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Ilgen-Nur hat schon mit AnnenMayKantereit getourt. Seit Kurzem läuft ihre eigene Tournee.

Durchstarterin Ilgen-Nur mit Album "Power Nap" und auf Tour

Indie-Pop ohne Konfetti-Kanone

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Ilgen-Nur ist "Deutschlands neue Slacker-Queen". Am 29.10. kommt sie nach Essen und zeigt, dass sie keine Außenseiterin mehr, sondern bald ein Pop-Star ist.

„Power Nap“ hat Ilgen-Nur ihr Debütalbum genannt, und einen solchen hat sie vor unseren Treffen gerade hinter sich. „Eine halbe Stunde war drin“, sagt die 23-Jährige, die mit Nachnamen Borali heißt. „Ich schlafe einfach sehr gern, was nur zu gut dem Klischee entspricht.“ Ilgen-Nur, geboren in Wendlingen bei Stuttgart, fürs (abgebrochene) Kommunikationsdesignstudium nach Hamburg gezogen und seit wenigen Wochen wohnhaft in Berlin-Neukölln, trägt nämlich den Quasi-Beinamen „Deutschlands neue Slacker-Queen“.

Und jene „Slacker“, 1990 verewigt in Richard Linklaters gleichnamigem Film, gelten als gesellschaftlich nicht konforme, an klassischer Karriere desinteressierte sowie recht faule junge Wesen, die am liebsten gammeln, Skateboard fahren und, wenn sie sich denn aufraffen, Musik machen. 

Aus den ambitionierteren Slackern wurden bisweilen Grunge-Musiker oder, so sie weiblichen Geschlechts waren, „Riot Grrrls“, die Punk mit modernem Feminismus kreuzten – wie Courtney Love, Sleater-Kinney oder Kathleen Hanna von Bikini Kill. „Mit 14 fand ich diese Frauen unglaublich cool“, so Ilgen. „Alle in meiner Klasse standen auf Taylor Swift, ich liebte Kathleen Hanna und Kim Gordon.“ 

Seit sie elf ist, schreibt Ilgen Songs am Klavier; als sie 16 wird, überredet sie die Eltern, ihr eine E-Gitarre zu schenken. „In der Schule bin ich aus der Reihe gefallen, aber ich wollte das auch. Ich war gerne die Außenseiterin. Ich fand es halt geiler, in meinem Zimmer Fanzines zu lesen, als bei McDonalds abzuhängen.“

Konservatives Leben mit den Eltern 

Ilgen-Nurs Großeltern sind in den 60er-Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen, sie wächst in einer Arbeiterklassefamilie mit von den Vorlieben der Tochter etwas überforderten Eltern auf. „Ich durfte vieles nicht, was für deutschstämmige Kinder normal war. Verglichen mit anderen muslimischen Familien waren meine Eltern chillig, aber das Leben zu Hause war schon recht konservativ.“ 

Nach und nach baut sie ihr Selbstbewusstsein auf, findet die eigene Identität, beginnt sich selbst als queer, „also nicht klassisch hetero“, zu bezeichnen, sieht null ein, warum Rockmusik die Domäne der Jungs sein soll und veröffentlicht in Eigenregie eine EP mit Songs wie „17“ und „Cool“, für die sie viel Zuspruch bekommt. 

Sie tourt mit AnnenMayKantereit und Tocotronic und merkt überrascht, wie wohl sie sich auf der Bühne fühlt, „obwohl ich Schwierigkeiten habe, mit fremden Leuten zu sprechen“. Offen und, wie sie sagt, „nackig“ ist Ilgen in ihren Songs. Dem etwas schroffen, kantigen, aber auch immer wieder sehr melodischen („Nothing Surprises Me“) Low-Fi-Pop fühlt sich Ilgen-Nur auch auf „Power Nap“ verbunden. 

Von Tiefen und Abgründen

Ihre Texte gehen emotional in die Tiefe, auch mal in die Abgründe. Ilgen-Nur sagt: „Ich schreibe keine Songs, die glücklich sind, und meine Musik ist nicht mit der Konfetti-Kanone komponiert“. Der Song „In My Head“ etwa beschreibt die Phasen, „in denen ich so extrem in meinem eigenen Film drin bin und so viel Zeit mit mir alleine verbringe, dass mein Verhalten depressive Züge annimmt“. Was hilft? „Zu akzeptieren, wie verrückt das Leben ist, aber auch, wie wunderbar“, antwortet die 23-Jährige. Und träumen. Ilgen-Nur Borali, das Mädchen aus den zwei Welten, das sich in seiner Musik für eine dritte, die nordamerikanische Alternative-Popkultur, entschieden hat, war jetzt zum ersten Mal in New York – und wäre am liebsten geblieben. „Ich denke, eines Tages werde ich das auch tun.“ Selten war eine Slackerin zielstrebiger. (Steffen Rüth)

Ilgen-Nur könnt Ihr Euch live bei ihrer Power-Nap-Tour anschauen: Dienstag, 29. Oktober, 20 Uhr, Weststadthalle Essen. Karten gibt es – soweit verfügbar – im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.

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