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Eigentlich verbreiten die schönen Tulpen Frühlingslaune – doch in der Bilanz der gerade auf dem Feld von Aloys Stratmann abgelaufenen Saison haben Trickser und Diebe den Spaß an der bunten Pracht verhagelt.

Tulpen zum Selberpflücken

An der "Kasse des Vertrauens" wächst die Ignoranz

RECKLINGHAUSEN/MARL - Bunte Grüße zum Selbstpflücken leiden unter dem Sittenverfall an der „Kasse des Vertrauens“: Trickser, Geiz und Verachtung der Natur lassen Aloys Stratmann an manchen Menschen zweifeln.

Aloys Stratmann bietet auf einem Feld an der Recklinghäuser Straße zwischen RE und Marl Blumen zum Selbstpflücken an. Jeder Autofahrer kennt, je nach Pflanzsaison, die Blütenpracht nahe der Gaststätte Sonderkamp. Gerade ist die Zeit prächtiger Tulpen vorbei – nach den vergangenen Wochen zieht Stratmann den Glauben ans Gute im Menschen durchaus in Zweifel.

Auf dem Feld wird geklaut und getrickst, Geiz paart sich mit Verachtung der Natur. Seit zehn Jahren baut Stratmann Blumen an, von zwischenzeitlich vier Feldern hat er drei wieder aufgegeben. „Die Zahlungsmoral ist in den vergangenen Jahren schon zurückgegangen – jetzt hat sie richtig nachgelassen“, lautet Stratmanns Bilanz. „Mein großer Dank gilt denen, die ehrlich sind – sie sorgen aktuell dafür, dass das Feld noch läuft.“

"Panzerknacker" versuchten schon ihr Glück

Um die Blumen zu vermarkten, setzt der 61-Jährige auf die „Kasse des Vertrauens“: Jeder Kunde wirft seinen Obulus für das, was er mitnimmt, in ein Kästchen. Nur zwischen Marl und Recklinghausen funktioniert das nicht? Stratmann jedenfalls hat seine Kassen, die abends stets geleert werden, aus zentimeterdickem Stahlblech geschweißt, das massive Diskusschloss ist ohne Trennflex unknackbar. Trotzdem hat das schon wer probiert – Bolzenschneider-Riefen zeugen vom Fehlversuch.

Um welche Wahnsinnssummen geht es auf dem Feld an der Recklinghäuser Straße? 40 Cent hat der 61-Jährige in der abgelaufenen Saison für eine Tulpe verlangt. Im Hauptberuf Feuerwehrmann, hat Stratmann die Landwirtschaft inklusive Ausbildung von der Pike auf gelernt – die Blumen sind auch Spaß an der Freude und eine Alternative zu Ackerbau mit Mais und Getreide. 5000 Quadratmeter Blumenfeld sind in landwirtschaftlichen Dimensionen gedacht ein Taschentuch. Natürlich weiß der 61-Jährige, dass er nicht mit Discountern mithalten kann, die Tulpensträuße verramschen.

Keine Kühlhauskarriere

Diese Pflanzen aber kommen eben nicht von einem Feld in Marl, sondern von sonst woher und haben eine Kühlhauskarriere hinter sich. Es ist bekannt, dass Discounter gar nicht am Blumenverkauf verdienen wollen – wenn man unter dem Großmarktpreis anbietet, ist das auch nicht möglich. Der Frühjahrsbote ist ein vorösterlicher Köder, um Kunden ins Geschäft zu locken. „Bei mir legen manche 25 Cent für einen großen Strauß in die Kasse, um ihr Gewissen zu beruhigen“, berichtet Stratmann. „Ich könnte ein Buch über Ausreden der Leute schreiben, wenn ich sie darauf anspreche.“

In Kürze kommen die Pfingstrosen, es folgen Gladiolen und Sonnenblumen. Darauf, dass die Blumen achtsam geschnitten werden, um nicht die ganze Pflanze zu ruinieren, will Stratmann nicht wetten. Zu den 100 Leih-Messern, die die Trickser pro Saison mitgehen lassen, sagt er schon gar nichts mehr…

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