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Jaja, sie sehen so unschuldig aus... Autorin Miriam stellen sich bei diesem Anblick allerdings die Nackenhaare auf.

Blöde Arbeit

Von Briefkasten zu Briefkasten hetzen

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Flyer-Verteilen zählt nicht zu den Lieblingsjobs für Schüler und Studenten. Scenario-Redakteurin Miriam aus Recklinghausen berichtet von ihrem Einwurf-Trauma...

Jobmäßig ist man als Teenager gezwungen, klein anzufangen. Somit war ich bei Weitem nicht die Einzige, die sich als 13-Jährige jeden Samstag schwer beladen mit kostenlosen Zeitungen anschickte, den Bewohnern meines Viertels die Briefkästen zuzustopfen. 

Woche für Woche kämpfte ich mich mit dem bis zum Anschlag vollgepackten Einkaufstrolley bei Wind und Wetter durch die Straßen für häufig nicht einmal 10 Euro pro Tour, die über zwei Stunden andauerte – Unannehmlichkeiten aller Art inklusive, wie unpünktliche Lieferung, zu viel oder zu wenig Zeitungen, Bezahlung nach dem Würfelprinzip plus die Auslieferung an die Elemente. Sturmböen, Regengüsse, Schneechaos, Gluthitze: Als Verteiler muss man raus. 

Lieber Atomphysik unterrichten

Eine Sache haben alle Jugendlichen, die diesen Job jemals gemacht haben, gemeinsam: Sie machen es nie, nie wieder. Auch ich würde, hätte ich die Wahl zwischen Prospekte verteilen und einem Job als Klofrau in einer angeranzten Untergrund-Disco im abgefahrensten Teil der Stadt, bereitwillig die Disco wählen. Ich würde auch freudestrahlend Atomphysik unterrichten, als jemals wieder mit voll beladenen Armen von Haus zu Haus zu hetzen.

Zehn Jahre später aber holt mich das Trauma wieder ein. Neben meinem Studium habe ich einen neuen Job angenommen, der gerade anfangs extrem viel Eigeninitiative erfordert, wenn man Erfolg haben möchte, Flyerverteilung inklusive.

Garstige Schildchen sorgen für Mehrarbeit

Die Re-Traumatisierung traf mich mit ihrer ganzen Härte. In der Sommerhitze schleppte ich mich stundenlang durch die Nachbarschaft, um die zum Glück recht kleinformatigen Werbeträger in die Briefkästen zu werfen, bzw. mit roher Gewalt durch die verstopften Briefschlitze zu quetschen. Unfreundliche „Keine Werbung“-Schildchen sorgten für beträchtliche Mehrarbeit. Nur wer jemals als Zusteller gearbeitet hat, weiß, dass es immer ein kleiner Stich ins Herz ist, von so einem garstigen Schildchen am Briefkasten abgewiesen zu werden. 

Die nicht ganz so gemeinen Schildchen verfügen wenigstens noch über die Ergänzung „Bitte“, bevor sie dir unmissverständlich erklären, dass sie an dem freundlichen Flyer, den du im Schweiße – bei mir im Sommer im wahrsten Sinne des Wortes – deines Angesichts höchstpersönlich zum Briefkasten dieser Leute getragen hast, nicht die Bohne interessiert sind. 

Vorsicht vor dem Sensemann

Um dieses Statement visuell zu unterstreichen, hatte jemand neben dem „Keine-Werbung“-Schild noch einen schwarzen Sensemann(!)-Aufkleber angebracht. Dieses Grundstück verließ ich dann zugegebenermaßen besonders schnell, auch wenn ich den Sensemannaufkleber doch etwas übertrieben fand.

Wir Zusteller sind schließlich nicht blind, dachte ich – und stopfte prompt im Eifer des Gefechts einen Flyer in einen „verbotenen“ Briefkasten. Leicht panisch und dabei „Shit, shit, shit“ murmelnd, fischte ich den Flyer hastig wieder aus dem Briefschlitz heraus und kam mir dabei wie die kriminellste Person auf diesem Planeten vor. Ich vergewisserte mich schnell, ob man mich beobachtet hatte (zum Glück nicht) und verließ eilig den Tatort. 

Hm, vielleicht sollte ich mich doch damit anfreunden, mir Lehrbücher über Atomphysik zuzulegen. Die lassen sich wenigstens gemütlich auf der Liege lesen. Erscheint mir potenziell sicherer als dieser Job…

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