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Unsere Jugendredakteurin war früher als Kind lieber im Wald unterwegs und hat sich auch mal dreckig gemacht, statt wie ihre beste Freundin zum Ballett zu gehen.

Über das Frau-Sein

Lieber Pocahontas statt Prinzessin

Unsere Autorin war in ihren eigenen Augen nie eine „typische“ Frau. Früher hat sie das oft gestört, heute kommt sie umso besser damit klar!

Zwei X-Chromosomen machen mich in biologischer Hinsicht zur Frau, mein Aussehen ist verhältnismäßig als das zu bezeichnen, was in unserer Gesellschaft als weiblich gilt. In sozial-normativer Hinsicht sieht die Sache vielleicht etwas anders aus: Ich weiß nicht, ob ich in die „typische Frauenschublade“ passe. Zum Glück lebe ich im 21. Jahrhundert und muss keinen bestimmten Kriterien mehr entsprechen, die mich zu einer richtigen Frau machen. Wenn ich das denn überhaupt sein möchte. 

Trotzdem gibt es nach wie vor Ideale und Normen, an denen sich die Mehrheit der Mädchen und Frauen messen. Dadurch, dass ich diese Kategorien nicht zu 100 Prozent erfülle, fühle ich mich manchmal unweiblich und irgendwie verunsichert. Das fing in der Kindheit an: Ich war nie die zierliche Prinzessin, wie meine beste Freundin – die aus der Nachbarschaft. Sie ging zum Ballett, ich war neidisch. 

Weil ich eher so der Typ Pocahontas oder Ronja Räubertochter war, weil ich im Bach Staudämme baute und dabei gerne mal mit Klamotten baden ging. Weil ich immer schon sehr stark war und mich gegen meine Eltern zur Wehr setzte und ständig wegrannte. Weil ich mein Ding machte, auch heimlich, ohne dass mich jemand kontrollieren konnte. Weil ich einmal einen Jungen aus meiner Grundschulklasse verprügelte. 

Pubertät war ein einziges Schamgefühl 

Auf der weiterführenden Schule störte ich, redete und war unkonzentriert, träumte und konnte nicht still sitzen. Ich war lieber draußen unterwegs als mit Schleichtieren zu spielen oder mit Playmobil. Meine Handschrift war – ebenfalls sehr mädchenuntypisch – unter aller Sau, wie mir mehrfach Lehrerinnen bestätigten. 

Als ich mit 12 das erste Mal meine Periode bekam, schämte ich mich unfassbar und hoffte, dass meine Familie es nicht mitbekam. Ich schämte mich auch, als ich Brüste entwickelte und irgendwie einen BH organisieren musste. Ich schämte mich, als ich mir zum ersten Mal die Beine rasierte. Die Pubertät habe ich nicht als positiv in Erinnerung, Tampons funktionierten bei mir nicht. Sie taten weh, das traute ich mich allerdings nicht zu sagen. 

Auch das Thema „Dünn sein“ ging natürlich nicht an mir vorüber. Wann ich angefangen habe, mich für meine Beine zu schämen, weiß ich nicht mehr. Aber es gab sie überall, diese Freundinnen, die in Größe 34 passten. Während ich Hosen in Größe 42 kaufte. Irgendwann hungerte ich mich dann auf 49 Kilo herunter, um endlich auch einmal diesem Ideal zu entsprechen. Dass meine Periode aussetzte und ich keine BHs mehr tragen musste, waren für mich Nebeneffekte, die mich einerseits stolz machten, andererseits weiter verunsicherten. Weil ich nun anscheinend immer noch nicht „richtig“ war. 

Dünn-Sein nimmt an Relevanz ab 

Nun, was soll ich sagen? Mittlerweile bin ich nicht mehr dünn. Ich vergesse oft, mir die Beine zu rasieren, habe Haare auf der Oberlippe und Dehnungsstreifen. Ich bin genervt, wenn ich im Sommer einen BH tragen muss, weil ich die Dinger super unbequem finde. Ich habe keinen „thigh gap“ mehr und keine dürren Oberärmchen. Letztens habe ich mir eine Menstruationstasse gekauft, um dann festzustellen, dass mir so ein Ding massiv wehtut. Habe es also wieder gelassen. Ich gehe nie mit anderen Mädels shoppen oder Cocktails trinken, das finde ich nämlich ziemlich kacke. Und ob ich Kinder haben will, weiß ich noch überhaupt nicht. 

Manchmal bin ich wehmütig, weil mein Körper nicht meinen Idealvorstellungen entspricht und ich unzufrieden bin. Andererseits denke ich, dass ich mittlerweile so viel stärker bin als noch vor einigen Jahren – sowohl körperlich, als auch mental. Ich zweifle daran, dass ich mich jemals lieben können werde, aber ich habe festgestellt: Ich will eigentlich überhaupt nicht typisch Frau sein. Ich will lieber Ich sein und anecken, wo es nur geht. 

Und vor allem will ich Schwächen haben dürfen, und schlechte Laune und eine krakelige Handschrift. Ich will in kein System reinpassen, sondern mein Ding durchziehen – und zur Not einfach wegrennen dürfen …

Rita hat sich nach elf Jahren dazu entschlossen, die Antibabypille abzusetzen. Für Euch erklärt sie ihre Entscheidung. 

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