Im blauen T-Shirt erschien der Angeklagte zum Prozessauftakt.
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Im blauen T-Shirt erschien der Angeklagte zum Prozessauftakt.

Neuer Sitzungstag

Neues im Prozess um Marvin: Opferanwältin spricht von Bagatellisierung und Ignoranz

  • Jörn Hartwich
    vonJörn Hartwich
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Am Landgericht Bochum läuft ein Prozess um hundertfachen Kindesmissbrauch. Auf der Anklagebank: der 45-jährige Lars H. aus Recklinghausen.

  • Marvin K. ist im vergangenen Jahr in einem Schrank in Recklinghausen entdeckt worden
  • Teenager war 2017 aus Wohngruppe in Oer-Erkenschwick verschwunden
  • Prozess vor dem Landgericht Bochum gestartet

Update, 10. August: Nach einer vierwöchigen Pause ging der Missbrauchsprozess im Fall Marvin K. am Montag, 10. August, weiter. Dort hat Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau aus zweierlei Gründen Befangenheitsanträge gestellt. 

Im Hinblick auf den zuletzt von den Richtern abgelehnten Antrag auf Ausschluss des Angeklagten während der Vernehmung des 16-jährigen Belastungszeugen sprach die Opferanwältin unter anderem von „Bagatellisierung“ und „Ignoranz“. Marvin könne die Argumentation der Richter „nur so verstehen, dass das Gericht ihm eine Mitschuld an dem erlittenen Missbrauch gibt“, so Lingnau. 

Kinderporno-Material zu Angeklagtem gelangt

Zudem kritisiert die Anwältin, dass anlässlich des "Selbstleseverfahrens" Kinderporno-Material in die Hände des Angeklagten gelangt ist. Die Richter betonten, dass von Kinderpornografie keine Rede sein könne. Die Bilder seien so groß wie ein Daumennagel und kinderpornografische Darstellungen geschwärzt worden. 

Verteidiger Markus Kluck bestätigte zudem, das der Angeklagte sämtliche Unterlagen „von sich aus“ bereits wieder zurückgegeben habe. Über die Frage der Zeugenvernehmung müsse nun das Oberlandesgericht (OLG) Hamm entscheiden, hieß es.

Update, 22. Juli: Das Bochumer Landgericht hat am Mittwoch Vorwürfe im Umgang mit vermeintlich zuletzt an den Angeklagten Lars H. aus Grullbad überreichten Kinderporno-Bildern zurückgewiesen. 

So sollen dem 45-jährigen Angeklagten Lars H. im Anschluss an den letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause angeblich Akten mit kinderpornografischen Bildern mit in das Gefängnis gegeben worden sein.

Geschwärzte Bild-Dateien überreicht

Tatsächlich haben alle Prozessbeteiligten am 9. Juli anlässlich des sogenannten „Selbstleseverfahrens“ einen umfangreichen Stapel mit DIN-A4-Kopien überreicht bekommmen. Auch der Angeklagte. Unter anderem befand sich darin ein polizeilicher „Extraktionsbericht“ mit der Auflistung der bei Lars H. auf Speichermedien sichergestellten Bild-Dateien.

Allerdings sind die auf den Kopien in Form von „Thumbnails“ (daumennagelgroße Miniaturbilder) ausgedruckten Abbildungen pornografischen Inhalts laut Gericht an den entscheidenden Stellen geschwärzt worden.

Von zur Verfügung gestellter Kinderpornografie könne deshalb gar keine Rede sein. Außerdem soll der Angeklagte die Unterlagen nicht dauerhaft behalten, sondern nach Abschluss des Selbstleseverfahrens zurückzugeben, erklärte Gerichtssprecher Michael Rehaag.

Von Werner von Braunschweig

Update, 9. Juli: Die Richter am Bochumer Landgericht wollen künftig auf Nummer sicher gehen und immer einen Arzt im Saal dabeihaben. Grund dafür ist der Gesundheitszustand des Angeklagten Lars H. Dass es ihm nicht gut ging, war am Donnerstag bereits beim Gang zur Anklagebank kaum zu übersehen. 

„Mein Mandant hat mir soeben berichtet, dass er heute seine Tabletten nicht bekommen hat. Er zittert und hat Herzrasen“, erklärte Verteidiger Markus Kluck kurz danach und bat um eine vorzeitige Unterbrechung des 11. Verhandlungstages. 

