Miriam trägt ein klassiches Büro-Outfit und hält in der Hand ein dickes Lehrbuch. Ihre Hornbrille schiebt sie mit der rechten Hand auf die Nasenspitze, um missbilligend über die Gläser zu schauen.
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So verächtlich schaut Miriams Akademikerinnen-Ich das Arbeiterkind an, wenn es mal wieder eine der vielen Uni-Vokabeln nicht versteht.

Uni-Leben

Akademikerin vs. Arbeiterkind

  • vonMiriam Schulemann
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Miriam leidet unter einer inneren Mehrsprachigkeit: Ruhrpott-Slang und Uni-Vokabeln kommen sich ständig in die Quere.

Ich glaube, ich habe so etwas wie eine gespaltene Persönlichkeit. Mein inneres Arbeiterkind aus dem Ruhrpott wird seit Beginn meines Studiums massiv bedrängt von einer zweiten Seele in Form einer neunmalklugen Akademikerin mit eckiger Hornbrille, die sich mittlerweile mehr und mehr in meine tägliche Kommunikation einzumischen versucht. Was heißen soll: Meine sprachliche Ausdrucksweise ist nicht mehr dieselbe wie vor meinem Studium.

Glasklar erinnere ich mich noch an die allererste Vorlesung meines Lebens: Die Professorin wünschte uns zum Abschied einen schönen Tag und bat uns, etwaige Fragen zuerst an unsere Kommilitonen zu richten. Mein akademisch völlig unbedarftes Ich war verwirrt. Ähm, wie bitte?? Was zur Hölle ist ein Kommilitone? Während ich fieberhaft darüber nachdachte, ob es sich wohl um ein spezielles Gerät à la Alexa oder ein äußerst seltsam benanntes Lehrwerk handelte, das ich nicht besaß, rümpfte meine innere Akademikerin herablassend die Nase und rückte zur Unterstreichung ihrer Missbilligung noch gleich ihre riesige Hornbrille zurecht.

Google, dein Freund und Helfer

Ich gebe es ehrlich zu: Ich musste „Kommilitone“ googeln, um herauszufinden, dass dieses Wort einfach nur das universitäre Äquivalent (noch so ein tolles Wort) zu „Mitschüler“ ist. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich die Suchmaschine bemühen musste. In Vorlesungen und Seminaren entstanden teilweise ganze Listen mit mir völlig unbekannten Wörtern, die ich nachschlagen musste wie Vokabeln im Englischunterricht.

Besonders einschüchternd für mein inneres Arbeiterkind waren andere „Kommilitonen und Kommilitoninnen“, denen diese Wörter in Seminargesprächen ganz selbstverständlich auf der Zunge lagen, während ich mir, so gewählt ich mich auch auszudrücken versuchte, wie eine ungebildete Hinterwäldlerin vorkam bzw. von dem, was in der Veranstaltung gesagt wurde, nur die Hälfte verstand.

Mit Zungenbrechern bis ins dritte Semester

Das Arbeiterkind in mir hielt mir prompt einen Vortrag über die (finanziellen) Vorteile einer Berufsausbildung und den mangelnden Bezug zum wirklichen Leben eines Studiums. Ich überhörte das Gezeter und versuchte zur Ablenkung „Kommilitone und Kommilitoninnen“ dreimal ganz schnell hintereinander zu sagen, ohne meine Zunge zu verknoten.

Drei Semester hat es gedauert, bis ich mich an der Uni einigermaßen einlebte und mich selbst als „Studentin“ identifizierte. Noch mehr, bis mir Begriffe wie „Intervention“, „Diskrepanz“, „Dogmatik“ und „Validität“ allmählich in Fleisch und Blut übergingen. Eine Dozentin behauptete in einer ihrer Vorlesungen, dass im Fachunterricht mehr neue Wörter gelernt werden als im Fremdsprachenunterricht. Ich bin durchaus geneigt, dieser Behauptung zuzustimmen. Mein Wortschatz ist massiv expandiert und ich warte begierig darauf, irgendwann einmal Begriffe wie „neoklassisches Rationalitätsmodell“ lässig im Alltag fallen lassen zu können.

Eltern leiden unter elitärem Gequatsche

Derweil muss ich aufpassen, dass es zu Hause zu keinen Verständigungsproblemen kommt. Das Arbeiterkind übernimmt nämlich nicht mehr automatisch die Führung, wenn ich das Universitätsgelände verlasse, sondern liefert sich mitunter bittere Kämpfe mit der kleinen Akademikerin mit der Hornbrille. Meine armen Eltern haben unter meinem elitären Gequatsche mitunter ziemlich zu leiden, obwohl ich mich bemühe „normal“ zu sprechen. In mir braut sich eine kleine Identitätskrise zusammen und ich kann nicht mehr sagen, ob ich mich eher dem Arbeiterkind oder der Akademikerin verbunden fühle.

Ich fühle mich mittlerweile wie eine Art hybrides Wesen. Es ist, als hätte ich mir eine komplett neue Sprache antrainiert. Ein bisschen Ruhrpott-Deutsch zu Hause („Räum endlich ma die Plörren hier wech!“), elitäres Gelaber in der Uni („Die Evaluation der Intergruppenintervention kam zu folgenden Resultaten…“), oder auch ein stilvoller Mix aus beidem mit der besten Freundin. Wenn ich in der Uni richtig aufgepasst habe, wird dieses Phänomen „innere Mehrsprachigkeit“ genannt.

Seltsame Vermischungen beider Sprachen

Das Switchen zwischen den verschiedenen Sprachen verläuft allerdings nicht immer ganz reibungslos, es entstehen mitunter wundervolle Kompositionen wie „Hömma ey, dat geht gar nich, da musse ma dringend intervenieren!“ Außerdem erwischte ich mich einmal dabei, wie ich das Tinder-Profil eines Typen nach dem rezeptionsästhetischen Ansatz zu analysieren versuchte.

Ein Professor antwortete einmal auf meine sprachlich absolut tadellose E-Mail, die ich begann mit „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. (zig weitere akademische Titel, deren Bedeutung kein Mensch kennt)“ und in die ich ein paar von diesen hübschen neuen Fremdwörtern einfließen ließ, vollkommen unbeeindruckt mit „Hey Miriam, jau, hab ich notiert. Sonnige Grüße und bis nächste Woche. Ciao!“. Warum nicht immer so?

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