Kriminalität

1091 Clan-Straftaten allein in Recklinghausen

Region - Nirgendwo in NRW gehen Großfamilien so unverblümt und gewalttätig ihren dunklen Geschäften nach wie zwischen Essen und Recklinghausen. Das zeigt das erste Lagebild des LKA.

Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland ein „Lagebild“ zu kriminellen Clans erstellen lassen. Was Innenminister Herbert Reul (CDU) und Thomas Jungbluth, Abteilungsleiter „Organisierte Kriminalität“ beim Landeskriminalamt (LKA), am Mittwoch als Resümee für die Jahre 2016 bis 2018 präsentierten, übertrifft alle düsteren Vorahnungen.

Die Städte

Das Ruhrgebiet ist eine Hochburg der Clan-Kriminalität. Die meisten Straftaten (2439) wurden in Essen begangen, es folgen Gelsenkirchen (1096), Recklinghausen (1091), Duisburg (790), Bochum (782) und Dortmund (703). Die Wohnorte der Tatverdächtigen zeigen das gleiche Bild. Zum Vergleich: Insgesamt registrierte die Polizei 2016 bis 2018 in Recklinghausen 31.983 Straftaten – eine von 30 Taten geht demnach auf das Konto von Clans.

Die Clans

Das Landeskriminalamt hat in den vergangenen drei Jahren 104 Großfamilien identifiziert, denen in diesem Zeitraum 6449 Tatverdächtige und insgesamt 14.225 Straftaten zugeordnet werden können. Das Lagebild zeigt allein zehn besonders aktive Clans, die rund 30 Prozent der erfassten Straftaten begangen haben sollen.

Die Straftaten

Über ein Drittel aller Clan-Straftaten sind sogenannte Rohheitsdelikte, also Nötigung, Raub oder gefährliche Körperverletzung. Aber in den vom Landeskriminalamt untersuchten Jahren 2016 bis 2018 wurden auch 26 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte aktenkundig.

Mehrfachtäter

Unter den insgesamt 6449 Tatverdächtigen hat das LKA in drei Jahren 381 Personen registriert, die mindestens fünfmal auffällig geworden sind. Spitzenreiter ist ein 19-jähriger Mann, dem allein 41 Anzeigen zugeordnet wurden. Die Kriminalität der Clan-Mitglieder ist offenbar alterslos: Der jüngste Tatverdächtige war erst zehn Jahre alt, der älteste über 60.

Die Herkunft der Clans

Die meisten Verdächtigen mit Clan-Hintergrund seien Deutsche (36 Prozent), gefolgt von Libanesen (31), Türken (15) und Syrern (13). Der Ursprung der Clans seien türkisch-arabischstämmige Großfamilien. Überraschend für das Landeskriminalamt: Trotz der patriarchalischen Strukturen der Clans wurden auch 20 Prozent Frauen als Tatverdächtige registriert. Nach LKA-Erkenntnissen sind die heutigen Clan-Chefs häufig als Kinder während des Libanon-Krieges nach Deutschland und dabei insbesondere nach Essen gekommen.

Größe und Bildung

Nach Schätzungen des LKA bewegen sich die Familiengrößen im drei- bis vierstelligen Bereich. Häufig werde der Einfluss auch über die Verheiratung mit anderen Clans gezielt ausgeweitet. Die Clans setzen sich aus kinderreichen Familien zusammen. Der Nachwuchs verfüge selten über einen (höheren) Schulabschluss, stelle aber höchste Ansprüche an Autos und andere Luxusgüter.

Die Finanzen der Clans

Der Drogenhandel mit Kokain und Cannabis bildet das zentrale Geschäftsfeld vieler Großfamilien. Angehörige dieser Familien seien „über die gesamte Lieferkette“ involviert. Auch der Betrieb von Shisha-Bars habe sich für Clans als „zentraler Faktor“ entwickelt. Wettbüros dienen offenbar als Kontaktbasis und Vorbereitungsraum für Straftaten. Trickbetrug durch Anrufe bei älteren Menschen wird ebenso vermehrt beobachtet. Das illegale Vermögen ist häufig in Immobilien angelegt.

Problem lange verdrängt

„Jahrelang wurden die Hinweise der Bürger, aber auch aus Polizeikreisen zu diesem Problem geflissentlich ignoriert“, sagt Innenminister Reul. Die Furcht, Migrantenfamilien zu stigmatisieren, sei zu groß gewesen.

Maßnahmen

Reul will weiter mit Razzien die Kreise der Clans insbesondere im Ruhrgebiet stören und gleichzeitig die LKA-Spezialisten gegen Familienstrukturen und ihre Geschäftsfelder ermitteln lassen. Shisha-Bars seien häufig „nur die freundliche Fassade“ schwerster Kriminalität.

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