Geplante Zeugenvernehmgung verschoben

Die Bochumer Richter wägten ab und entschieden schließlich, eine geplante Zeugenvernehmung zu verschieben. An den kommenden Prozesstagen soll nun stets vorsorglich auch ein Internist im Gerichtssaal anwesend sein. 

Der Prozess geht nun in eine einmonatige Pause bis zum 10. August. Bin dahin soll auch die Frage der Art der Zeugenvernehmung von Marvin (mit oder ohne Beisein des Angeklagten) neu geprüft werden. Einen ausführlicheren Bericht lesen Sie am Freitag, 10. Juli, in unserem E-Paper.

Update, 8. Juli: Im Prozess um den Fall Marvin ist gestern der Leiter der Oer-Erkenschwicker Jugendwohngruppe, aus der der Teenager im Sommer 2017 spurlos verschwunden war, als Zeuge befragt worden. 

Vier Monate war der heute 16-Jährige damals in der Intensivgruppe untergebracht. Der 51-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Marvin verschwand. Wenige Tage nach einem angeblichen versuchten Handydiebstahl im Palais Vest habe Marvin die Auflage erteilt bekommen, sich abseits der Wohngruppe jede Stunde zu melden. In den ersten Tagen habe sich Marvin immer daran gehalten, bis zum 11. Juni 2017.

Kontakt zu Marvin ist am 11. Juni 2017 abgerissen

Nach einer letzten Meldung um 12 Uhr sei der Kontakt plötzlich abgerissen, das Handy ausgeschaltet gewesen. Der Angeklagte Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin seit diesem Tag in seiner Wohnung an der Hochstraße versteckt und bis zu seiner Festnahme im Dezember 2019 in insgesamt 475 Fällen missbraucht haben. 

Marvin ist in der Einrichtung nach einem Schulauschlussverfahren aufgenommen worden. Vorrangigstes Ziel sei es gewesen, „ihn möglichst schnell wieder zur Schule gehen lassen zu können“, berichtete der Zeuge. 

Marvin hatte Sachen, die er nicht hätte finanzieren können

Mit der Zeit hätten sich Auffälligen bei Marvin gezeigt, zum Beispiel, dass er auf einmal Sachen hatte, die er von seinem Taschengeld eigentlich nicht hätte finanzieren können, so der Zeuge. Beim Versuch herauszufinden, was sich dahinter verbirgt, seien die Betreuer bei Marvin auf eine Mauer gestoßen. Einen ausführlicheren Bericht lesen Sie in unserem E-Paper.

Update, 6. Juni: Ziemlich genau 200 Tage nach seiner zufälligen Entdeckung im Schrank des Angeklagten Lars H. aus Grullbad war der heute 16 Jahre alte Marvin am Montag erstmals wieder im gleichen Raum wie sein mutmaßlicher Peiniger. 

Zu einer direkten Begegnung kam es aber vorerst nicht. Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau möchte jedwede Gefahr für das Wohl von Marvin unbedingt vermeiden und hat deshalb beantragt, dass der 45-Jährige für die Dauer der Zeugenvernehmung Marvins den Sitzungssaal verlassen muss. Allerdings erfolglos. Der Antrag wurde abgelehnt. Marie Lingnau wiederum hat dagegen sofort Beschwerde eingelegt. 

Richter: Marvin soll vorerst nicht vernommen werden

Bochumer Richter haben Marvin am Montag für rund 20 Minuten befragt. Allerdings nicht öffentlich und ohne den Angeklagten im Saal. Im Anschluss an die Befragung verkündete Richter Stefan Culemann: „Mit Blick auf die Beschwerde soll der Nebenkläger (Marvin) vorerst nicht vernommen werden.“ Ein konkreter Ausweich-Vernehmungstermin wurde nicht festgelegt. 

Marvin K. fürchtet Zusammentreffen mit Angeklagtem

Marvin habe unter anderem „Aufgeregtheit“, „Nervosität“ und „Angst vor dem Angeklagten“ geäußert, hieß es, außerdem die Befürchtung, dass er sich in dessen Beisein nicht mehr an alles erinnern könne. Marie Lingnau hofft nun, dass Marvin erst dann wieder als Zeuge vorgeladen wird, „wenn über die Beschwerde abschließend entschieden ist“. Einen ausführlicheren Bericht lesen Sie am Dienstag, 7. Juli, in unserem E-Paper.

