In einer Fensterscheibe hängt vor strahlend blauem Himmel ein weißer Traumfänger.
+
Der Ratgeber war Miriam dann doch etwas zu esoterisch angehaucht ...

Meinung zu Esoterik

Ein unfreiwilliger Ausflug in esoterische Welten

  • vonMiriam Schulemann
    schließen

Miriam bekam aufgrund ihres blassen Äußeren einen Ratgeber ans Herz gelegt. Dass der sich zum Esoterik-Handbuch entpuppt, hat sie nicht geahnt.

Ich sehe etwas kränklich aus. Ich persönlich halte das für eine Folge des Prüfungsstresses und der Tatsache, dass ich in dieser Phase weniger Obst und Gemüse und mehr Tortilla-Chips mit Käsedip gegessen habe, als ich sollte. Meine beste Freundin allerdings – plötzlich hobbymäßig Gesundheitscoach – vermutet eine Störung in meinem Säuren-Basen-Haushalt. Ich habe natürlich keine Ahnung, was das heißen soll (in der Schule waren meine Leistungen in Chemie eher mittelschlecht), aber macht nichts, denn da hat sie mir auch schon einen rund 200 Seiten dicken Ratgeber passend zum Thema in die Hand gedrückt.

Obwohl ich Ratgeber eigentlich aus Überzeugung meide, schiebe ich ausnahmsweise meine Zweifel beiseite und freue mich stattdessen beim Aufschlagen des Buches auf eine gut recherchierte, wissenschaftlich fundierte Abhandlung über meinen körpereigenen Säure-Basen-Haushalt, von dessen Existenz ich zwar bis dato noch nie etwas gehört habe, aber motiviert bin, etwas darüber zu lernen. Zumindest denke ich zu diesem Zeitpunkt noch, dass das Buch gut recherchiert und wissenschaftlich fundiert ist.

Esoterische Begriffe führen zu lautem Gelächter

Die ersten Seiten befassen sich noch mit reinem Faktenwissen über Säuren und Basen und allgemein dem menschlichen Stoffwechsel. Bis hierhin bin ich von der Richtigkeit des Gelesenen noch überzeugt. Die Kapitelüberschrift „Übersäuerung des Geistesbewusstseins“ lese ich dann aber zugegebenermaßen zweimal, um eine Fehlinterpretation des Wortes durch mein Gehirn auszuschließen.

Im Verlauf des Kapitels fallen Wörter wie „Sakralchakra“, „Kosmische Energie“ und „spirituelle Entwicklungsstufen“. Ich schwanke zwischen Belustigung und Fassungslosigkeit. Ich will das Buch schon weglegen, kann mich dann aber der Faszination des Grauens doch nicht entziehen und lese mit gerunzelter und gleichzeitig mit vom unterdrückten Lachen zitternden Mundwinkeln weiter. Als ich bei einem Abschnitt ankomme, in dem es darum geht, dass über die Haarspitzen kosmische Energie aufgenommen wird, pruste ich aber dann doch endgültig los.

Das Frühstück widerspricht der Leucht-Theorie

Der Typ treibt es aber noch weiter auf die Spitze, indem er mir weiszumachen versucht, dass Bio-Lebensmittel Licht speichern und wieder abgeben können. Ich bin zwar keine Physikerin, wage aber diese Aussage dennoch zu bezweifeln. Ich rufe mir meine Schüssel mit Bio-Haferflocken von heute Morgen ins Gedächtnis, von denen ich mir eigentlich ziemlich sicher bin, dass diese nicht geleuchtet haben. Liegt vielleicht daran, dass ich sie zusammen mit Nicht-Bio-Milch gegessen habe. Oder auch daran, dass Haferflocken keine Akku-Lampen sind!

Ich lege kopfschüttelnd diesen zweifelhaften Ratgeber beiseite und teile meine Beobachtung bezüglich der definitiv unbeleuchteten Haferflocken meiner besten Freundin mit, die ohne Umschweife zugibt, dass ihr das esoterische Geschwafel des Autors zwar auch zu viel war, „da aber auch sehr gute Tipps bei sind.“ Stimmt grundsätzlich auch, wenn man das Ganze sehr (!) kritisch angeht oder wie ich es lieber ausdrücken möchte: Den ganzen esoterischen Scheiß konsequent rausfiltert (womit ich mir einiges an Lesezeit erspart hätte).

Fazit fällt eher ernüchternd aus

Man sollte sich gesund und ausgewogen ernähren, ausreichend schlafen, moderat Sport treiben, viel Wasser trinken und Stress vermeiden. Für diese gar nicht mal so neue Erkenntnis musste ich mich durch einen ziemlich großen Haufen Mist wühlen. Was kann ich außer einer Lektion im kritischen Lesen hieraus mitnehmen? Eine gesunde Lebensweise steigert das körperliche und geistige Wohlbefinden, da können selbst grundsätzlich skeptische Menschen wie ich kaum widersprechen.

Aber ich bezweifele doch stark, dass ich meine Lebensqualität signifikant verbessere, indem ich mir Edelsteine ins Wasser kippe oder ich versuche, Verschlackungen im Astral-Körper (???) zu lösen. Auf dieses Fazit brauche ich jetzt auf jeden Fall etwas zu Essen, am besten etwas, was meine Säure-Basen-Bilanz so richtig runterziehen wird. Jemand reiche mir Tortilla-Chips mit Käsedip!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Wo ich mich zu Hause fühle, weiß ich am besten
Wo ich mich zu Hause fühle, weiß ich am besten
Wo ich mich zu Hause fühle, weiß ich am besten

Kommentare