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Leonie genießt die Katalogkulisse im Abel-Tasman-Nationalpark.

Leonie in Neuseeland

Rundreise mit Polizeibesuch

Teil 6 - In zwei Wochen 4643 km. Oder anders gesagt: einmal um die Südinsel Neuseelands. Wir haben Ferien und so sehr ich meinen Beruf hier als Au-pair auch liebe, bin ich froh, meinem alltäglichen Leben mal etwas zu entkommen.

Mit meinen Freunden Henning und Sabrina mache ich mich also auf den Weg und erlebe meine bis hierhin aufregendste Reise. Wir starten sie mit einer fast sieben Stunden langen Autofahrt. Für uns geht es zunächst von Auckland nach Gisborne. Unser kleiner Mietwagen, ein Mazda Demio, ist bis obenhin mit Gepäck befüllt. Sabrinas Tasche ist so groß, dass man darin problemlos fünf Leichen auf einmal unbemerkt entsorgen könnte. Ich sitze auf dem Rücksitz und hoffe, auf der Fahrt nicht von irgendwelchen losen Gegenständen erschlagen zu werden.

Wir verbringen die Nacht in einem kleinen, weißen Airbnb-Haus, was sich inmitten von Kühen, Schafen und Gräsern befindet und das von der Vermieterin liebevoll im altmodischen Stil eingerichtet wurde. Dort haben wir die Möglichkeit, einfach mal die Ruhe zu genießen. Dieser Abend ist so simpel und nichtsdestotrotz einer der schönsten Abende, die ich erlebe. Wir kochen gemeinsam, albern herum, sodass wir vor Lachen Bauchschmerzen kriegen, schauen einen kitschigen Film und fallen am frühen Abend völlig erschöpft in unsere Betten.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 5 Uhr. Für uns geht es nun von Gisborne nach Wellington, von wo uns die Fähre auf die Südinsel transportiert. Gisborne ist die östlichste Stadt der Welt und somit der erste Ort, an dem man die Sonne erblicken kann. Mit all unserem Gepäck und schläfrigen Blicken starten wir unsere beinahe acht Stunden lange Autofahrt nach Wellington. Die Sonnenstrahlen durchfluten unser Auto, auf den Feldern und Wiesen neben uns sieht man den Morgentau im hellen Licht glitzern und funkeln und auf den noch feuchten Straßen spiegelt sich der Sonnenaufgang.

Insgesamt legen wir nur einen einzigen Zwischenstopp ein, in Napier, einer kleinen Stadt mit charmanten bunten Gebäuden. Wir sind mehr als erleichtert, als wir endlich mit dem Auto auf die Fähre hinauffahren, was glücklicherweise problemlos abläuft. Als wir mit der Fähre in Picton ankommen, heißt es für uns noch mal fast zwei Stunden fahren. Um 23 Uhr kommen wir letztendlich in unserem Hostel an. Ein langer Tag geht zu Ende.

Eine Bucht – wie von einem anderen Planeten

Unser erstes Ziel für den nächsten Tag ist Kaikoura. Dort kann man sehr gut Delfine und Wale in freier Wildbahn beobachten, daher entscheiden wir uns für eine Wanderung, die am Hafen Kaikouras beginnt und uns über einen Berg führt, um zu einem Aussichtspunkt zu gelangen. Die Meeresbewohner sehen wir zwar nicht, der Ausblick lohnt sich allerdings trotzdem: um uns herum das Meer und neben uns eine grün-gelblich schimmernde Bucht, die aussieht, als wäre sie von einem anderen Planeten.

Weiter geht’s nach Christchurch, wo wir die kommende Nacht verbringen. Hier bemerkt Henning, dass er blöderweise sein Portemonnaie nicht finden kann. So räumen wir also das bis obenhin vollgepackte Auto aus, um letztendlich festzustellen, dass es nirgends aufzufinden ist. Unseren Abend verbringen wir dementsprechend auf der Polizeistation. „Wo genau hast du es denn verloren?“, fragt die Beamtin, die die Vermisstenanzeige aufnimmt. „Irgendwo zwischen Gisborne und Christchurch“ ist seine Antwort. Die Beamtin guckt ihn verdutzt an. Das war vermutlich die ungenauste und unpräziseste Antwort, die er hätte geben können. Zwischen den beiden Städten liegen 15 Stunden, fast 1000 km und eine Fährfahrt. Keine Chance, das Portemonnaie findet er niemals wieder, denke ich mir. Spreche es jedoch nicht laut aus, sondern versuche, ihm irgendwie Mut zuzureden.

