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Von Wegen Lisbeth haben auch einen Song über den „Lieferandomann“ geschrieben – vielleicht warten sie gerade sehnsüchtig auf ihn…

Von Wegen Lisbeth mit "Zeitzeugnis"

Ganz schön 2019

Sie sind die Element Of Crime für die Generation Snapchat. Wie schon auf „Grande“, ihrem sehr gut angekommenen ersten Album, profilieren sich Von Wegen Lisbeth auch auf dem etwas sperrig betitelten „sweetlilly93@hotmail.com“ als treffsichere, humorvolle, sacht kritische und ausgesprochen unterhaltsame Beobachter des Treibens ihrer Generation – und gehen damit auch auf Tour.

„Unsere Songs sind Alltagsbeschreibungen“, sagt Matthias Rohde, der von allen nur Matze genannte Sänger der Band. „Ich überlege mir nicht, was gerade das heißeste Aufreger-Thema ist, um dann einen Text darüber zu schreiben.“ Sondern die Themen der Von-Wegen-Lisbeth-Lieder, sie liegen auf der Hand, wenn nicht auf der Straße. Matzes Kunst: Seine kleinen, mit Vorliebe lyrisch-metaphorischen Allerwelt-Skizzen, die ja im Grunde nichts weiter sind als die Beobachtungen eines nicht auf den Kopf gefallenen Berliner Mittzwanzigers, taugen wunderbar, um an ihnen abzulesen, wo wir so stehen im Jahr 2019.

„Jede Ratte der U8“ zum Beispiel hört sich erstmal humorvoll und auch deutlich verspielt-tanzbar an, ist aber eben auch eine klare Kritik am Ausverkauf Berlins, so wie auch das Stück „Gefährder“. Matze: „Berlin ist unser Lebensumfeld, und wir stellen in letzter Zeit mehr denn je fest, wie schnell und drastisch sich die Stadt und damit auch unser Leben verändert. Die Gentrifizierung betrifft uns alle, der Wohnungsmarkt betrifft uns alle, und viele alternative Kneipen und Orte verschwinden, weil die Investoren die Grundstücke kaufen, um da etwas hinzubauen, womit sie noch mehr Geld verdienen.“

Bei allem Ernst ist das ohne Stress, Druck und in aller Ruhe entstandene „sweetlilly93@hotmail.com“ auch eine Platte zum Schmunzeln. Musikalisch variiert das Werk sehr charmant zwischen flotten, an 70er-Disco erinnernden Stücken („Wieso“), einer Art Nintendo-Synthie-Indie-Pop und einem unverkennbaren Element-Of-Crime-Einfluss („Staub und Schutt“). Man hört gern genau hin, wenn Matze in „Westkreuz“, einem der recht zahlreichen Liebeskummer-Lieder („Ich schreibe halt über das, was in meinem Leben los ist“) des Albums feststellt, dass der Fahrstuhl am Westkreuz immer noch nach Pisse riecht. Oder wenn er in „Lieferandomann“ aus Eifersucht und fehlendem Selbstbewusstsein kurz vorm Ausflippen ist.

Auch das Internet spielt eine Hauptrolle, das fängt ja schon beim Titel an. Bassist Julian Hölting sagt dazu: „Bei sweetlilly93 denkt man an ein süßes Mädchen, Jahrgang 1993. Aber das Internet ist anonym. Vielleicht ist Lilly echt, vielleicht auch nicht. Sie kann auch ein alter Mann sein.“ Die Jungs gehören nicht zu denjenigen, die das Netz für Teufelszeug halten, im Gegenteil. „Das Internet ist ein sehr großer Teil unserer Lebensrealität. Ich fände es antiquiert, das komplett auszuklammern, zumal jede Liebesgeschichte in unserem Alter an irgendeinem Punkt irgendetwas mit dem Internet zu tun hat.“ Man kann sagen: Dieses Album ist ganz schön 2019. „Matzes Texte sind oft wie ein Zeitzeugnis“, sagt Julian. „Vielleicht hört man diese Songs in 20 Jahren und denkt: ‚So war das damals also.‘“

Einstige Schulfreunde bleiben immer lässig

Die Freunde kennen sich seit der 7. Klasse des Beethoven-Gymnasiums in Berlin-Lankwitz, 2012 starteten sie offiziell Von wegen Lisbeth und mittlerweile spielen sie Abend für Abend vor 1000 und mehr Leuten, ohne dabei ihre lässige und unaufgeregte Art eingebüßt zu haben. Außerdem gelingt ihnen auch der Sprung vom Kleinen ins Große. „Warum ist die AfD immer noch da, obwohl ich heut beim Yoga war“ fragt sich Matze Rohde in „Alexa gib mir mein Geld zurück“.

Von Wegen Lisbeth kommen auf „Britz-California-Tour“ und entern auch in unsere Nähe die Bühne. Sichert Euch jetzt schon Karten für den Herbst! 1. November, 19.30 Uhr Warsteiner Music Hall Phoenixplatz 4 44263 Dortmund Karten gibt es – soweit verfügbar – für 33,45 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.

Klar Stellung beziehen Von Wegen Lisbeth indes ganz am Ende des Albums. In „Irgendwas über Delfine“ singt Matze: „Ich glaub, ich bin kein guter Mensch. Doch ein Gutmensch bin ich gerne.“ Er sagt: „Die Idee zu dem Song hatte ich während der Pegida-Aufmärsche, als man Leute wie uns plötzlich als ‚linksversiffte Gutmenschen‘ titulierte, was als Beleidigung gemeint war. Wir verhalten uns nicht immer korrekt, und ein guter Mensch bin ich nicht, aber wenn ‚Gutmensch‘ bedeutet, dass ich für bestimmte Werte wie Menschlichkeit einstehe, dann kann man mich gerne als Gutmensch bezeichnen.“

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