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Auch ein Teddy hat mal die eine oder andere Beule. Wenn’s weiter nichts ist…

Trauerbewältigung

Bei diesem Schmerz hilft kein Pflaster

Schicksalsschläge verkraften, aber wie? Scenario-Jugendredakteurin Sophia sucht nach der Antwort und findet einen Weg zurück zur Normalität.

Ich glaube, jeder von uns kennt Schmerz. Früher ist man beim Toben draußen hingefallen und hat diesen stechenden Schmerz gespürt. Die Hose war aufgerissen und das Knie hat geblutet. Man hat ein Pflaster und einen tröstenden Kuss von Mama bekommen und das Leben ging weiter. Ein paar Jahre später ist man dann mit Freunden Fahrrad gefahren, über einen Stein gefahren, wieder hingefallen und wieder hat man einen stechenden Schmerz gespürt. Der Arm war gebrochen und man hatte mehrere Wochen einen Gips bekommen, doch auch dann ging das Leben weiter. 

Plötzliche Gefühllosigkeit

Als die erste große Liebe in die Brüche ging, war da auch dieser Schmerz, jedoch ganz ohne Hinfallen, ohne Bluten und auch ohne Gips. Diesmal hat es einfach mental geschmerzt und man dachte sich, es geht nicht schlimmer. Und es tut mir leid, alle, die dies wirklich glauben, enttäuschen zu müssen, aber doch, es geht schlimmer. Es geht schlimmer, obwohl man erst gar keinen Schmerz spürt, sondern eigentlich gar nichts. Aber genau das ist das Schlimme, diese ungewisse Gefühllosigkeit. 

Letztes Jahr verlor ich Anfang des Jahres einen sehr guten Freund von mir, den ich echt geliebt habe… Ich hab’ es über Whatsapp erfahren, als ich im Auto saß, und ich werde nie diesen nichtfühlenden Schmerz vergessen. Innerlich hat alles geschrien und sich zusammengezogen, aber von außen betrachtet sah ich wohl aus, als würde ich an nichts denken. Ich hab’ emotionslos und monoton auf mein Handy geguckt. Als mir bewusst wurde, was eigentlich passiert war, stand ich schon neben dem Grab bei der Beerdigung. Dort habe ich diesen stechenden Schmerz von früher gefühlt, nur diesmal war er nicht an meinem Knie oder am Arm, sondern überall. 

Irgendwie die Zeit überstehen

Mein Körper war der Schmerz und da half kein Pflaster. Was mir da stattdessen half? Trauern, weinen und die Zeit irgendwie überstehen. Ich konnte nie mit jemandem darüber reden, weil ich keinen belasten wollte und das war der größte Fehler, den ich machen konnte. Nach einigen Wochen konnte ein Lehrer von mir mich dazu überzeugen, zehn Minuten mit ihm über die gesamte Situation zu reden – und letztendlich saß ich 45 Minuten in seinem Büro, weil sich alles bei mir angestaut hatte. Ich hatte da das erste Mal so richtig über meine Gefühle geredet und gemerkt, wie langsam mein schmerzvoller Körper sich beruhigte. Natürlich nicht auf einmal, aber immer mehr bekam ich meinen Körper zurück. So habe ich zurückgefunden. 

"Ich war wie ein bockiges Kind"

Natürlich hat es insgesamt gedauert und es war nicht einfach, aber ich hatte Freunde, die hinter mir standen. Doch dann, kurz bevor ich mich von diesem Schlag erholt hatte, starb mein Vater an Krebs. Und es spielte sich die exakte Situation wieder ab. Ich habe nichts gespürt, war einfach wie gelähmt und habe nichts begriffen. Und ich wollte es auch nicht begreifen. Ich wollte das alles nicht wahrhaben! Nein, diese beiden besonderen Menschen sind nicht einfach weg! Und so habe ich mich gegen diesen Gedanken gewehrt wie ein kleines bockiges Kind. Ich habe mich, einen Tag, nachdem mein Papa gestorben ist, mit Freunden am Kanal getroffen und so getan, als sei nichts, nur weil ich es nicht wahrhaben wollte. 

Eine fette Maske liegt auf dem glücklichen Gesicht 

Wenn ich mir heutzutage die Bilder von den Tagen angucke, sehe ich zwar glücklich aus, aber ich erkenne, dass dort eine fette Maske auf meinem Gesicht liegt. Eine Maske mit einem Lachen und zwei strahlenden Augen. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo diese Maske abfällt und man alles realisiert… Wenn dieser Augenblick da ist, merkt man erst, was richtige Schmerzen sind und weiß, dass es dauern wird, bis die wieder weg sind. Aber auch diese Schmerzen werden weniger. Es braucht allerdings auch Zeit. Es braucht Familie und Freunde und vor allem braucht es Gespräche, wenn es einem nicht gut geht. 

Wer jetzt noch helfen kann

Ich habe an einem Abend sogar die Seelsorge angerufen, weil ich nicht meine Freunde belasten wollte und meine Familie hat selber getrauert. Und es tat gut. Einfach mit jemanden reden, der nicht involviert ist und nicht über einen urteilt. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich glücklich behaupten, dass ich nicht jeden Tag mit Schmerz vor Trauer rumlaufe, sondern mich zurückgekämpft habe. Natürlich gibt es schwierigere Tage, aber hauptsächlich denke ich an die positiven Erinnerungen und freue mich über die Zeit, die ich mit diesen beiden tollen Personen hatte. 

Abschließend kann ich also sagen: Nach einem Tief, egal wie tief es auch sein mag, kann man sich wieder hoch kämpfen. Und wenn Eure Mitmenschen Euch hilfsbereit die Hand entgegenstrecken, dann nehmt sie dankend an, denn das ist das Beste, was Euch in so einer Zeit passieren kann: Gemeinschaft, damit man nicht alleine ist. (Sophia Maibaum)

Falls Ihr Hilfe benötigt: 

Anonym und kostenlos vom Handy und Festnetz steht Euch montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr die Nummer gegen Kummer zur Verfügung: Tel. 116 111 

Oder Ihr wendet Euch vor Ort an die psychologische Beratungsstelle/Erziehungsberatung Vest in Recklinghausen, Paulusstraße 47: Tel. 02361/92 61 83 10

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