Eine Angststörung hat oft zur Folge, dass man sich aus seinem täglichen Leben zurückzieht.

Das Leben mit der Angst

Wenn die Angst zum ständigen Begleiter wird

Nele* schreibt heute sehr offen über ein sensibles Thema: ihre Angststörung. Sie schildert ihre Erfahrungen mit der Krankheit.

Emetophobie – wahrscheinlich kommt den meisten dieser Begriff fremd vor. Selbst ich hatte lange keine Ahnung, was das ist, auch nicht als ich schon damit zu tun hatte. Also hier die Erklärung: Emetophobie ist die Angst davor, sich zu übergeben oder eine Person im eigenen Umfeld zu haben, die sich übergibt – doch es steckt noch viel mehr dahinter.

Ich habe selber damit zu tun und alles, was ich hier erzähle, sind lediglich meine Erfahrungen damit, welche nicht unbedingt auf alle zutreffen müssen! Bei mir fing alles mit zwei Trauerfällen in meiner Familie und einem Vorfall, der meine ganze Schule betroffen hat, an. In dieser Zeit ging es mir ziemlich schlecht, doch die eigentliche Angststörung trat erst ein bis zwei Jahre später auf. 

Es begann damit, dass ich die einfachsten Dinge nicht mehr machen konnte, wie alleine von zu Hause weggehen, Hobbys oder aus der Stadt rauszufahren, weil mir vorher immer schlecht wurde und ich große Angst hatte, mich zu übergeben. Irgendwann habe ich auch immer öfter in der Schule gefehlt, bis ich dann auf über 120 Fehlstunden kam. Ich gewöhnte mir außerdem an, immer eine Flasche Wasser und Zwieback mit mir herumzutragen, selbst wenn ich nur kurz vor die Tür ging, da es mir einfach Sicherheit gab. 

Die meisten meiner Freundinnen waren davon sehr genervt und ich habe mich immer weniger mit ihnen getroffen, da man mit mir ja nichts unternehmen konnte und es auch nicht sicher war, ob ich nicht doch kurzfristig absage. Auch die Eltern meiner Freunde haben es meistens nicht verstanden und ich habe auch schon gehört, wie zwei Mütter gesagt haben: „Also so etwas würde es ja bei uns nicht geben.“ Das alles hatte zur Folge, dass ich mich immer mehr zurückzog und ich immer weniger Selbstbewusstsein hatte. 

Ich wusste nicht mehr weiter und habe mir dann Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, bei der ich dann wöchentlich war. Als mir das nicht wirklich weiterhalf, entschied ich mich dann, in eine Tagesklinik zu gehen. Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, da man aus dem ganzen Schulstress für eine Weile rauskam und man sich ganz darauf fixieren konnte, die Ängste loszuwerden. Nach der Klinik-Zeit habe ich mir vieles auch selber erarbeitet und ich habe gemerkt, dass es immer leichter ging. Diese Schritte kosten Überwindung, aber anders wäre meine Angst nur gewachsen.

Mit der Angst kamen auch gewisse Zwänge

Es gibt aber noch etwas anderes, das sich zu der Emetophobie dazu entwickelt hat. Und zwar sind es so eine Art Zwänge. Zum Beispiel habe ich einen Pullover wegwerfen müssen, weil mir in ihm in der Schule einmal schlecht geworden ist und ich seitdem immer Angst hatte, dass mir wieder übel wird, sobald ich ihn anhabe. Ich weiß selber, dass das alles Quatsch ist, aber wenn ich versuche, es anders zu machen, sagt mir mein Kopf immer wieder: „Und wenn dir doch schlecht wird? Lass das lieber.“ 

Aber auch da kann ich nur sagen, dass man sich dazu überwinden muss, es anders zu machen. In all den Jahren habe ich mich nicht einmal übergeben, und ich war auch nie anfällig dafür. Zu Leuten, die Magen-Darm haben oder denen übel ist, halte ich trotzdem sehr großen Abstand, aus Angst mich anzustecken, doch auch das werde ich noch in den Griff kriegen. Abschließend kann ich allen Betroffenen nur raten: Geht offen damit um und erzählt anderen davon, wenn euch etwas schwerfällt. Wenn Ihr auch eine Zeit lang in einer Klinik seid und in der Schule fehlt, erzählt Eurer Klasse davon, damit nicht irgendwelche Gerüchte erzählt werden. Es wird immer Leute geben, die es nicht verstehen oder dumme Kommentare abgeben, aber die haben einfach keine Ahnung – und man sollte nie vergessen, dass es jeden treffen kann.

INFO Wenn Ihr psychologische Hilfe benötigt, könnt Ihr Euch an die Psychologische Beratungsstelle in der Paulusstraße 47 in Recklinghausen wenden. 02361/92 61 0. Auch die „Nummer gegen Kummer“ ist eine gute Anlaufstelle 116 111.

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