+
Im gemeinsamen London-Urlaub 2019 entstand dieses Foto von Chamaida und ihrem Opa Kuen. Vielen Dank fürs Interview, Euch beiden!

Chamaida im Interview mit Opa Kuen

Die Jugend meines Opas

Sie kennen uns seit unserer Geburt, doch was wissen wir eigentlich über unsere Groß- oder Urgroßeltern? Wie haben sie gelebt, als sie genauso alt waren wie wir jetzt? In dieser Reihe fragen Scenario-Jugendredakteure und -Leser nach.

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm, und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt Praktikantin Chamaida Tsang, 15 Jahre alt, aus Recklinghausen, ihren 72-jährigen Opa Kuen, der ebenfalls in Recklinghausen wohnt. 

Chamaida: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich über die Jahre verändert?

 Kuen: Mein Lieblingsplatz in meiner Jugend war natürlich mein Dorf in China. Es gab immer viel zu tun. Nach der Schule haben alle bei der Ernte geholfen, wir mussten die Hühner füttern und Brennholz sammeln. Wenn dann noch Zeit war, sind meine Kumpel und ich raus in die Natur zum Spielen gegangen. Das war eine schöne Zeit. Jedes Jahr treffen wir uns beim Ehemaligentreffen wieder, doch hat sich eine Menge verändert. Alles wurde zugebaut, da wo früher freies, unberührtes Land war. Es wurden asphaltierte Straßen gebaut und Stromleitungen gelegt. Ich finde es schade, dass man einander heute nicht vertraut und die Haustüren verschlossen hält. In meiner Zeit wäre das nicht nötig gewesen. Da kannte jeder jeden und man hat viel zusammen gemacht. 

Chamaida: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?

Kuen: Du musst dir vorstellen, in meiner Zeit hatten wir nicht so viel. Das Leben war hart und nicht angenehm. Vor allem die Planwirtschaft des kommunistischen Regimes hat uns leiden lassen. Deswegen hatte ich nicht so große Ansprüche. 

Ein Dach über dem Kopf und genug zu essen

 Ich war gut in der Schule und wollte deshalb Lehrer werden, ein glückliches Leben mit meiner Familie haben, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Das wäre ich vielleicht auch geworden, wenn ich nicht später nach Deutschland ausgewandert wäre, um dort Arbeit zu finden, was ich aber niemals bereut habe. Hier habe ich alle meine Lieben und Freunde um mich und bin ganz zufrieden. 

Chamaida: Was war der schönste Moment in Deinem Leben und was war der schlimmste? 

Kuen: Diese beiden Dinge hängen im Grunde genommen eng miteinander zusammen. Wie gesagt, das Leben damals war nicht einfach. Die Regierung hatte zudem die Meinungsfreiheit eingeschränkt, das heißt, wir durften nicht frei äußern, was wir dachten. Das hatte mich schon lange gestört. Deswegen wollte ich die Flucht nach Hong Kong wagen, welches von uns nur von einer vier Kilometer langen Meerenge getrennt war. Ich hoffte, im demokratischen Hong Kong ein neues Leben für meine Familie aufbauen zu können. Doch dafür musste ich Deine Mutter, Deine Tante und Deinen damals erst einen Monat alten Onkel zurücklassen. Der Abschied fiel mir sehr schwer, da ich nicht wusste, ob ich es durch das Meer schaffen würde oder ich dort eine Aufenthaltserlaubnis bekommen würde, oder ich bloß abgeschoben würde. Um so schöner war es dann, als ich endlich acht Jahre später meine Familie wiedersehen durfte, mit einem Hong Kong Pass im Gepäck. 

Chamaida: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen? 

Kuen: Meine erste Liebe war tatsächlich deine Oma. Ich hatte sie 1968 mit 21 kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick und es ist offensichtlich ganz gut gelaufen. 

Chamaida: Was wundert Dich an meiner Generation und hast Du Fragen an uns? 

Kuen: Ich finde toll an eurer Generation, dass ihr für eure Anliegen auf die Straße geht, für das, was euch wichtig ist, der Umweltschutz oder den Erhalt der Demokratie zum Beispiel. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell ihr euch anpassen könnt und Neues erlernt. Zum Beispiel die Sache mit den digitalen Medien. Ich persönlich hab eine Weile gebraucht, um da hineinzufinden, aber ihr seid damit aufgewachsen.

INFO Bei dieser Reihe dürfen Enkel und Großeltern mitmachen. Schreibt uns, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt, eine Mail mit dem Betreff „Jugend meiner Großeltern“ an: scenario@medienhaus-bauer.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Zahlreiche Fotos und Videos vom Karneval: So feiern die Närrinnen und Narren im Kreis Recklinghausen
Zahlreiche Fotos und Videos vom Karneval: So feiern die Närrinnen und Narren im Kreis Recklinghausen
Keine Energie mehr: Tesla-Fahrer begeht Einbruch bei der Polizei und "tankt" auf Männertoilette
Keine Energie mehr: Tesla-Fahrer begeht Einbruch bei der Polizei und "tankt" auf Männertoilette
Der Kampf um das Bürgermeisteramt beginnt - warum viele Marler fünf Kreuze machen können
Der Kampf um das Bürgermeisteramt beginnt - warum viele Marler fünf Kreuze machen können
Insolvenz und Betrugsverdacht bei Recklinghausens größtem Taxiunternehmen
Insolvenz und Betrugsverdacht bei Recklinghausens größtem Taxiunternehmen
Mahnwache in Oer-Erkenschwick: "Kein Platz für Rassismus!"
Mahnwache in Oer-Erkenschwick: "Kein Platz für Rassismus!"

Kommentare