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Häusliche Gewalt: Im vergangenen Jahr flüchteten 19 Frauen vor ihren prügelnden Männern in das Frauenhaus. Auch momentan ist das Haus voll belegt.

Frauenhaus

Erst die Flucht vor dem Krieg, dann vor dem Mann

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RECKLINGHAUSEN - Sie wollen endlich ihr Leben in die Hand nehmen und sich nicht länger unterdrücken lassen: die Bewohnerinnen des Frauenhauses. Doch ohne Wohnung fällt der Schritt in die Selbstständigkeit schwer.

Das ist ja doch kein Gefängnis! „Nein“, sagt Hanan L. aus Syrien und schüttelt den Kopf. „Nein, das hier ist ein Traum.“ Und auch Mina W. aus Afghanistan kann ihr Glück kaum fassen: „Die Zeit der Schläge ist vorbei.“ Längst haben die jungen Frauen ihre falschen Vorstellungen vom Frauenhaus revidiert. Jetzt wünschen sie sich vor allem eins: eine eigene Wohnung.

„Aber die ist gar nicht so leicht zu finden“, berichtet Anne Meiworm, die Leiterin des Hauses. Die meisten der Bewohnerinnen besitzen zunächst nur eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung. „Die Vermieter fürchten natürlich den ständigen Ein- und Auszug“, erklärt Anne Meiworm. So kommt es, dass manch eine länger als die maximal vorgesehenen drei Monate bleibt und der Wechsel gering ist. Daher fanden im vergangenen Jahr nur 19 Frauen (und 40 Kinder) Zuflucht in dem Haus mit seinen zehn Plätzen. Dank einiger Not-Schlafbetten betrug die Auslastung sogar 105,95 Prozent. „Aber zumindest konnten wir intensiv mit ihnen arbeiten. Unser Ziel ist es, dass die Frauen uns gestärkt und selbstbewusst verlassen.“ Doch Sprachprobleme und der Umgang mit den Ämtern machen das oft schwierig. Denn der größte Teil der Hilfsbedürftigen kommt aus dem Ausland.

So auch Hanan L. und Mina W. Erst sind sie vor dem Krieg geflüchtet, dann vor prügelnden Männern. Dass sich ihnen in Deutschland diese Chance bietet, hätten sie nicht für möglich gehalten. „In unserem Land haben wir keine Rechte. Wir sind das Eigentum des Mannes“, erzählt Mina W. stockend. Hätte sie ihren Mann verlassen, hätte sie zu ihren Eltern zurückkehren müssen – ohne die Kinder. Also blieb sie und ertrug die Schläge. Immer wieder. Sogar als er mit einer Holzlatte auf sie eindrosch. „Damals war ich mit meinem Sohn schwanger“, erinnert sich die 28-Jährige, „ich habe viel geweint.“ Erneut steigen ihr Tränen in die Augen. „Und meine kleine Tochter musste alles mit ansehen.“ Als der Tyrann nicht mal mehr vor den Kindern haltmachte, hielt Mina W. es nicht mehr aus. Sie flüchtete zu Anne Meiworm und deren Mitarbeiterinnen. Auch die Drohung des Täters, er wolle sie umbringen, hielt sie nicht davon ab.

„Ich bin beeindruckt, wie viel Mut und Entschlossenheit die Frauen entwickeln“, sagt die Leiterin. Das gilt ebenso für Hanan L. Die 22-Jährige wohnt mit ihrer Mutter (48) und den drei Geschwistern im Haus. „Wir haben Schreckliches erlebt“, verrät die junge Frau aus Syrien. Ihr Vater schlug die Mutter, ebenso die Kinder. Er war jähzornig, trank viel Alkohol, nahm keine Rücksicht. „Ich möchte nur mit meinen Kindern in Sicherheit sein“, übersetzt die Tochter die Worte der Mutter. Die wird nun einen Sprachkurs besuchen und will möglichst schnell eine Arbeit finden. Wenn da nicht das Problem mit der Wohnung wäre…

Wer eine Wohnung vermieten möchte, kann sich unter Tel. 02361/656996 melden.

Doch Anne Meiworm gibt die Hoffnung nicht auf. Im Moment genießen die Bewohnerinnen die Adventszeit und freuen sich auf das Weihnachtsfest – obwohl sie Muslima sind. Aber auch das ist typisch für dieses besondere Haus, das ganz bestimmt kein Gefängnis ist.

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