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Die digitalisierte sexuelle Revolution ist mehr als Virtual Reality – obwohl auch das mit dazugehört. Tatsächlich ist es ein gesamtgesellschaftlicher Umbruch. Bildquelle: Fotolia.com © sakkmesterke

Warum die Digitalisierung eine (neue) sexuelle Revolution ist

Nicht nur die 68er konnten Sexualität befreien. Tatsächlich haben uns das Internet und die Digitalisierung eine viel größere Sex-Revolution beschert.

Frage: Was hätte der erwachsene Leser, sagen wir 1988, 20 Jahre nach der sexuellen Revolution der 68er, gemacht, wenn er sich hätte über Sexuelles informieren wollen? Er hätte suchen müssen. In irgendwelchen medizinischen oder esoterischen Büchern oder aber sich leicht verschämt mit Bekannten unterhalten müssen – die wahrscheinlich ebenso wenig Ahnung hatten. Was macht man heute? Man macht es Digital. Denn das Netz und alles, was noch daran hängt, ist die größte gesellschaftliche sexuelle Revolution aller Zeiten. Viel revolutionärer als alles, was die wilden 60er uns bescherten. Auf den folgenden Zeilen zeigen wir Gründe und Ausprägungen.

Willkommen im Informationszeitalter

Dazu wollen wir zunächst die eingangs gestellte Frage nochmals aufgreifen. Normale Fragen über Sexualität, wie sie jeder von uns hat. Alleine hierbei kann man den Wert des Digitalen kaum in Worte fassen, so gigantisch ist er. Denn vom Jugendlichen bis zum Senior kann heute jeder die Fragen, die über sämtliche Epochen der Menschheitsgeschichte seit mit dem Makel des Unzüchtigen belegt waren, frei heraus stellen.

Das Netz ist voller Aufklärungsseiten, voller Foren. Egal welche sexuelle Frage man hat, man kann sie stellen, bekommt sie beantwortet – vollkommen anonym, ohne Angst vor Aburteilung, vor Auslachen und in aller Ausführlichkeit. Und das ist absolut positiv. Denn es ermöglicht es jedem, sich ungeachtet gesellschaftlicher Moralvorstellungen über eines der wohl wichtigsten Themen der Menschheit zu informieren. Sind wir ehrlich, ohne Sex wären wir ziemlich rasch eine aussterbende Spezies.

Leb dich einfach aus

Sex ist weitaus mehr als Mann und Frau in der Missionarsstellung. Sex ist, das werden viele bestätigen, das Salz in der Beziehungssuppe und oft genug auch außerhalb davon. Kunststück, der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Sex auch nur zum Spaß hat – und beinahe jeder Mensch hat unterschiedlich gelagerte Präferenzen. Hier kommt abermals die Digitalisierung ins Spiel: Sie ermöglicht es jedem, diesen persönlichen Spaß zu suchen, zu finden, ihn zu verbessern. Wer jetzt, in diesem Augenblick, den Wunsch nach hat, der findet dafür im Netz ebenso eine direkte Antwort wie derjenige, der den Wunsch verspürt, sich vor anderen zu zeigen oder mit einer beliebigen Anzahl Gleichgesinnter gleichzeitig Sex zu haben.

Was in der prä-digitalen Epoche immer ein Spiel von Szene-Lokalitäten war, von Vorsicht, Insiderwissen und dem ewigen Risiko, an den/die Falschen zu geraten, ist heute nur Klicks entfernt. In der digitalen Welt findet derjenige, der ungewöhnlichere Vorlieben hat, ebenso ein Gegenstück wie diejenige, die exhibitionistische Neigungen hegt und sich via Webcam der Öffentlichkeit zeigt – abermals von der Sicherheit des eigenen Zuhauses aus und mit offenen Karten, die verhindern, dass Unbedarfte einbezogen werden. Jeder kann seine eigene Spielart der Sexualität frei ausleben, ganz gleich was „die Gesellschaft“ davon halten mag. Und erst das ist die wahre Befreiung der Sexualität.

