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Der vermisste Marvin K. hätte womöglich viel früher aufgefunden werden können.

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Lars H.

Hundertfacher Missbrauch im Fall Marvin: Ermittlungen gegen Polizistin

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Im Fall des vermissten Marvin K., der in einem Schrank in einer Wohnung in Recklinghausen gefunden wurde, wird inzwischen gegen eine Polizistin aus Duisburg ermittelt.

  • Bei Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs fand die Polizei in Recklinghausen einen 15-Jährigen in einem Schrank
  • Jetzt ermittelt die Polizei gegen eine Polizistin wegen fahrlässiger Körperverletzung
  • Gegen den Tatverdächtigen wurde Anklage wegen Vergewaltigung erhoben

Update, 18. März, 6.30 Uhr:

Im Fall des vermissten Jugendlichen, der in einem Schrank in einer Wohnung in Recklinghausen gefunden wurde, hat das Polizeipräsidium Duisburg ein Disziplinarverfahren gegen die in diesem Vermisstenfall zuständige Sachbearbeiterin eingeleitet.

Sie könnte sich der fahrlässigen Körperverletzung im Amt strafbar gemacht haben, wie es in einem vertraulichen Bericht an den Landtag heißt.

Hintergrund ist der Hinweis einer Zeugin nach der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst". Sie hatte bereits Ende Juli 2019 den Namen des polizeibekannten Wohnungsbesitzers genannt.

Vermisster Junge durch Zufall in einer Wohnung in Recklinghausen gefunden

Die Polizistin war dem Hinweis aber nicht nachgegangen. Der 15-Jährige war erst im Dezember durch Zufall entdeckt worden. Gegen den Verdächtigen (44) wurde inzwischen Anklage unter anderem wegen Vergewaltigung erhoben.

Die Ermittler prüfen laut dem vertraulichen Bericht, ob der Jugendliche noch nach dem Hinweis der Zeugin missbraucht und dabei verletzt wurde - und ob ein Zusammenhang zur "objektiven Pflichtverletzung" der Polizistin besteht.

Fall Marvin K. - Ermittlungen wegen schweren sexuellen Missbrauchs

In einem weiteren Bericht stellt das Innenministerium fest, dass eine "ordnungsgemäße kriminalfachliche Bearbeitung des Hinweises" bereits im Juli 2019 zum Auffinden des Vermissten hätte führen können. Der von der Zeugin genannte Mann war wegen des Besitzes von Kinderpornografie bereits im März 2018 zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dennoch wurde der Hinweis zu den Akten gelegt.

Marvin K. war in einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick

Als Ermittler die Wohnung des 44-Jährigen später auf der Suche nach Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs ins Visier nahmen, fanden sie den 15-Jährigen im Schrank. Dem Wohnungsbesitzer wird in der Anklage Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch und 475 Fälle von sexuellem Missbrauch des Jugendlichen vorgeworfen.

Update, 3. März, 17 Uhr: 475-mal soll sich Lars H. an Marvin K. sexuell vergangen haben. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Die Taten sollen sich im Zeitraum von Frühjahr 2017 bis Dezember 2019 zugetragen haben.

Das erste Treffen mit dem damals 13-jährigen Marvin aus einer Oer-Erkenschwicker Wohngruppe soll 2017 über eine WhatsApp-Gruppe zustandegekommen sein. Wie es in der Anklage heißt, kam es anfangs zu Sex-Treffen, für die der Angeklagte dem Jungen mal 20 oder 50 Euro Bargeld oder Zigaretten gegeben haben soll.

Marvin sei nach Verschwinden in Recklinghausen untergetaucht

Im Sommer 2017 verschwand Marvin dann aus seiner Wohngruppe. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der ursprünglich aus Duisburg stammende 15-Jährige bei dem Angeklagten in Recklinghausen untergetaucht ist und danach durchweg in dessen Wohnung gelebt hat. Der Prozess muss mit Blick auf die Haftsituation spätestens am 22. Juni beginnen.

