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Die Konturen des Kosovo auf deutscher Flagge. Aurora dentifiziert sich voll mit beidem.

Meinung

Wo ich mich zu Hause fühle, weiß ich am besten

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Die 22-jährige Aurora ist in Deutschland geboren, hat albanische Eltern – und fühlt sich beiden Ländern tief verbunden. Das irritiert viele.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und im Besitz des deutschen Passes. Da würde man doch klar behaupten, dass ich deutsch bin. Allerdings sind meine Eltern aus dem Kosovo. Die erste Sprache, die ich gelernt habe, war Albanisch, und einen großen Teil meiner Kindheit habe ich im Kosovo bei meiner Familie verbracht. Die albanische Kultur hat definitiv ihre Spuren bei mir hinterlassen. Bin ich immer noch deutsch? Da streiten sich in meinem Umfeld die Geister. 

Viele wollen mir immer wieder sagen, mit welcher Nationalität ich mich zu identifizieren habe. Da werfe ich mal die provokante Frage in den Raum: Ist das nicht meine Sache – ja, meine Entscheidung –, wo ich mich zu Hause fühle? 

Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Albanisch ist meine Muttersprache. Im Kindergarten habe ich dann ohne große Schwierigkeiten die deutsche Sprache erlernt. Hundertprozentig deutsch fühlte ich mich aber nie. Als Kind war es mir peinlich, wenn andere Leute meine Eltern mit albanischem Akzent und grammatikalischen Fehlern sprechen hörten. Noch schlimmer fand ich es, wenn meine Eltern Albanisch mit mir in der Öffentlichkeit sprachen. In diesen Momenten fühlte ich mich anders als die anderen. Dafür haben unter anderem auch genug Kommentare meiner Schulkameraden gesorgt: „Komisch, dass du so eine gute Note in Deutsch hast, obwohl du eigentlich nicht wirklich deutsch bist“ ist nur ein Beispiel dafür. 

Habe ich einen Migrationshintergrund? 

Wenn ich dann meine Familie im Kosovo besuchte, wurde ich mit ähnlichen Aussagen konfrontiert – aber in umgekehrter Form: „Rede beim Einkaufen nicht zu viel. Wenn sie merken, dass du deutsch bist, wird es teurer für dich.“ Das verwirrte mich. War ich nun deutsch oder nicht? Habe ich einen Migrationshintergrund? Bin ich Albanerin? Oder Deutsche mit kosovo-albanischen Wurzeln? Eine Albanerin, die in Deutschland lebt? In albanischen Gedichten hatte ich zumindest gelernt, dass albanisches Blut durch meine Adern fließt. Das war mir dann aber doch ein bisschen zu patriotisch. Was spricht gegen zwei Heimatländer? Je mehr es sich Außenstehende herausnahmen, meine nationale Identität zu definieren, desto wütender wurde ich. Auch heute ist es nicht besser, wenn Freunde und Bekannte in Deutschland behaupten, dass ich eigentlich gar nicht albanisch sei, weil ich ja in Deutschland geboren wurde. 

Egal, wie man es dreht, mir gefällt es gar nicht, wenn andere ständig meinen, mir sagen zu müssen, wo ich „wirklich herkomme“. Kann ich nicht für mich selbst entscheiden, womit ich mich identifiziere? Und um es mal völlig abstrakt auf die Spitze zu treiben: Kann ich nicht einfach zwei Heimaten haben? Warum kann ich nur entweder deutsch oder albanisch sein? Warum darf ich nicht beides sein? Ist das so abwegig? Für die meisten anscheinend schon. 

"Sowohl als auch" geht wohl nicht

Denn die brauchen – aus welchen Gründen auch immer – eine Nationalität, mit der sie mich identifizieren können. Zwei wären ja völlig absurd. Das würde einen bestimmt total überfordern. Eines weiß ich ganz sicher: Ich fühle mich sowohl in Deutschland als auch im Kosovo zu Hause und kann beide Sprachen fließend sprechen. In meiner Kindheit haben mich sowohl die deutsche als auch die albanische Sprache, Kultur und Mentalität geprägt. In der Schule hatte ich mein deutsches Umfeld, zu Hause mein albanisches. 

Mit meinen Freunden spreche ich Deutsch, mit meiner Familie Albanisch. Und je selbstbewusster ich über die Zeit wurde, desto mehr liebte ich das. Am meisten macht es mir Spaß, beide Sprachen zu vermischen, wenn ich mit Familienmitgliedern in Deutschland spreche. Das ist eine der Sachen, die mir das Gefühl geben, dass ich beides sein kann. Nicht nur eins von beidem. Aber das will irgendwie nicht in die Köpfe der Leute rein. Sie haben ein ganz bestimmtes Bild. Für sie geht entweder nur das eine oder das andere. Und wenn etwas von dem einen nicht zum anderen passt, empfinden sie es als unlogisch. Ihr so perfekt geschaffenes Bild droht zu bröckeln. 

Eine Person, die ausländische Eltern hat und trotzdem gute Deutsch-Noten schreibt? Nein, das passt nicht zusammen. Das ist ja ein völliges Ausnahmephänomen. Jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist und seine nicht-deutsche Muttersprache trotzdem fließend beherrscht? Völlig realitätsfern. Aber nicht für mich. Ich habe zwei Heimatländer. Ich lasse mir von niemandem mehr sagen, wo mein Zuhause ist. (Aurora Lushtaku)

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