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Ein Thesenanschlag für den Fußball: Das muss sich ändern

Martin Luther schlug eins seine weltberühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg, um auf Missstände aufmerksam zu machen und gleichzeitig Lösungsvorschläge zu unterbreiten – die Spaltung der Kirche, die das nach sich zog, kam dagegen eher unbeabsichtigt. So viele Probleme gibt es im deutschen wie internationalen Fußball, selbst nach dieser verkorksten WM, zwar nicht. Aber es reicht, um einen Thesenanschlag der fußballerischen Sorte mehr als zu rechtfertigen. Und auch hier gilt: Es braucht Problemlösungen, keine Spaltungen oder radikalen Wandel.

1. Löw muss weg

Es ist leicht, nach einem für Deutschland so katastrophal verlaufenden Wettbewerb wie der WM mit dem Finger auf einen Schuldigen zu deuten. Doch im Falle von Joachim Löw ist es mehr als berechtigt. Nicht obwohl, sondern weilder deutsche Fußball ihm so viel zu verdanken hat. Löw ist nunmehr seit 2006 Bundestrainer – kann seit dieser Zeit veritable Erfolge vorweisen. Doch selbst der erfolgreichste Trainer macht mit der Zeit Fehler. Das wäre beispielsweise , obwohl der Kader eigentlich eine andere Aufstellung verlangt hätte. Und natürlich gilt auch bei einem Bundestrainer: Neue Besen kehren gut. Vor Löw stehen in der Amtszeit-Dauer nur noch Sepp Herberger und Helmut Schön. Allein wegen seiner Verdienste um den Fußball wäre eine Ablösung daher notwendig. Vielleicht nicht jetzt, aber binnen Jahresfrist sollte ein neuer Kopf die Geschicke des DFB leiten. Denn natürlich gilt auch hier: Die größten Erfolge verblassen im Angesicht eines einzigen Fehlers. Soll Löw als derjenige in Erinnerung bleiben, der uns zum Weltmeister, Europa-Vize, Konfed-Sieger, WM-Dritten und zweimal EM-Halbfinalist machte oder nur als derjenige, unter dem wir in der Vorrunde ausschieden?

2. Das Massenspektakel muss gebändigt werden

Seit Jahren kennen bei den großen internationalen Turnieren . Wo aktuell schon 32 Teams um die WM-Endrunde kämpften, sollen es ab 2026 gar 48 Mannschaften sein. Für UEFA und FIFA scheint die Sache ganz logisch zu sein. Mehr teilnehmende Nationen gleich mehr Teilhabe für die Fans gleich größeres Spektakel. Und natürlich auch: Mehr potenzielle Underdog-Sensationen. Und auch wenn die diesjährige WM, in der viele Underdogs sehr erfolgreich waren (man denke an Belgien) diese These zu stützen scheint, sieht es doch so aus, dass das nicht die Regel ist. Je größer die Teilnehmerzahl, desto wahrscheinlicher ist es viel eher, dass die Vorrundenspiele zum Schützenfest ungleicher Teams verkommen. Mal abgesehen davon, dass mehr Teilnehmer auch zu noch mehr Kapitalismus im Sport führen…

3. Entpolitisierung tut not

Die gesamte Debatte um den hat offenbart, dass auf beiden Seiten viel falsch gelaufen ist. Doch vor allem sollte es ein Signal für etwas sein: Politik hat im Fußball, auch auf dieser großen Bühne, nichts verloren, egal wie gut die Absichten dahinter sein mögen. Herkunft, Hautfarbe, Glauben sollten sowohl in der öffentlichen Bewertung wie dem Sport selbst endlich keine Rolle mehr spielen. Was zählen sollte, sind nur sportliche Leistungen. Schon deshalb, weil Fußball heute ein globaler Sport ist. Und auch, weil das ständige Politisieren – auch das zeigt die Causa Özil – mittlerweile so weit geht, dass darunter der Sport leidet. Egal was manche glauben, Mesut Özil war ein Gewinn für den deutschen Fußball und letztendlich ging er nur wegen der Politik.

4. Die Ausgaben brauchen einen Deckel

Fußball ist ein Milliardenbusiness. Zwar noch weit etwa von der nordamerikanischen NFL entfernt, aber nichtsdestotrotz wird hier mittlerweile mit phantastischen Zahlen jongliert. Zahlen, die letztendlich international den Fußball vergiften. Wir haben eine Gehaltsschere. Die Teams, welche sich die Ausnahmetalente kaufen können und immer besser werden und diejenigen, die es nicht tun können. Vielleicht ist es genau jetzt an der Zeit. Jetzt, , global der Sache einen Deckel aufzusetzen. In anderen Sportarten, etwa der Formel Eins, gelten längst ähnliche Obergrenzen, um sportliche Chancengleichheit herzustellen. Warum also nicht beim Fußball?