Frauen schauen auch Pornos?

Ein Zitat aus einer Sitcom der 2000er traf es haargenau: „Würde man sämtliche Pornoseiten im Internet verbieten, gäbe es kurz danach nur noch eine einzige Seite auf der steht „Gebt uns unsere Pornos zurück““. Nun kann man zur Porno-isierung des Netzes sicherlich geteilter Meinung sein – insbesondere ob der Tatsache, dass auch können/müssen, die nicht umsonst Ab 18 sind. Machen wir uns nichts vor, jeder Teenager dürfte heute wissen, welche Adresse er in den Browser eintippen muss, um Hardcore-Pornografie jeglicher Ausprägung zu finden.

Natürlich, das ist eine Schattenseite der digitalen Sexualisierung. Eine ganz andere ist es jedoch, dass das Netz die Produzenten und Konsumenten zum Umdenken zwingt. Pornos, die vornehmlich für Männer gemacht werden, stellen zwar immer noch die Majorität dar. Aber dazwischen steigt jährlich die Zahl an Studios, in denen Frauen für Frauen drehen. Ein Genre, das . Immer mehr Streifen zeigen, dass Sex auch im Film gleichberechtigt ablaufen kann. Dass Frauen mehr sind, als Geschlechtsmerkmale, auf die sich die Kamera fokussiert.

Und das färbt ab – auch auf den Konsumenten. Lange klagten Experten, dass die ständige Verfügbarkeit von Internet-Pornos und die darin gezeigten Menschen und Praktiken, vor allem bei Jugendlichen, übersteigerte Erwartungen befeuerten. Doch die Welle bricht derzeit. Darsteller sind nicht mehr ausschließlich Idealpuppen ohne Haare unterhalb der Augenbrauen, die so chirurgisch optimiert sind, . Im Gegenteil, immer mehr Studios setzen auf normale Menschen, oft genug Laien. Und was die vor der Kamera treiben, transportiert eine Botschaft der sexuellen Revolution: „Du musst nicht aussehen wie ein Pornomodel, musst keine krassen Praktiken durchziehen, um richtig guten Sex zu haben. Alles muss nur dir und deinem Partner gefallen“. Besser kann man wohl kaum vermitteln, worum es bei „Sex zum Spaß“ wirklich geht.

Das hat nebenbei auch einen anderen Grund. Denn die Studios konnten in der Vergangenheit lange Zeit nur hilflos dabei zusehen, wie auf den einschlägigen Porno-Portalen die Videos, die Normalsterbliche von sich beim Sex gemacht hatten, in Sachen Klickzahlen den professionellen Produktionen den Rang abliefen. Wer hätte das gedacht: Normale Menschen sehen lieber anderen normalen Menschen beim Sex zu, anstatt irgendwelchen unerreichbaren Idealen mit Chirurgen-Busen und Penis im Unterarm-Format.

Wie es weitergeht

Wir befinden uns jetzt an einem Punkt, an dem es möglich ist, Sexspielzeug via Internet von überall her zu steuern. An dem man auf Tinder und Co. nur in die richtige Richtung wischen muss, um einen Sexpartner zu finden. Naturgemäß stellt sich da die Frage, bis wohin soll die Revolution noch führen? Hier, so muss man sagen, scheint die Zukunft stark in der Schwebe zu liegen. Denn vom Bluetooth-Vibrator ist es dank künstlicher Intelligenz nur noch ein Katzensprung bis zum Sexpuppen-Roboter. Experten sehen deshalb mit gemischten Gefühlen. Ihre Botschaft: Es könnte sein, dass die Revolution sich zu revolutionär gibt. Allerdings ist das ein Problem, das generell auch mit der fortschreitenden Digitalisierung zusammenhängt, weniger mit Sex an sich.

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