Ein 52-Jähriger muss sich vor dem Bochumer Schwurgericht verantworten.
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Ein 52-Jähriger muss sich vor dem Bochumer Schwurgericht verantworten.

Mordversuch-Prozess

Nach Feuer-Drama im Altenheim: Freispruch in Sicht

  • Werner von Braunschweig
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Nach einem Brandanschlag in einem Altenheim muss sich ein ehemaliger Bewohner vor Gericht verantworten. Der Prozess könnte für ihn ohne Folgen bleiben.

Update, 4. Mai: Im Mordversuch-Prozess gegen einen Ex-Bewohner des Karl-Pawlowski-Altenzentrums könnte es trotz nachgewiesener Täterschaft auf einen Freispruch für den 52-Jährigen hinauslaufen. Jedenfalls dann, wenn die Bochumer Richter am Ende dem Rat eines forensischen Psychiaters folgen.

Der Sachverständige geht nämlich davon aus, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt des Brandanschlags auf einen demenzkranken Mitbewohner am 13. November 2020 krankheitsbedingt ohne Schuld gehandelt hat. „Es ist offensichtlich, dass der Angeklagte schwer psychisch und körperlich krank ist“, legte sich der Gutachter am Dienstag im Prozess vor dem Bochumer Schwurgericht fest.

Angeklagter habe Ärger nicht kontrollieren können

Der Mann auf der Anklagebank habe zwar in der Nachbetrachtung selbst eingeräumt, dass er einen demenzkranken Mitbewohner angezündet und dadurch lebensbedrohlich verletzt hat („Das ist Wahnsinn, was ich gemacht habe“). Zum Zeitpunkt des Feuerzeug-Anschlags, so der Gutachter, sei der 52-Jährige aber fraglos nicht in der Lage gewesen, seinen Ärger darüber, dass sich der andere Mann (68) immer wieder in sein Zimmer verirrt hat, zu kontrollieren und die in ihm hochkochenden, aggressiven Impulse zu zügeln.

„Es spricht viel dafür, dass seine Steuerungsfähigkeit aufgehoben gewesen ist“, betonte der Psychiater. Der Angeklagte leide nachgewiesenermaßen selbst an einer mittelgradigen Demenz, habe mehrere chronische Erkrankungen, sei stark sehbehindert und habe eine hochgradige Nierenerkrankung. „Er ist ein multi-morbider, schwerkranker Mann“, hieß es.

Gutachter sieht keine Allgemeingefahr

Juristisch gesehen könnte die Einschätzung des Sachverständigen zur Folge haben, dass der 52-Jährige letztlich mangels Schuldfähigkeit von allen Vorwürfen freigesprochen werden müsste. Darüber hinaus prognostizierte der Gutachter auch keine vom Angeklagten ausgehende Allgemeingefährlichkeit, sodass auch keine Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie infrage käme. „In einer geordneten Pflegesituation ist er nicht gefährlich“, hieß es. Ob das Bochumer Schwurgericht der Einschätzung des Psychiaters folgt, ist allerdings unklar. Einige Nachfragen vom Richterpult signalisierten zumindest gewisse Zweifel.

Laut Anklage soll der Ex-Bewohner vor fünf Monaten beschlossen haben, dem ständig in seinem Zimmer auftauchenden Mitbewohner „eine Lektion zu erteilen“. Er soll den Mann mit Tötungsvorsatz angezündet haben, sodass Kleidung und Haare Feuer fingen. Laut Anklage waren am Ende 20 Prozent der Körperoberfläche im Ausmaß des dritten Verbrennungsgrades betroffen. Die Verletzungen führten zu einer wohl dauerhaften Bewegungsunfähigkeit des Opfers. Das Urteil wird nicht vor Ende Mai erwartet.

Update, 15. April: Im Mordversuch-Prozess gegen einen Ex-Bewohner des Karl-Pawlowski-Altenzentrums haben die Bochumer Richter am Donnerstag die Lebenspartnerin des demenzkranken Brandopfers (68) als Zeugin befragt. Dazu wurde bekannt: Der Angeklagte dürfte eine womöglich zu verhängende Haftstrafe wegen massiver eigener Erkrankungen keinesfalls in einem normalen Gefängnis verbüßen. Haftfähigkeit wurde ihm ausschließlich für ein Justizvollzugskrankenhaus attestiert.

Brandopfer leide unter Schmerzen

Der Gesundheitszustand des Brandopfers ist nach Angaben seiner Partnerin nach wie vor schlecht. „Er liegt im Bett, meistens schläft er, kann sich aber nicht drehen oder selbst bewegen“, berichtete die Zeugin. Ernährt werde der demenzkranke Mann durch eine Magensonde, Schmerzen lindere eine „Schmerzpumpe“.

Nachdem sich der Senior im Karl-Pawlowski-Altenzentrum wiederholt in das Zimmer des Angeklagten verirrt hatte, soll der 52-jährige Angeklagte diesen laut Staatsanwaltschaft angezündet haben. Dass er zum Feuerzeug gegriffen und die Kleidung angezündet hat, hat der Angeklagte bereits eingeräumt. Gleichzeitig aber auch offenbart: „Ich stand völlig neben mir.“

Aktuell wird der 68-Jährige in einer Wohngemeinschaft gepflegt. Dass der Senior jemals Aggressionen offenbart hat, konnte die Partnerin nicht erinnern: „Er ist immer sehr friedlich gewesen.“

Erstmeldung, 14. April: Seit Dienstag steht ein 52-jähriger Mann vor dem Bochumer Schwurgericht. Er soll einen demenzkranken Heimbewohner im Karl-Pawlowski-Altenzentrum vor fünf Monaten mit einem Feuerzeug angezündet haben.

Zwischen dem Angeklagten und dem späteren Opfer soll es schon zuvor aus nichtigem Anlass immer wieder zu Streitereien gekommen sein. Als sich der demenzkranke Bewohner am Nachmittag des fraglichen 13. November 2020 zum wiederholten Mal in das Zimmer des Angeklagten verirrt hatte, soll der Angeklagte laut Anklage beschlossen haben, dem Mitbewohner „eine Lektion zu erteilen, ihn in Brand zu setzen und so zu töten“. Er soll dem 68-Jährigen mit einem Feuerzeug dessen Kleidung angezündet haben, sodass diese und auch die Haare sofort Feuer fingen.

Altenpfleger rettete den Bewohner

„Ich stand gerade in der Küche, als plötzlich der Feueralarm losging“, erinnerte sich ein Altenpfleger als Zeuge. „Ich bin dann raus auf den Flur und habe dem Bewohner das in Flammen stehende Hemd vom Leib gerissen.“ Der 68-Jährige erlitt schwerste Verbrennungen, wurde mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen. Laut Anklage waren 20 Prozent der Körperoberfläche im Ausmaß des dritten Verbrennungsgrades betroffen. Weiterhin führten die Brandverletzungen zu Narben und einer Bewegungsunfähigkeit.

Der sichtlich schwer körperlich angeschlagene Angeklagte erklärte beim Prozessauftakt, dass er seinerzeit völlig neben sich gestanden habe. Der 52-Jährige war selbst auf die Intensivstation eingeliefert worden und befindet aktuell in einem Justizvollzugskrankenhaus. Für den Prozess sind noch Termine bis zum 30. April anberaumt.

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