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Hand in Hand ging es vom Mahnmal zur Synagoge.

Pogromnacht

Mahnung vor der Wiederholung: Recklinghäuser setzen Hand in Hand ein Zeichen gegen Hass

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So viele Bürger wie nie kamen zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht. 350 Menschen formten eine lange Kette zur Synagoge für das Miteinander und gegen Antisemitismus.  

„In diesem Jahr war es uns ein besonderes Bedürfnis, hier zu sein.“ Diesen Satz hörte man bei der Gedenkstunde für die Opfer der Pogromnacht immer wieder. So viele Teilnehmer wie nie versammelten sich am Mahnmal am Herzogswall. 

Diskriminierung, Verfolgung und Mord

Vor 81 Jahren kam der antijüdische Terror auch über Recklinghausen, aus der Diskriminierung erwuchsen Verfolgung und Mord. Die Juden in der Festspielstadt spürten den blanken Hass der Nazis am eigenen Leib. In der Schreckensnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wüteten SA-Trupps in der Stadt. Jüdische Geschäfte wurden geplündert, demoliert und in Brand gesetzt. Auch die Synagoge ging in Flammen auf. Polizisten verhinderten die Löscharbeiten. Am Ende konnten nicht viel mehr als zwei Deckenleuchter aus den Trümmern gerettet werden. Das November-Pogrom war der erste Paukenschlag, der die Tötungsmaschinerie der Hitler-Diktatur in Gang setzte.

Blick auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle

Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus und die jüngsten Ereignisse - die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten, der Anschlag auf die Synagoge in Halle und Morddrohungen gegen Bundespolitiker - stand bei der Kooperationsveranstaltung von Stadt, Jüdischer Kultusgemeinde und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in diesem Jahr neben Erinnerung und Gedenken das Mahnen im Vordergrund. Im Schein von sechs Kerzen für die sechs Millionen ermordeten Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen, appellierte die Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Gerda Koch, an die Anwesenden: „Es darf nicht nur bei Worten bleiben, wir müssen handeln, jeder in seinem persönlichen Umfeld. Damit es nicht wieder zu spät ist.“

Terror von damals kann sich wiederholen

Bürgermeister Christoph Tesche erinnerte in seiner Rede zunächst an ein erfreuliches Ereignis, die Feier zum 190-jährigen Bestehen der lebendigen Jüdischen Kultusgemeinde in der Festspielstadt. Mit der unfassbaren Eskalation von Halle habe sich ein dunkler Schatten über die Freude gelegt. Jetzt wissen wir, was niemand für möglich gehalten hat: Der Terror von damals kann sich wiederholen.“ Bevor er aufs Schärfste Hassparolen und Fäkaliensprache auch in den sozialen Netzwerken kritisierte und mit Blick auf das Wahlergebnis der AfD in Thüringen, zitierte der Bürgermeister aus dem Talmud: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen“. Jeder sei gefordert, seine Stimme gegen antisemitische Äußerungen und Fremdenhass zu erheben und in Achtsamkeit, gegenseitiger Wertschätzung und Toleranz zu leben.

Gedenkfeier erinnert an die Pogromnacht | cityInfo.TV

Gedenkfeier erinnert an die Pogromnacht | cityInfo.TV

Das Schicksal einer jüdischen Familie

Um zu zeigen, was passiert, „wenn wir nur zusehen und wegschauen“, zoomten Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule, erst seit zwei Tagen von einer Reise durch Israel zurück, stellvertretend für viele andere das Schicksal einer jüdischen Familie nach Recklinghausen. Vier Menschen, die im Zuge des Nazi-Terrors getrennt wurden. Obwohl Vater und Sohn in Auschwitz starben, gab ein Ehering lange Zeit Hoffnung und stand für das Überleben.

Die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander siegt 

Auch in Recklinghausen siege bei aller Trauer, Verzweiflung und Verbitterung die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander, betonte Isaac Tourgman, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde. Propst Jürgen Quante sprach das Gebet der Hoffnung. „Auch wir haben die Hoffnung, dass Sie in Zukunft nicht schweigen“, gab Moderator Uwe Suberg den Zuschauern mit auf den Weg, bevor sich die Menschenkette, angeführt von Christoph Tesche, Richtung Synagoge in Bewegung setzte.

Seit dem Jahr 1948 wird am ersten Novembersonntag an die Juden aus dem Kreis Recklinghausen gedacht, die nach Riga deportiert und ermordet wurden. 

Auch inOer-Erkenschwick wird der Opfer von Krieg, Gewalt und Terror gedacht.

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