sich sicher sind, dass sie eintreten werden) der spitze Pfeil der Absenkung im Maßnahmen-Köcher der EZB extrem schmerzhaft fehlen würde. 

Daher hoffen vor allem Sparer EU-weit auf den 31. Oktober 2019. An diesem Tag endet die Amtszeit Mario Draghis als EZB-Chef. Wer ihm folgt, ist trotz vieler Spekulationen unklar. Fest steht nur, er wird faktisch gezwungen sein, das zu tun, was viele Sparer sich so sehnlichst wünschen: Das „Parken“ von Geld wieder rentabel machen.

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