Ein Mädchen sitzt mit einem Milchshake in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand auf einer Bank in einem Lokal. Sie schaut vertieft auf ihr Smartphone.
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Warum sollte man heute jemanden direkt ansprechen, wenn man den Herzbuben/die Herzdame auch einfach noch in der Bar selber in diversen sozialen Netzwerken suchen und übers Handy anschreiben kann?

Liebe damals und heute

Früher war alles ein wenig romantischer

  • vonAnna Päseler
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Den Lebenspartner zu finden, ist eine schwierige Angelegenheit. Daher nutzen wir oft das Internet, aber verdammen diese Möglichkeit gleichzeitig.

Früher war alles besser? Da lacht unsere Generation nur müde, wenn Verwandte mal wieder von den guten alten Zeiten schwärmen. Heutzutage hat man doch viel mehr Möglichkeiten als damals – wir können das oft nicht so richtig verstehen. Aber bei einer Sache sind sogar wir uns total einig: Früher war wirklich alles einfacher – nämlich dann, wenn es um das Thema Liebe ging.

Denn, mal abgesehen vom Corona-Ausnahmezustand, wie soll man heutzutage bitteschön noch jemanden kennenlernen? Das war früher ganz anders! Da hat man die Frau oder den Mann für das Leben bei einem Tanzabend kennengelernt. Man saß im strömenden Regen unter demselben Vordach fest oder hat sich von Kindesbeinen an beim selben Eiswagen ne Kugel Eis gekauft. Dann fuhr man irgendwann zusammen in den lang ersehnten Nordsee-Urlaub, hatte diese seltsame, jetzt schon wieder fast coole Bademode an und baute sich zu Hause ein romantisches Leben auf.

Zur Liebe getanzt wird nicht mehr

Tja und das gibt es heute alles nicht mehr. Keine Tanzabende, kein Regen, kein Eiswaffelstand. Alle fahren ans Mittelmeer. Dramatisch. Echte Romantik? Liebe auf den ersten Blick? Nö, wir sind alle viel zu verkopft. So was ist früher passiert, aber heute? Das können wir uns nicht vorstellen. Somit sind wir fast gezwungen, das Internet und diverse Apps zur Partnersuche zu nutzen, damit es überhaupt irgendwann mal eine reale Chance auf eine Beziehung gibt. Ist es nicht so? Sind wir nicht ständig alle deswegen am Jammern? Früher war das auf jeden Fall einfacher! Zumindest wollen wir das glauben. Wie oft habe ich das jetzt schon gehört, dass wir von uns behaupten, es wirklich schwer bei der Partnersuche zu haben.

Aber schauen wir uns mal die Fakten an: Was macht man heute, wenn man sich gerade kennengelernt hat? Man tauscht die Nummern aus. Ups, unsere Eltern hatten vielleicht gerade mal einen einzigen Telefonanschluss im Haus. Und dann meistens auf dem Flur. Unsere Großeltern hatten meist nicht einmal den. Per WhatsApp schreiben? Ging damals nicht. Die umschwärmte Person in den sozialen Medien „stalken“? Nope. Sich in einer Fernbeziehung trotz hunderten Kilometern Entfernung sehen, zumindest auf einem Bildschirm? Früher nicht mal denkbar. Aber hey, dafür gab es doch romantische Briefe …

Heißt anders wirklich einfach?

Sind wir doch mal ehrlich: Das hat es alles früher eigentlich doch nicht einfacher gemacht, oder? Es war anders, aber war es einfacher? War es besser?

Viele Beziehungen entstehen doch heute durch die Möglichkeiten, die das Internet bietet. Ob das „besser“ ist als früher – da kann man lange drüber philosophieren. Aber im Vergleich zu früher erscheint es auf jeden Fall viel unromantischer. Und genau deswegen heben viele Singles entwaffnend die Hände: „Ja, ich bin auf Tinder. Aber was soll ich auch machen, es ist ja nicht mehr so einfach wie früher!“ Wo soll man sich denn bitte heute noch kennenlernen?

Eine Ausrede für Schamgefühle

Wie wäre es beispielsweise mit: In der Disco, frierend in nasser Kleidung an einer Bushaltestelle oder etwa beim Waffelbäcker um die Ecke? Ja, ja und ja. Genau dort! Aber woran es unserer Generation oft mangelt, ist der Mut jemanden direkt anzusprechen. Denn eventuell finden wir die Person ja später im Netz und können uns einen peinlichen Korb von Angesicht zu Angesicht sparen. Und damit sollten wir eins festhalten: Früher war es nicht unbedingt einfacher, den Menschen fürs Leben zu finden. Die Menschen waren nur einfach mutiger, wenn es darum ging, den ersten Schritt zu machen.

„Früher war es einfacher“ ist also bloß eine Ausrede. Romantische Beziehungsgeschichten werden auch noch heute geschrieben. Natürlich braucht man dafür nach wie vor ein wenig Glück. Denn wie auch früher, kam der Prinz nicht auf einem Schimmel dahergeritten. Aber wir haben es selber in der Hand. Und wenn wir dafür Apps nutzen sollten, ist das nicht weniger gut. Niemand sollte sich verteidigen müssen, wenn man seine Freundin oder seinen Freund im grenzenlosen Internet gefunden hat. Und auch diese Art sich kennenzulernen birgt viel romantisches Potenzial.

Außerdem wird dieses Modell uns wohl über die kalten Wintermonate bringen. Dann, wenn durch Corona bedingt, echte Datings wieder schwierig werden.

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