Update, 3. März, 12 Uhr: Zwei Jahre lang lebte der heute 15-jährige Marvin in Lars H.s Wohnung an der Hochstraße in Recklinghausen-Grullbad. Die Staatsanwaltschaft legt dem 44-Jährigen zur Last, den vermissten Jugendlichen 475-mal missbraucht zu haben, 171-mal davon schwer. Das bestätigte das Landgericht Bochum auf Anfrage von 24Vest.

Im Dezember hatte die Polizei den vermissten Jugendlichen zufällig bei der Durchsuchung von Lars H.s Wohnung in einem Schrank entdeckt. Die Ermittler waren wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornos angerückt. 

Fehler bei den Ermittlungen

Update, 22. Januar: Es seien „haarsträubende Fehler“ passiert, sagte der Remscheider im Gespräch mit unserer Redaktion. Unerklärlich sei ihm vor allem das Vorgehen der Polizei in Duisburg. Die Behördenleitung habe nicht ausreichend Personal abgestellt, um gewissenhaft den 53 Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Marvin K. nachzugehen, die im Juli vergangenen Jahres nach der Ausstrahlung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ eingegangen waren. „Warum hat man das bei einer einzigen Sachbearbeiterin abgeladen?“, fragt Wolf. Es sei erwartbar gewesen, dass nach einem solchen Aufruf eine Vielzahl an Anrufen bearbeitet werden müsse. 

Die Behördenleitung hätte personelle Kapazitäten schaffen müssen, um „jeder noch so absurden Spur nachzugehen“. Wegen dieser Versäumnisse ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Polizeibehörde.

Recklinghausen: Hinweis bereits im Juli 2019

Bereits Ende Juli 2019 lag der Polizei ein Hinweis auf den Aufenthaltsort des vermissten Marvin K. vor. Gefunden wurde er dort aber erst fünf Monate später.

Wenn man sich den achtseitigen nicht-öffentlichen Bericht des NRW-Justizministeriums anschaut, der 24vest.de vorliegt, wird deutlich, wie viel Zeit verstrichen ist, ehe das Ermittlungsverfahren der Polizei zum Fundort des vermissten Marvin K. führte.

Bereits nach Ausstrahlung der Sendung „Aktenzeichen XY“ behauptete eine Anruferin, dass sich Marvin K. schon vor seinem Verschwinden im Juni 2016 bei dem 44-Jährigen, einem Pädophilen, aufgehalten habe. Schon dieser entscheidende Hinweis hätte die Ermittler zum Aufenthaltsort des Vermissten führen können. Doch die Beamten gingen ihm nicht nach.

Ende Dezember hat die Duisburger Polizei "disziplinarrechtliche Vorermittlungen" gegen ihr eigenes Personal eingeleitet.

Recklinghausen: Weiterer Hinweis ging am 23. Oktober ein

Einen weiteren Hinweis hatten die Ermittler nach Auswertung eines Handys am 23. Oktober bekommen. Demnach hatte der Handy-Besitzer mit dem 44-jährigen Recklinghäuser Bilder und Videos mit Kinder- und Jugendpornografie getauscht.

Doch auch bis hier im Anschluss ein Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern eingeleitet wurde, das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Bochum übergeben und dort übernommen wurde, dauerte es seine Zeit. Erst am 20. Dezember durchsuchte die Polizei die Wohnung des 44-Jährigen an der Hochstraße in Grullbad - nach fünf Monaten.

Recklinghausen: Marvin K. wurde vermutlich im April 2019 vergewaltigt

Dabei stieß sie auf umfangreiches Datenmaterial, das Lars H. belastet, und auf den 16-jährigen Marvin K., der zweieinhalb Jahre als vermisst galt. Die Aufnahmen auf dem Handy, das die Polizei Duisburg sichergestellt hatte, zeigten, wie sich der 44-Jährige an einem „augenscheinlich schlafenden älteren Kind oder Jugendlichen“ sexuell vergehe. Das sichergestellte Datenmaterial lässt darauf schließen, dass er Marvin K. im April 2019 vergewaltigt hat.

Einen Tag später hat das Amtsgericht Recklinghausen Haftbefehl gegen Lars H. verhängt. Der Vorwurf: Vergewaltigung, sexueller Missbrauch Jugendlicher sowie Herstellen und Besitzes jugendpornografischer Schriften.

mit dpa-Material

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