Update, 25. Juni:Ein neuer Zeuge will im Prozess um den Fall Marvin umfassend auspacken, allerdings erst nach Abschluss seines eigenen Strafverfahrens Ende Juli. Auch in seinem Fall soll es um Kinderpornografie gehen. Der Zeuge habe signalisiert, Angaben zum Angeklagten als auch zu Marvin machen zu wollen. 

Richter, Anwälte, Gutachter und Staatsanwalt haben sich am Donnerstag bereits Fotos und Videos angesehen, die auf dem Handy des Mannes entdeckt worden sind. Am Rande des Prozesses wurde bekannt, dass es sich bei den Szenen um schlimmsten Kindesmissbrauch gehandelt hat. Wie der Mann aus Duisburg in den Besitz der Dateien gekommen ist, ist unklar. 

Angeklagter verhindert frühere Entdeckung möglicherweise durch Drohungen

Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Angeklagte eine frühere Entdeckung Marvins durch Morddrohungen verhindert haben soll. So will eine Bewohnerin eines Recklinghäuser Altenheims nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ sofort gewusst haben, wo sich der heute 16-jährige Junge befindet.

Sie sei mit dem Angeklagten ins Gespräch gekommen, der zeitweise als Hausmeister in dem Altenheim gearbeitet hat. Bei einem Gespräch soll der Angeklagte der alten Dame ein Handyfoto von einem Jungen gezeigt haben, den er als seinen Sohn vorstellte. Genau diesen blonden Jungen will die Seniorin später im Fernsehen als den vermissten Marvin wiedererkannt haben.

Angeklagter drohte, Sohn umzubringen

Als die Dame sagte, dass sie zur Polizei geht, habe der Angeklagte sofort gedroht, dass er den Sohn der Seniorin umbringen werde. „Sie hat dann große Angst gehabt und dann auch mit niemanden darüber gesprochen", sagt eine Beamtin den Richtern.

Durch den neuen Zeugen aus Duisburg wird der Prozess nun deutlich länger dauern als geplant. Die Richter haben bereits Termine bis Anfang Oktober eingeplant. Einen ausführlicheren Bericht gibt es am Freitag, 26. Juni, in unserem E-Paper.

Update, 18. Juni: Möglicherweise hat es im Umfeld einer Jugendwohngruppe in Oer-Erkenschwick noch einen weiteren pädophilen Erwachsenen gegeben. Dieser Verdacht ist am Donnerstag im Prozess um Marvin aufgekommen. 

Als Zeuge war ein 16-Jähriger geladen, der mit Marvin befreundet war. „Marvin war nett, freundlich, hat Sachen geteilt – so wie ich auch“, sagte der Teenager den Richtern am Bochumer Landgericht. Doch das war offenbar nicht die einzige Gemeinsamkeit.

Pizzabäcker ist möglicherweise weiterer Täter

Beide Jungen hatten Kontakte zu erwachsenen Männern. Einer soll der Angeklagte aus Recklinghausen gewesen sein. Ein anderer ein Pizzabäcker, der angeblich ebenfalls ein Auge auf die damals 13-Jährigen geworfen hat. „Der wollte mir zehn Euro geben und mich anfassen“, so der Teenager. „Ich solle mich nicht so anstellen. Ich habe ihn aber dann weggeschubst und bin abgehauen.“ 

Den Mann hätten sie am Busbahnhof kennengelernt. Bei dem anderen Erwachsenen, mit dem er sich getroffen habe, könnte es sich um den Angeklagten handeln. „Der sah damals jünger aus“, so der 16-Jährige. „Deshalb bin ich mir nicht ganz sicher.“ Marvin selbst ist noch nicht als Zeuge vernommen worden. Einen ausführlicheren Bericht lesen Sie am Freitag, 19. Juni, in unserem E-Paper.

Update, 17. Juni, 13.21 Uhr: Der Angeklagte, der im Fall Marvin K. vor Gericht steht, muss in seinem Leben bereits schwere Unfälle gehabt haben. Das hat ein Neuropathologe am Mittwoch im Prozess am Bochumer Landgericht berichtet.

