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Geschafft! Der Aufstieg auf den Lions Head, der um drei Uhr in der Früh begann, hat sich für Marie absolut gelohnt.

Marie in Südafrika

Die vielen Gesichter Kapstadts

Teil 5 - Vielseitiger – und zwar in jeder Hinsicht – geht es kaum: Das sind Maries Eindrücke von Kapstadt und Umgebung. Die Arbeit im Krankenhaus bestätigt dies auf ihre Art.

Auch wenn ich schon länger hier bin und schon viel gesehen habe, gibt es immer noch Neues zu entdecken. Allmählich habe ich mich jedoch an mein Leben hier gewöhnt. Aber wie sieht mein Alltag hier überhaupt aus?

Ich lebe in Southfield, einem Vorort oder einem Stadtteil von Kapstadt, so genau weiß ich das gar nicht. In die Altstadt von Kapstadt – und damit ins Zentrum der Stadt – muss ich etwa 20 Minuten mit dem Auto fahren, dadurch sind „kurze Trips“ nach der Arbeit etwas komplizierter. Aber das ist auch gar nicht nötig, arbeiten muss ich nämlich nur von Montag bis Donnerstag und dann immer von 8 Uhr morgens bis 15 Uhr. Deswegen gehen wir unter der Woche meistens nur zum Strand oder gucken zuhause einen Film und heben uns die großen Ausflüge für das lange Wochenende auf.

Diese Woche war der Dressing Room geplant

Genau dasselbe stand auch für diese Woche auf dem Programm. Am Wochenende wollten wir zum Sonnenaufgang auf den Lions Head steigen, einer der vielen Berge inmitten von Kapstadt. Vorher hieß es aber erst einmal arbeiten. Und diese Woche war der Dressing Room geplant. Dort betritt man eine völlig andere Welt, eine Welt, in der sich einige Vorurteile bestätigen.

Afrikanische Krankenhäuser werden oft mit mangelnder Hygiene und schlecht ausgebildeten Ärzten assoziiert, die sich nur wenige leisten können. In Wahrheit ist das Gesundheitssystem in Südafrika jedoch geteilt. Auf der einen Seite gibt es die vielen privaten Kliniken und Praxen, die all diejenigen besuchen, die versichert sind oder bereit sind, viel Geld zu bezahlen. Diese Praxen sind Ausstattung und Qualität betreffend mit dem deutschen Gesundheitssystem zu vergleichen. Demgegenüber gibt es auch für ärmere Menschen ohne Versicherung einen Zugang zur Medizin: die staatlichen Krankenhäuser. Und genau da befindet sich auch der Dressing Room – gleich neben der Babyklinik, im Retreat Tageskrankenhaus.

Als ich das erste Mal den Dressing Room betreten habe, sah er für mich mehr wie ein großer Untersuchungsraum aus als ein Ort zur Wundversorgung. Es wirkte nicht annähernd so steril, wie ich mir einen solchen Raum vorgestellt habe. In der Mitte des Raumes standen einige Utensilien auf Metalltischchen, und einfache Holzbänke waren für die Patienten gedacht – oder eher für deren Beine. Der Großteil der Menschen vor Ort hat nämlich mit Diabetes zu kämpfen. Anders als in Deutschland wird diese Krankheit hier zum Teil erst nach Jahren diagnostiziert. Von Zuhause wusste ich, dass bei falscher Behandlung von Diabetes faulende Füße oder Erblinden die Folge seien können. Es aber tatsächlich zu sehen; ist doch noch einmal etwas anderes.

Krankenhaus befindet sich in einem Township

Vor allem das Ausmaß dieser Krankheit hat mich echt schockiert. Wenn man durch den Wartebereich läuft, sieht man so viele Menschen mit nur noch einem Bein oder sogar ganz ohne Beine, und das einfach nur, weil zu lange nicht erkannt wurde, dass sie auf Insulin angewiesen sind. Und die Wunden derjenigen, die ihre Beine nicht verloren haben, werden im Dressing Room versorgt. Sie werden mit Jod gereinigt, tote Haut wird entfernt und eitrige Stellen behandelt. Den Geruch dabei kann man sich vorstellen…

Es gab aber auch viele Kopf- und Rückenwunden aufgrund von Messerstechereien. Erst da ist mir dann bewusst geworden, dass sich das Krankenhaus wirklich in einem Township befindet, einem Ort, wo Gewalt und Armut große Probleme sind.

Über all das habe ich mir aber erst nach der Arbeit Gedanken gemacht. Zuerst hieß es erst einmal mithelfen. Nach einer kurzen Beobachtungszeit habe ich dann schon schnell selber Wunden gereinigt, verbunden und dokumentiert. Und einmal durfte ich sogar Fäden ziehen! Man lernt hier nach dem Prinzip „Learning by doing“, und wenn Hilfe benötigt wird, dann hilft der, der frei ist. Auf diese Weise konnte ich viel sehen, und all diese Wunden – vor allem aber auch die Geschichten dahinter – haben bei mir einen Eindruck vom Leben hier hinterlassen; einen Eindruck, den manche Menschen als „typisch afrikanisch“ bezeichnen würden.

Nachtwanderung zum Lions Head

Das ist aber nur eine Seite des Lebens hier. Die andere Seite lerne ich meistens am Wochenende kennen, wenn ich die Innenstadt Kapstadts erreiche. Hier weichen die Blechhütten nämlich großen, schönen Villen und im Hintergrund ragt der immer größer werdende Tafelberg auf.

Dieser Berg war diese Woche jedoch nebensächlich. Es war Vollmond und damit der ideale Zeitpunkt, eine Nachtwanderung zum sogenannten Lions Head zu machen, um dann vom Gipfel aus den Sonnenaufgang anschauen zu können. In der Theorie klang das alles schön und gut, tatsächlich hieß das allerdings um drei Uhr aufstehen, um pünktlich dort zu sein. Bei klarem Sternenhimmel und den Lichtern der Stadt im Rücken ging es dann los. Durch den Mondschein war der Weg gut zu sehen, und wir kamen prima voran. Mit der Zeit wurde der Weg aber langsam steiler, und während es am Himmel immer heller wurde, begann für uns die Kletterei über Felsen und Hügel, was so früh am Morgen nicht unbedingt motivierend ist.

Als ich dann aber den Gipfel erreicht hatte und die Sonne hinter dem Tafelberg aufgehen sah, hätte ich all diese Mühen ohne zu zögern noch einmal auf mich genommen. Ich konnte auf ganz Kapstadt hinunterblicken. Man sah das Meer, eine Großstadt und einen riesigen Berg – und das alles zugleich im Licht der Morgensonne. Das war echt unglaublich! Wenn man die Stadt so von oben sieht, dann glaubt man gar nicht, was für Schattenseiten sich dort verbergen und mit welchen Problemen sie zu kämpfen hat. Man sieht nur diese riesige Stadt und versteht augenblicklich, warum sie zu den schönsten Metropolen der Welt gehört.

Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tageskliniken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.

Diese gegensätzlichen Gefühle und Eindrücke, diese verschiedenen Facetten einer Stadt erstaunen mich auch nach all den Wochen immer noch, und ich frage mich, ob sich das jemals ändern wird. Denn durch die enorme Vielseitigkeit gibt es hier so viele Orte, die man sich angucken kann. Ich bin gespannt, was noch so kommt…

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