Christchurch ist, bedauerlicherweise, besonders für eine Sache besonders berühmt: seine hohe Erdbeben-Rate. Die Stadt hat noch immer mit den Folgen von dem starken Erdbeben vom Februar 2011 zu kämpfen, was sich an jeder Ecke bemerkbar macht. Zertrümmerte Häuser und Risse in den Straßen sind in ganz Christchurch aufzufinden. Auf der anderen Seite allerdings auch wahnsinnig viel Kunst und Graffiti, die die Stadt und ihre Makel zu etwas Besonderem machen. Weiß angepinselte Stühle in jeglicher Form, seien es Rollstühle, Kindersitze, Sessel oder auch normale Holzstühle, stellen ein Andenken für die Opfer des Erdbebens dar.

Unser Schlafplatz für die Nacht ist ein Campingplatz direkt am See Tekapo. Der Weg dorthin beträgt um die drei Stunden. Auf dem Weg sind wir umzingelt von Feldern mit lila Lupinen, die den See wie eine Mauer umzingeln. Lake Tekapo, wie er hier in Neuseeland genannt wird, ist umgeben von Bergen, dessen Gipfel mit Schnee bedeckt sind und die sich im kristallblauen Wasser des Sees spiegeln. Das Ganze erinnert mich an eine Filmkulisse und ist definitiv einer der schönsten Orte, die ich hier in Neuseeland gesehen habe.

Als Nächstes steht eine Zwischenübernachtung in Wanaka und anschließend Franz Josef- und Fox-Gletscher auf unserem Programm. An diesem Tag müssen wir jedoch feststellen, dass nicht alles im Leben immer nach Plan verläuft. Und so regnet es in Strömen. Selten habe ich so starken Regen gesehen, der mit gewaltiger Wucht auf unsere Fensterscheiben prallt.

Regen erzwingt ein Alternativprogramm

Wir alle sind ein wenig enttäuscht, wollen aber das Beste draus machen. Hokitika Gorge, ein strömender Fluss, über den eine lange Hängebrücke führt, ist die Alternative, die definitiv nicht enttäuscht. Auch unsere zweite Notfallunterkunft ist vielversprechend. Wir verbringen die Nacht in einem umgebauten Bus – mit Küche, Toilette, Dusche und Betten – auf dem Grundstück eines älteren netten Ehepaars.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge unseres Busses scheinen, wachen wir langsam auf. Das Wetter scheint sich endlich wieder daran zu erinnern, dass es Sommer ist – und wir sind voller Tatendrang, zu unserer nächsten Destination zu gelangen: dem Abel-Tasman-Nationalpark. Die Landschaft dort sieht aus, als wäre es eines dieser mit Photoshop bearbeiteten Bilder aus Urlaubskatalogen, nur noch schöner.

Am zweiten Tag machen wir eine 14 km lange Wanderung, die uns über Berge, Strände, tropisch aussehende Waldgebiete und wüstengleiche Steppen führt. Das Wasser ist türkis und der Sand an den Stränden weiß wie Schnee. Nach der Wanderung fühlen sich meine Füße an, als seien sie abgestorben, weshalb ich froh bin, dass wir zurück das Wassertaxi nehmen.

Mit der Fähre geht’s dann letztendlich von Picton wieder zurück nach Wellington, wo wir eine Nacht verbringen. Hamilton ist unser letzter Stopp, bevor wir hundemüde, aber mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken natürlich überglücklich wieder in Auckland ankommen.

Meine zwei kleinen Mädchen, die dreijährige Amber und Emma-Jane, ein Jahr alt, auf die ich hier Vollzeit als Au-pair aufpasse und mit denen ich zusammenlebe, wenn ich gerade nicht herumreise und das Land erkunde, sind überglücklich, mich wiederzusehen. Und auch ich bin froh, dass ich hier ein Zuhause gefunden habe, wohin ich immer wieder gerne zurückkomme.

Leonie Schulz (19, Waltrop) fliegt für neun Monate nach Neuseeland. In Whenuapai, einem kleinen Vorort von Auckland, der größten Stadt des Landes, wird sie sich als Au-pair um zwei kleine Mädchen kümmern. Außerdem möchte sie die Zeit dort nutzen, um das Land in seiner Vielfalt zu erkunden. Hier berichtet Leonie von ihren Erfahrungen.

Ach ja, wollt Ihr wissen, was mit Hennings Portemonnaie passiert ist? Es wurde erstaunlicherweise kurze Zeit später gefunden.

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