5. Fördert die Ausnahmetalente

Die Mannschaft, die 2014 den Pokal holte, tat es auch deshalb, weil sie im Gegensatz zu vielen Konkurrenten ein geschlossenes Team war, aus dem kaum Einzelspieler herausragten. Eine gut geölte Maschine für ein Teamspiel. Leider sorgt diese Denkweise aber gerade in Deutschland dafür, dass der Typus des Ausnahmespielers, der durch einen „Rambo-Moment“ auch noch ein verlorenes Spiel ohne große Mithilfe drehen kann, weitestgehend ausgestorben ist. Das liegt aber auch daran, dass solcherlei Individualismus seit Jahren in den Nachwuchszentren wegtrainiert wird. Wenn das Team funktioniert (wie 2014) ist das kein Problem. Stottert die Maschine jedoch nur so vor sich hin (wie 2018), wird es zum enormen Problem, keinen Einzelkämpfer mehr im Kader zu haben.

6. Schießt nicht alle Alten ab

Gerade in den unmittelbaren Tagen nach dem Ausscheiden wurden von allen Seiten Stimmen laut. „Kein Wunder, schaut euch mal an, was wir für Opas im Team haben“. Was schon mal so gar nicht stimmt. Denn tatsächlich hatte Deutschland mit einem Durchschnittsalter von 27,1 Jahren. Das ist weit entfernt von „alt“, selbst in Fußballbegriffen. Es ist genau das richtige Alter, in dem ein Spieler noch jung ist, aber gleichzeitig schon genug Erfahrungen sammeln konnte. Eine Verjüngungskur um des Verjüngens Willen sorgt nur dafür, dass ruhigere, gesetztere Spieler mit Erfahrung ohne Not verstoßen werden. Fokussiert man sich nur auf den Jugendwahn, bekommt man ein Team von Heißspornen mit entsprechenden Heißsporn-Nebenwirkungen. Auch hier gilt: Nur Leistung sollte zählen.

7. Schaut beim FC Bayern nicht weg

Es mag für eine Zeitung, die im Ruhrpott beheimatet ist, nach blankem Opportunismus klingen, wenn sie gegen den FC Bayern schießt. „Vermutlich sind da noch einige wegen der Goretzka-Affäre sauer“ mögen sich Spötter denken. Natürlich, so einfach kann man es sich machen. Fakt ist jedoch, dass die Münchner eine nicht wegzuleugnende Tendenz dazu entwickelt haben, die Liga leerzukaufen. Nein, natürlich ist es nicht nötig, , wie es manche fordern. Aber vielleicht wäre es angesichts der Dominanz, welche die Bayern auch durch ihre Kaufpraxis erreicht haben (man vergleiche den Punkteabstand am Ende der 2017/18er Saison zum zweitplatzierten Schalke) langsam an der Zeit, Regeländerungen einzuführen. Das könnten pro Saison begrenzte Transfer-Kontingente sein, bei der jeder Verein nur eine bestimmte Maximalzahl von Spielern einkaufen könnte. Es könnte aber auch die Verpflichtung sein, jeden zugekauften Spieler pro Match für eine bestimmte Zeit auf den Platz zu schicken. Der Qualität des Fußballs würde das nicht schaden. Aber es würde die mittlerweile die gesamte Bundesliga gefährdende Bayern-Dominanz, die schon längst nicht mehr nur durch sportliche Leistungen erbracht wird, nachhaltig einhegen.

8. Mit dem Retortenteam-Bashing aufhören

RB Leipzig, Hoffenheim. Was haben Fans der gesamten Liga nicht in den vergangen Jahren über diese Vereine gemeckert. Retortenclubs, Plastikvereine. Keine gewachsene Fankultur. Fußballerische Tütensuppe. Die Liste an „Kosenamen“, die für dieses Phänomen vor allem in sozialen Netzen entstanden sind, ist lang. Doch sie alle gehen vollkommen an der Realität vorbei. Viel mehr noch: Oft genug ist es nichts weiter als ein Ausdruck von blankem Neid und einer gewissen Ignoranz. Wer Hoffenheim und Leipzig dafür kritisiert, dass hinter ihnen finanziell potente Gönner stehen, der müsste konsequenterweise auch so manchen deutschen Traditionsclub über den gleichen Kamm scheren. Kapitalistisch sind wir schon, seit Braunschweig mit dem Jägermeister-Logo auflief. Und ob nun Schalkes Verbindung mit Gazprom, Bayerns Telekom-Connection: Hinter jedem Club steht mittlerweile ein starker Geldgeber – und . Und eigentlich ist doch die Geschichte, vom Unterligisten, der dank Geld sich ganz nach oben fightet, genau das, worauf viele Fußballfans stehen.

Fazit

Der Fußball braucht Veränderung. Sowohl international wie ganz speziell auf Deutschland bezogen. Vielleicht verhallen diese acht Thesen ungehört bei denen, die die Entscheidungen fällen. Aber vielleicht bringen sie so manchen Fan zum Umdenken – und mehr hatte auch der bekannteste „Thesenanschläger“ an jenem 31. Oktober 1517 nicht im Sinn.

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