Bei einer Untersuchung sind Narben am Gehirn, eine Metallplatte an der rechten Augenhöhle und Schäden am Gehirn festgestellt worden. Der 45-jährige Recklinghäuser hatte von Epilepsie und einem schweren Unfall in der Kindheit gesprochen. Er sei - so seine Angaben - unter einen Bus geraten und habe am Kopf operiert werden müssen.

Fall Marvin K.: Hirnschäden des Angeklagten müssen genauer untersucht werden

Festgestellte Schäden am sogenannten Stirnlappen am Gehirn könnten möglicherweise Folge eines schweren Schädelhirntraumas sein, ausgelöst durch einen Unfall. Hier könnten die früheren Angaben des Angeklagten also stimmen. Die Platte über der Augenhöhle müsse dagegen von einer späteren Verletzung stammen. 

Die Verletzungen am Gehirn bedeuten nach seinen Angaben allerdings nicht, dass auch psychologische Probleme vorliegen müssen. Entsprechende Untersuchungen müssten von Psychiatern oder Psychologen durchgeführt werden. Einen ausführlicheren Bericht gibt es am Donnerstag, 18. Juni, in unserem E-Paper.

Update, 17. Juni, 13 Uhr: Ein Nachbar des Angeklagten, der über ihm an der Hochstraße wohnt, sagte am Dienstag vor Gericht aus. Der Bruder des Nachbarn war der Vermieter. Der Nachbar selbst, kümmerte sich vor Ort. Aus diesem Grund war er auch ein paarmal in der Wohnung des Angeklagten. 

Demnach habe der Angeklagte öfters gefeiert. „Bei seinen Partys waren fast nur männliche Gäste – auch Knaben.“ Diese Sätze soll der Nachbar bei der Polizei zu Protokoll gegeben haben. Auch Marvin habe er in der Wohnung gesehen. Er sei allerdings davon ausgegangen, dass es sich bei ihm um den Sohn des Angeklagten handelte. Das habe ihm der Angeklagte zumindest erzählt.

Weiterer Junge soll geladen werden

Der Nachbar erinnere sich an einen weiteren Jungen, der immer bei den Partys dabei gewesen sei. Die Richter versuchten, den Jungen als Zeugen zu laden, bislang allerdings erfolglos. Auf die Bitte um Rückruf auf seiner Mailbox habe es keine Reaktion gegeben.

Vor zwei oder drei Jahren sei es dann aber plötzlich ruhig geworden, so der Nachbar. Keine Partys, kaum noch Besuche. Der Angeklagte habe sich offenbar zurückgezogen. Zu dieser Zeit soll der anfangs 13-jährige Marvin schon in der Wohnung gelebt haben.

Update, 16. Juni, 14.40 Uhr: Das Bochumer Landgericht hat im Prozess um den Fall Marvin K. am Dienstag, 16. Juni, einen Nachbarn des Angeklagten, der mit ihm im Haus wohnt, befragt.

Update, 15. Juni, 18.30 Uhr: Im Prozess um den Fall Marvin ist am Montag bekannt geworden, dass der Angeklagte den anfangs 13-Jährigen möglicherweise regelrecht bezahlt hat. Das geht aus einem Foto hervor, das Marvin einem Bekannten des 45-jährigen Recklinghäusers geschickt haben soll.

Darauf ist der Wohnzimmertisch des Angeklagten zu sehen, darauf zwei Kinderhände, 80 Euro und zehn Schachteln Zigaretten. Darunter soll gestanden haben: „Das ist mein Stundenlohn. Das ist, warum der Lars an mich dran darf.“ 

Stundenlohn für sexuelle Handlungen

Der Empfänger brauchte nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass es um sexuelle Handlungen ging. „Ich nehme an, dass das so war“, sagte der 53-Jährige als Zeuge vor dem Bochumer Landgericht. „Der Marvin – der war sein Heiligtum“, hatte der Bekannte des Angeklagten schon bei der Polizei zu Protokoll gegeben. „Er hat ihn getroffen, sich verliebt und mitgenommen.“ Das mache er immer so. 

