Oma Dorothee (l.) und Louisa halten sich in den Armen und lächeln in die Kamera.
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2018 ist an Heiligabend dieses schöne Foto von Louisa (r.) und Dorothee entstanden. Wir danken Euch beiden für das tolle Interview.

Louisa im Interview mit Oma Dorothee

Die Jugend meiner Oma

Sie kennen uns seit unserer Geburt, doch was wissen wir eigentlich über unsere Groß- oder Urgroßeltern? Wie haben sie gelebt, als sie genauso alt waren wie wir jetzt? In dieser Reihe fragen Scenario-Jugendredakteure und -Leser nach.

Von Louisa Hassel,

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm, und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario.

Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt Jugendredakteurin Louisa Hassel, 17 Jahre alt, aus Recklinghausen ihre 87-jährige Oma Dorothee, die seit einigen Jahren ebenfalls in Recklinghausen wohnt.

Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Während meiner Schulzeit war der Garten meiner Großeltern mein Lieblingsplatz. Da gab es viel Obst, Platz zum Spielen und ich hatte viel Freiraum. Ich hatte Raum, um mit Fantasie zu spielen und es war nicht so streng wie zu Hause, weil es weniger Regeln gab, und meine Großeltern immer ein offenes Ohr für mich hatten. Wenn sie nicht diesen Garten gehabt hätten, wären wir in der Nachkriegszeit vielleicht verhungert. So konnten wir dort Obst und Gemüse ernten. Mit dem Tod meiner Großeltern und dem Beginn meines Studiums war dieser Zufluchtsort für mich verloren. Während des Studiums war es dann die Studienstadt Freiburg und Umgebung.

Im Krieg wurde man schnell erwachsen

Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Gar nicht (lacht). Durch Kriegszeiten, Evakuierung und Bombardierung hatte ich keine konkrete Vorstellung von dem Erwachsenwerden und der Zukunft. Ich wollte einfach nur keine Angst mehr haben müssen. In der Nachkriegszeit und nach meinem Studium habe ich mir vorgestellt, dass ich als Juristin berufstätig sein und mein eigenes Geld verdienen würde.
Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in Deinem Leben?
Die schönsten Momente waren während meinen Studienzeiten in Freiburg und in Speyer und die Ausbildungszeit in meinem Referendariat in Berlin. Dort habe ich unglaublich nette Menschen kennengelernt und neue Orte erkundet. Hockey spielen mit meiner Mannschaft und die Reisen mit meinem Team sowie das Kennenlernen anderer, auch ausländischer Mannschaften, haben mir großen Spaß gemacht.

Kriegsende brachte Freiheit zurück

Rückblickend war natürlich das Kriegsende und die gewonnene Freiheit einer der wertvollsten Momente meines Lebens. Das hat sich für mir erst allmählich erschlossen, als ich Bücher lesen und Musik hören durfte, die ich wollte, oder reisen konnte. Hinzu kam im Laufe der Zeit auch die zunehmende gesellschaftliche Befreiung der Frauen.
Im Krieg habe ich wohl die schlimmsten Momente erlebt. Wenn Tieffliegerangriffe waren oder Bomber abstürzten, hatte man Angst um sein Leben. Im Krieg haben wir jede Nacht im Trainingsanzug geschlafen, mit einem Koffer neben dem Bett und mussten oftmals mitten in der Nacht in den Luftschutzkeller. Ich wollte einfach mal wieder in Ruhe schlafen können.
Im Laufe des Krieges wurde ich aus Köln nach Bad Schwalbach evakuiert. Dort ging es mir persönlich gut, aber die schrecklichen Nachrichten aus Köln, wo meine Großeltern noch lebten, von Zerstörung oder toten Klassenkameraden, haben mir von der Grausamkeit des Krieges berichtet. Bis Ende des Krieges war es in Bad Schwalbach noch eher ruhig, bis man auch dort in ständiger Angst vor Bomben, Tieffliegern und Angriffen lebte.

Viele Jugendliche nutzen ihre Privilegien nicht

Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Meine erste Liebe war ein Student, der etwas älter war als ich. Jedoch ist daraus nie etwas Richtiges geworden.
Was wundert Dich an meiner Generation und hast Du Fragen an uns?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil eure Generation in völlig anderen Umständen aufwächst als meine. Euch werden unfassbar viele Möglichkeiten und Freiheiten geboten. Der Jugend von heute „steht die Welt offen“ und weil ich mich dafür interessiere, was meine Enkel denken und was Medien berichten, kann ich mich eines gewissen Neides nicht erwehren.
Auf der anderen Seite kann ich nicht nachvollziehen, dass es doch ziemlich viele desinteressierte Jugendliche gibt, die diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen. Der Egoismus und das selbstverständliche Anspruchsdenken vieler sind vielleicht das Ergebnis der Verwöhnung und des Überflusses. Mir macht aber auch Hoffnung für die Zukunft, dass gerade jetzt mehr junge Leute, die nicht nur ihr eigenes Feiern und Partys im Kopf haben, sondern die Not anderer und die Zerstörung der Umwelt sehen, sich dagegen engagieren. Das finde ich sehr schön und stimmt mich zuversichtlich. Ich denke da an Personen wie Greta Thunberg und Luisa Neubauer, aber auch an Menschen, die vor Ort sind und helfen.

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