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„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, würde jetzt das Navi sagen, wenn der Trabi von Matthias eines eingebaut hätte. Es ging auch ohne digitaler Kartenhilfe, wie der Fotobeweis mit seiner Freundin vor dem Brandenburger Tor beweist.

Abenteuer mit Auto

Mit dem Trabi von Recklinghausen nach Berlin

Im Grunde gibt es auf die Aussage „Wir fahren mit dem Trabi nach Berlin“ zwei Arten von Reaktionen: Die erste ist geprägt von großem Unverständnis und es wird direkt die Frage aufgeworfen, warum man nicht einfach den günstigen Flieger nimmt. Die zweite Reaktion hingegen ist ein unglaubwürdiges „Echt? Cool!“ Wie es wirklich war, zeigt nun mein ungewöhnlicher Reisebericht…

Bevor die Reise starten konnte, musste zunächst eine kleine Checkliste abgearbeitet werden. Neben technischen Fragen, wie beispielsweise „Stimmt der Elektrodenabstand der Zündkerzen?“ oder „Haben wir genug Zweitakt-öl, dichte Spritkanister und das richtige Werkzeug dabei?“, war ebenfalls abzuklären, wo meine Freundin und ich überhaupt in Berlin nächtigen würden. Zwei Tage vor Abfahrt postete ich in einer Trabant-Gruppe auf Facebook einen Beitrag über die von uns geplante Reise. Anbei stellte ich die Frage, ob uns ein Trabantfahrer für zwei Nächte bei sich aufnehmen könnte. Die Resonanz auf den Post war enorm: Binnen weniger Stunden hatten wir Angebote aus Dresden, Leipzig, Berlin und Fürstenwalde bis hoch zur Ostsee erhalten.

Hinter den Lkw hergezockelt

Als es losging, verlief die Fahrt entgegen aller Sorgen ohne nennenswerte Probleme. Lediglich das Gestänge der Benzinhahnbetätigung hakte sich einmal aus, was jedoch im Handumdrehen wieder korrekt angebracht wurde. Ansonsten muss man sich die Fahrt recht entspannt vorstellen, da ich lediglich auf der rechten Spur den Lkw hinterherzockeln und die Fahrbahn nicht für schneller fahrende Autos freimachen musste. Die erste richtige Pause legten wir an der ehemaligen Grenze zwischen der BRD und der DDR ein. An einem einstigen Grenzposten konnte man anhand vieler Fotos erkennen, wie sehr sich die Landschaft seit dem Mauerfall verändert hat. Kaum hatten die Trabi-Reifen den ersten Thüringer Asphalt unter sich, winkten uns die ersten Bewohner freundlich zu und wir merkten mit jedem der folgenden Kilometer mehr, dass die Rennpappe wieder in ihrer Heimat angekommen ist.

Von hier an saß meine Freundin hinter dem Steuer und auf die Frage, ob der Sprit im Tank noch für die restliche Strecke reichen würde, antwortete ich natürlich mit einem „Ja“. Im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass ein weiterer Blick in den Tank nicht geschadet hätte. Kaum waren wir von der Autobahn abgefahren, ging der Motor an der ersten Ampel ohne Vorankündigung aus. Wie so etwas immer so in brenzligen Situationen ist, standen wir an erster Stelle, und als die Ampel auf Grün umsprang, tat sich erst einmal gar nichts mehr – ohne Tankanzeige kann das aber schon einmal vorkommen. Schnell öffneten wir also die Motorhaube, setzten den Kanister an – und es konnte schon weitergehen.

Am späten Abend erreichten wir schließlich unser erstes Etappenziel: Stopp bei der Großtante. 490 Kilometer in guten acht Stunden. Dabei begnügte sich der Zweizylinder mit etwas mehr als fünf Litern auf 100 Kilometern. Ein Wert, mit dem die Urlaubskasse auch für die kommenden Kilometer gut leben konnte. Nach zwei Nächten bei meiner Großtante und dem Besuch bei einem Freund machten wir uns weiter auf den Weg Richtung Hauptstadt. Unterwegs gab es einige Zwischenziele, wie beispielsweise den Drehort der ersten Szene des Kultfilms „Go Trabi Go“ in Bitterfeld.

Weiter ging es nun über Landstraßen in die Dämmerung hinein, bis wir schließlich die A9 erreichten. Der zunehmende Verkehr und die vielen bunten Lichter in der Nacht verrieten, dass unser Ziel Berlin nicht mehr weit entfernt liegen konnte.

Couchsurfing bei Facebook-Freunden

Kurz nach 20 Uhr bogen wir schließlich in die uns vorab genannte Straße ein, nahmen unsere Taschen unter die Arme und klingelten bei Patricia und Steffen aus der Trabi-Facebook-Gruppe am Gartentor. Obwohl die beiden am nächsten Tag wieder früh aus den Federn mussten, unterhielten wir uns noch lange am Wohnzimmertisch. Bevor es schließlich in die Waagerechte ging, drückte uns Patricia den Haustürschlüssel in die Hand. Auf die anschließende Frage, ob die beiden eigentlich schon einmal „wildfremde“ Menschen bei sich aufgenommen haben, folgte überraschenderweise ein „Nein“.

Am nächsten Morgen ging es zum ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen – ein Muss für jeden Berlin-Touristen. Mit dem Bus erkundeten wir schließlich noch die Hauptsehenswürdigkeiten Berlins und ich schaute schon einmal, wo ich mich am nächsten Tag am besten mit dem Trabi für ein Foto positionieren könnte. Gesagt, getan: Nach der zweiten Couchsurfingnacht und einem riesigen Dankeschön für die Unterbringung ging es nun zum eigentlichen Ziel der Reise, dem Brandenburger Tor. Bevor wir uns zum Foto aufstellen konnten, nutzten viele Touristen die Gelegenheit, ein Foto vom Ostblockauto zu schießen – und wir machten uns bald wieder auf, um die Strecke Berlin-Recklinghausen wieder mit dem Trabi zurückzulegen. Und auch diese Reise hat das Auto geschafft.

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