Marvin war möglicherweise nicht erstes Opfer

Dass Marvin möglicherweise nicht der erste Junge war, zu dem der Angeklagte Kontakt geknüpft hat, geht aus angeblichen Prahlereien des 45-Jährigen hervor. So soll er zwei eigene Söhne - „Leon“ und „Finn“ – erfunden haben, die aber angeblich bei der Mutter lebten. Nach Angaben des Zeugen sollen die beiden Jungs zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Einen ausführlicheren Bericht gibt es am Dienstag, 16. Juni, in unserem E-Paper.

Update, 15. Juni, 9.15 Uhr: Im Fall Marvin K. ist am heutigen Montag, 15. Juni, ein weiterer Prozesstag am Bochumer Landgericht angesetzt. Geplant ist, dass ein Bekannter des Angeklagten aus Pädophilenkreisen vor Gericht aussagt.

Update, 9. Juni: Im Prozess um den Fall Marvin hat der Betreuer des Angeklagten am Dienstag von völlig desolaten Wohnverhältnissen berichtet. Er selbst habe sich zuletzt nur noch auf der Straße mit dem 45-Jährigen getroffen. „Es war eine Zumutung, sich länger als fünf Minuten dort aufzuhalten. Es war dreckig, es war schmierig – und unaufgeräumt sowieso“, sagte er als Zeuge am Bochumer Landgericht. 

Die Betreuung war 2009 vom Amtsgericht Recklinghausen verfügt worden, nachdem bekannt geworden war, dass der Angeklagte nicht mehr krankenversichert war und sich auch nicht mehr um seine finanziellen Dinge kümmerte. Der 45-Jährige leidet seit einem Unfall in der Kindheit unter epileptischen Anfällen, muss regelmäßig Medikamente einnehmen. 

Angeklagte soll Marvin über Gruppenchat kennengelernt haben

Der Angeklagte soll den damals 13-jährigen Marvin über eine WhatsApp-Gruppe kennengelernt haben, die sich die Jungen aus Jugendwohngruppen eingerichtet hatten, um Computerspiel-Links hin- und herzuschicken. Hinter dem Link mit dem Namen "Gaming" verbarg sich allerdings kein Computerspiel, sondern ein Pädophilen-Chat, in dem sich möglicherweise auch der Angeklagte getummelt hat. 

Der heute 16-jährige Marvin hätte eigentlich am Mittwoch als Zeuge vernommen werden sollen. Dieser Termin ist nun jedoch kurzfristig auf Juli verschoben worden. 

Update, 8. Juni: Am 8. Juni, dem zweiten Prozesstag hat die Polizistin, die den vermissten Marvin K. im Dezember 2019 als erste vernommen hat, vor Gericht ausgesagt.

„Es war ein erschreckend-trauriges Bild, als er zu uns kam“, so die Polizistin vor der 8. Strafkammer des Bochumer Landgerichts. „Er lief auf Socken, hatte einen alten Herrenpullover an, er roch stark und war dreckig.“

Das erste, was Marvin erzählte, war, dass er sich freiwillig beim Angeklagten aufgehalten habe. „Er hat uns gesagt, dass er die Wohnung in der ganzen Zeit nur dreimal verlassen hat – in der Nacht“, so die Vernehmungsbeamtin. „Er hatte Angst, dass er aufgegriffen wird und in die Einrichtung nach Oer-Erkenschwick zurückmuss.“ 

Lebensmittelpunkt war das Wohnzimmer

Sein Lebensmittelpunkt sei das Wohnzimmer gewesen. Dort habe er mit dem Angeklagten auf Decken und Kissen geschlafen, sonst fast immer am Computer gespielt. Und zwar immer nachts. „Er hat uns gesagt, dass er sich erst morgens um sechs hingelegt hat.“

Laut der Polizistin sei die zweieinhalbjährige Isolation nicht spurlos an dem Jungen vorbeigegangen. Demnach sei er überfordert gewesen im Umgang mit Menschen. Durch den Mangel an Bewegung habe er außerdem überhaupt keine Körperspannung mehr gehabt. 

Marvin K. soll am Mittwoch vernommen werden

Fünf Jahre habe Marvin nach eigenen Angaben beim Angeklagten bleiben wollen – bis zu seinem 18. Geburtstag. Danach hätte ihm niemand mehr Vorschriften machen können. Der heute 16-Jährige soll am Mittwoch vernommen werden – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Update, 5. Juni, 17.40 Uhr: Die Polizistin, die Marvin K. am 19. Dezember 2019 in einem Schrank in einer Grullbader Wohnung an der Hochstraße entdeckt hat, hat zum Prozessauftakt am Bochumer Landgericht Details bekannt gegeben.

