Der Unterkörper einer Frau ist seitlich zu sehen. Sie trägt eine zu große Jeanshose. Den Bund zieht sie am Bauch soweit nach vorne, wie die Hose im Normalfall ausgefüllt wäre, als Zeichend es gemeisterten Gewichtsverlustes.
+
Nicht jeder kann Alltäglichkeiten erledigen, ohne permanent an sein Körpergewicht erinnert zu werden.

Das „Thin-Privilege“

Das Privileg der Dünnen?

Man kann an seinem Körper zweifeln und dennoch vom „Thin Privilege“ profitieren. Rita klärt Euch heute über dieses Phänomen auf.

Von Rita Eckert

Mittlerweile ist es doch ziemlich „in“, für mehr Realität auf Instagram oder sonstigen sozialen Medien einzustehen. Dafür werden neuerdings ganz provokativ Fettpölsterchen herausgedrückt, um zu demonstrieren, wie „real“ man ist. Ich will auch niemandem absprechen, dass sie nicht lange Zeit mit ihrem Aussehen gehadert haben und sich jetzt trauen, ihren Körper so zu zeigen, wie er nun mal ist.

Allerdings ist es ganz und gar nicht provokativ oder in irgendeinem Sinne bahnbrechend, verzweifelt nach irgendwelchen Makeln zu suchen und diese dann zu zeigen, nur um beim aktuellen „Bodypositivity“-Trend mitzumachen. Diese ganzen Posts, TikToks oder Reels bei Instagram mit den herausgedrückten Fettröllchen helfen im Grunde genommen niemandem – im Besonderen auch keinem Menschen, der nicht ins „thin privilege“ fällt.

Mit dieser ganz einfachen Checkliste könnt Ihr überprüfen, ob Ihr dieses Privileg habt – das heißt, ob Ihr von der Gesellschaft aufgrund Eures Körpers verurteilt oder diskriminiert werdet, oder eben nicht.

1) Sagen Ärzte und Ärztinnen Dir andauernd, dass Dein Gewicht an Deinen gesundheitlichen Problemen schuld ist? 2) Gibt es in Klamottenläden selten Deine Größe? 3) Sagt man Dir öfter: „Aber Dein Gesicht ist echt schön“ und meint damit: Dein Körper leider weniger? 4) Wirst Du verurteilend angesehen, wenn Du in der Öffentlichkeit isst? 5) Werden Dir ständig ungefragt Abnehm-Tipps gegeben? 6) Musst Du im Flugzeug wegen Deines Gewichts mehr zahlen, oder musst Du Dich in einen Sitz quetschen, der nicht passt?

Privileg schließt Selbstzweifel nicht aus

Wenn Ihr alles mit „nein“ beantworten könnt, dann kann man Euch zwar nicht absprechen, dass Ihr persönlich mit Eurem Körper struggelt, aber aus dem gesellschaftlichen Raster für Schönheit fallt Ihr wohl nicht. Das bedeutet, dass Ihr nicht wegen Eurer Körper gesellschaftlich diskriminiert werdet, ganz unabhängig von Eurem eigenen Gefühl – daher herzlichen Glückwunsch, you may have thin privilege!

Wer jetzt daran zweifelt, ob es das „thin privilege“ wirklich gibt, kann sich gerne auf die folgenden Zeilen einlassen und sich ehrlich eingestehen, gewisse Denkmuster im Bezug auf Übergewichtige bereits mehrmals im Leben an den Tag gelegt zu haben: „Dicke“ werden sofort als ungesund lebend eingestuft, egal ob sie es tatsächlich sind oder nicht. Dünne Menschen können einen ungesunden Lebensstil haben, sich im Supermarkt einen Haufen Schoki, Chips und Fertigzeugs gönnen, während übergewichtige Menschen sich fiese Kommentare oder als „gut gemeint“ getarnte Abnehm-Tipps anhören müssen.

Suche nach charakterlichem Ausgleich zum Gewicht

Bei dünnen Menschen wird nie beim bloßen Anblick des Körperbaus davon ausgegangen, dass sie faul sind – ganz anders ist es jedoch bei dicken Menschen. Oftmals wird Schönheit bei Dicken nur auf ein bestimmtes Körperteil, nämlich das Gesicht, beschränkt. Ein dicker Körper ist nicht normschön. Partner von Dünnen werden nicht gefragt, wie der Sex denn so ist, während Partner von Dicken erstaunt gelöchert werden, wie denn der Sex überhaupt möglich sei.

Ein weiterer ganz unangenehmer Aspekt ist, dass dickere Menschen bei Erwähnungen unter Freunden oder Bekannten oftmals folgendermaßen beschrieben werden: „Er ist etwas schwerer, aber super nett.“ Oder „Sie ist recht kurvig, aber eine ganz süße Maus.“ Als suche man für das Dicksein einen Ausgleich. Eine treffende Beschreibung wie „sie ist blond, hat blaue Augen, viele Sommersprossen und ist zurückhaltend und total witzig“, scheint im ersten Augenblick für die meisten gar nicht denkbar zu sein.

Instragram-Postings sind zweifelhaft

Es gibt sicherlich noch etliche Beispiele aus dem Alltag, die belegen, dass das „thin privilege“ und somit die Diskriminierung Übergewichtiger real ist.  Meiner Meinung nach nehmen zu viele nicht-mehrgewichtige Menschen einen viel zu großen Raum in der „Bodypositivity“-Bewegung ein. Es häufen sich aktuell Posts von zahlreichen Influencerinnen, mit zwei nebeneinandergestellten Bildern mit herausgedrückten Speck und ohne Speck, mit der Unterschrift „beautiful“ und „still beautiful“. An dieser Stelle fehlt mir einfach jegliche Reflexion darüber, dass diese Personen dennoch und auch mit Speckrolle oder minimaler Bauchfalte ins Dünn-Sein-Privileg hineinfallen.

Dies erweckt den Eindruck, als sei es so wahnsinnig schwer, mit diesem Minimakel immer noch von der Gesellschaft als schön wahrgenommen zu werden. Dabei bezweifle ich, dass besagte Personen aufgrund ihres Körpers permanent strukturell diskriminiert werden. Vor allem, solange sie ihre Speckrollen noch optional für mehr Resonanzen auf ihrem Profil ein- und wieder ausziehen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Zwischen Studieren und Partymachen
Zwischen Studieren und Partymachen
Zwischen Studieren und Partymachen
Ein „Tinder“-Türchen offenhalten...?
Ein „Tinder“-Türchen offenhalten...?
Ein „Tinder“-Türchen offenhalten...?
Lara ist angekommen
Lara ist angekommen
Lara ist angekommen
Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen
Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen
Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen

Kommentare