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Beim letzten Weihnachtsfest ist dieses Foto von Heidi und Elena entstanden. Vielen Dank fürs Interview, Euch beiden!

Elena im Interview mit Oma Heidi

Die Jugend meiner Oma

Sie kennen uns seit unserer Geburt, doch was wissen wir eigentlich über unsere Groß- oder Urgroßeltern? Wie haben sie gelebt, als sie genauso alt waren wie wir jetzt? In dieser Reihe fragen Scenario-Jugendredakteure und -Leser nach.

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm, und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt Elena Schulze Langenhorst, 24 Jahre alt, ihre 93-jährige Oma Adelheid, genannt Heidi. Die beiden wohnen zusammen mit dem Rest der Familie auf einem Mehr-Generationen-Hof in Waltrop. 

Elena: Was war Dein Lieblingsplatz, und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?

Heidi: Wie du weißt, bin ich auf einem Bauernhof groß geworden. Da gab es viele schöne Plätze. Der beste war unsere große Tenne. Wenn im Winter Heu und Stroh von der Luke heruntergeschmissen wurden, kletterten wir auf den Balken und sprangen von oben in das Heu hinein. Das war eine richtige Wonne für uns Kinder. Wir mussten ja früh helfen auf dem Hof, aber auf der Tenne konnten wir auch die tollsten Spiele spielen. Heute ist das ja zum Glück anders. Da bekommen Kinder eine richtige Schulbildung und es gibt Maschinen und Technik, die Teile der Arbeit leichter machen. 

Elena: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt? 

Heidi: Ich hatte mir vorgestellt, dass alles leichter und schöner wird. Meine drei Brüder waren im Krieg, so mussten wir drei Mädchen zuhause bleiben und viel arbeiten. Mein Vater war sehr streng mit uns. Ich glaube, er hatte Angst um uns, da zur Kriegszeit so viel Schlimmes passierte. Aber meine Schwester und ich haben immer zusammengehalten, von klein auf bis heute, und haben uns, als wir älter waren, manchmal mit ihrem kleinen Motorrad davongestohlen und einen Ausflug gemacht. 

Elena: Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in Deinem Leben? 

Heidi: Schön war es, als der Krieg vorbei war und wir endlich wieder ruhig und ohne Angst schlafen gehen konnten. Das Schlimmste war allerdings, dass meine drei Brüder im Krieg gefallen sind. Da waren sie ungefähr so alt, wie Du und Deine Brüder jetzt. Aber schöne Momente gab es danach trotzdem noch viele, zum Beispiel die Geburt meiner Kinder und Enkelkinder. 

Kleinere Schrecken, die in Erinnerung geblieben sind: Zuhause nach dem Krieg wurden wir zweimal überfallen und ausgeraubt, das war natürlich ein Schrecken. Aber wir sind zum Glück immer alle unversehrt geblieben. Die Räuber haben alles durchwühlt, auch unseren Kleiderschrank. Mein gutes Kostüm hatte ich allerdings auf links gezogen, damit es von außen nicht so schnell schmutzig wird, und daher wirkte es auf den ersten Blick so schäbig, dass sie es achtlos auf den Boden warfen und liegen ließen. Die guten Kleider meiner Schwester nahmen sie mit. Danach mussten wir immer abwechselnd in die Kirche gehen, weil wir nur noch das eine Sonntagskleid hatten.

Ein anderer Schreckmoment war, als Dein Opa von einem wildgewordenen Bullen gejagt wurde und fast überrannt worden wäre! Er konnte sich aber in letzter Sekunde auf den Trecker retten. 

Elena: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen? 

Heidi: Da unser Vater sehr streng war, durften wir ja gar keine Jungen treffen. Aber zur Kriegszeit wurden wir in der Schule aufgefordert, Briefe an unbekannte Soldaten zu schreiben, um ihnen Mut zu machen und eine Freude zu bereiten. Da war ich so 13 oder 14. Groß war die Freude über die enthusiastischen Antworten, die ich erhielt. Die Brieffreundschaft dauerte zwei Jahre, bis ich irgendwann lange nichts von ihm hörte. Später erfuhr ich, dass er in Kriegsgefangenschaft war. Als ich so 16/17 und der Krieg vorbei war, stand auf einmal mein unbekannter Soldat vor der Tür und wollte mich sofort heiraten. Das war mir dann aber doch zu früh und so musste er allein wieder nach Hause fahren. 

Auf der Hochzeit der Schwester die große Liebe getroffen 

Später habe ich dann ja zum Glück Deinen Opa kennengelernt. Ihm bin ich auf der Hochzeit meiner Schwester nähergekommen, die seinen Bruder geheiratet hat. Da waren wir beide Brautführer und gefielen dem Onkel aus Waltrop als Paar so gut, dass er sagte, er möchte uns beide gerne auf seinem Hof haben (er hatte nämlich keine eigenen Kinder mehr und suchte einen Erben). 

So kamen wir zwei nach Waltrop und es wurde in Elmenhorst eine tolle Hochzeit gefeiert. Wir wurden herzlich von allen Nachbarn aufgenommen und haben uns in der Gemeinschaft der Nachbarschaft immer sehr wohlgefühlt. Nun sind wir schon so lange hier, dass wir dieses Jahr unsere eiserne Hochzeit feiern, dann sind wir 65 Jahre lang verheiratet. 

Elena: Was wundert Dich an meiner Generation, und hast Du Fragen an uns?

Heidi: Natürlich gibt es viel, das wir nicht ganz verstehen. Zum Beispiel, wie Ihr es schafft, so viel Zeit an Euren Handys und Computern zu verbringen, statt mit Freunden rauszugehen. Aber es gibt auch vieles, das ich toll finde. Ich bewundere an der jungen Generation, wie selbstbewusst die jungen Leute ihr Leben gestalten. Sie bemühen sich sehr, alles in den Griff zu bekommen. Ich staune besonders, wie gut sie diskutieren können. Wir hatten es in der Jugend oft schwer, wir mussten unseren Eltern immer ohne Widerrede gehorchen und brauchten für alles ihre Erlaubnis.

Besonders freut mich, dass Kinder und Jugendliche heute ihre Großeltern lieb haben. Wir sind in Notlagen immer füreinander da. So wie Opa und ich immer auf Dich und Deine Geschwister zählen können, wisst Ihr auch, dass wir Euch unterstützen – auch wenn Opa manchmal schimpft, weil er die junge Generation nicht versteht. Fest steht aber: Wir lieben unsere Enkelkinder sehr, und Ihr uns auch und dafür sind wir dankbar.

Info: Bei dieser Reihe dürfen Enkel und Großeltern mitmachen. Schreibt uns, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt, eine Mail mit dem Betreff „Jugend der Großeltern“ an scenario@medienhaus-bauer.de und wir liefern Euch die wichtigsten Infos. 

Zuletzt hat Praktikantin Chamaida ihren Opa Kuen interviewt. Was er über seine Jugend zu erzählen hatte, lest Ihr hier

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