Demnach ist sie am 19. Dezember 2019 mit einer Kollegin und einem Auszubildenden in der Wohnung an der Hochstraße in Grullbad aufgetaucht. Eigentlich sollte nach Kinderporno-Dateien gesucht werden. Dabei wurde dann durch Zufall auch der seit zweieinhalb Jahren vermisste Junge aus Duisburg gefunden. 

Marvin habe Armband mit "Ich-liebe-dich"-Aufschrift getragen

Marvin habe bei seiner Entdeckung eine schwarze kurze Hose, ein altes T-Shirt – allerdings keine Socken und keine Schuhe getragen. „Ich habe erst nur zwei Füße gesehen und mich total erschrocken“, sagte eine Polizistin am Freitag, 5. Juni, am Bochumer Landgericht. 

An seinem Handgelenk trug er zwei silberne Armbänder. Eines war vom „BVB“, am anderen hing ein kleiner Anhänger mit der Aufschrift: „Ich liebe Dich.“ Ein Geschenk des Angeklagten soll Marvin der Polizistin damals verschämt gesagt haben.

Wohnung in Recklinghausen-Grullbad völlig vernachlässigt

Nachdem der Angeklagte die Polizisten erst nach längerem Klingeln und Warten in die Wohnung gelassen hat, bot sich den Beamten eine völlig vernachlässigte Wohnung. Ein Bettenlager im Wohnzimmer, Berge von aufeinanderliegender Kleidung, mittendrin auch noch der angeblich demenzkranke Vater des Angeklagten.

„Bist Du nicht der vermisste Marvin“, hatte die Polizistin den inzwischen 16-Jährigen sofort nach der Entdeckung in einer Hälfte des Kleiderschrankes gefragt. Die Antwort war kurz: „Ja, der bin ich.“ Der Junge sei „total nervös“ gewesen, so die Beamtin vor Gericht. Erst später, im Streifenwagen, habe er sich beruhigt. 

Angeklagter hüllt sich in Schweigen

Der Angeklagte schweigt zunächst vor Gericht. „Wir wollen die Beweislage abwarten“, so Verteidiger Markus Kluck am Rande der Verhandlung. Vielleicht werde der Angeklagte ja später noch Angaben machen. Einen ausführlicheren Bericht gibt es am Samstag, 6. Juni in unserer E-Paper-Ausgabe.

Erstmeldung, 5. Juni, 13 Uhr: In einem Schrank in Hs. Wohnung an der Hochstraße hatten Ermittler bei einer Durchsuchung wegen Kinderporno-Verdachts am 20. Dezember 2019 überraschend den damals seit zweieinhalb Jahren vermissten Marvin K. gefunden. 

Der Teenager war 2017 aus einer Wohngruppe in Oer-Erkenschwick verschwunden und soll sich laut Staatsanwaltschaft die ganze Zeit über in der durchsuchten Wohnung aufgehalten haben.

457-facher Missbrauch in Recklinghausen

Angeklagt ist Lars H. wegen sexuellen Missbrauchs in 475 Fällen. Außerdem geht es um tausendfachen Besitz- und Verbreitung von kinderpornografischem Material. 

Zum Prozessauftakt wurde am Freitagmorgen, 5. Juni, zunächst die Anklageschrift verlesen. Lars H. erschien im blauen T-Shirt zur Verhandlung - und schwieg. Ohne erkennbare Emotionen nahm er die Anklage zur Kenntnis. 

Marvin K. versuche in den Alltag zurückzukehren

Rechtsanwältin Marie Lingnau, die den heute 16-jährigen Marvin im Prozess als Nebenkläger vertritt, sagte vor Prozessbeginn: "Der Junge war in den Fängen eines Mannes, der sehr manipulativ war." Seit seiner Befreiung versuche Marvin, in den Alltag zurückzukehren.

Ende Dezember hat die Duisburger Polizei "disziplinarrechtliche Vorermittlungen" gegen ihr eigenes Personal eingeleitet.

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