In pinker Kulisse sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie hat die Knie angezogen und nimmt eine wippende Haltung ein, indem sie ihren Kopf auf die Beine legt.
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Einsam und alleine – so fühlen sich viele Menschen in letzter Zeit durch die Bedrohung von Corona.

Auch mal ehrlich sein

Verdammt demotiviert

  • Annika Mittelbach
    vonAnnika Mittelbach
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Die Corona-Krise trifft jeden, und Annika hält es nicht aus, wenn jeder nur von Neustart und positiven Einstellungen redet. Die Zeit gerade ist einfach schrecklich, und darüber sollten wir auch mal jammern.

Achtung, dieser Text handelt entgegen vielen vor Selbstoptimierung und positiven Vibes strotzenden Storys ausnahmsweise mal von einer Sache, die vermutlich viele von uns gerade in diesen Tagen auch begleitet: die Demotivation.

Ich nenne meinen kleinen Schweinehund gerne Hans. Hans schleicht sich schon morgens früh an einen heran. Der Wecker klingelt, man wacht verklatscht auf, und schnell gehen die Gedanken los, die Hans einen in den Kopf pflanzt. Warum soll ich überhaupt aufstehen? Ich muss gerade nicht arbeiten, oder ich darf es nicht. Die Seminare an der Uni funktionieren auch nicht so richtig. Und generell: Wird nach dieser ganzen Corona-Geschichte eigentlich noch alles so sein, wie es vorher war? Oder stehen uns sowieso große Veränderungen bevor, die alles, was am Anfang des Jahres noch wichtig war, auf einmal vollkommen unwichtig machen?

Zu viel gute Laune auf Social Media deprimiert

Gerade auf Instagram oder anderen sozialen Netzwerken betonen viele im Moment, dass es wichtig ist, sich auf Kurs zu halten. Sich irgendwelche Hobbys zu suchen, am Start zu bleiben. Und arbeiten darauf hin, gestärkt aus der Krise herauszugehen. Diese Leute setzen mich und vielleicht auch andere gerade noch heftiger unter Druck, nicht auch mal zu sagen, dass es einfach nicht gut läuft in dieser Corona-Zeit.

Aber ist es nicht total ätzend, dass wir zu unseren Lieben gerade auf Distanz gehen, um sie zu schützen – und alles, was sie brauchen, eigentlich eine feste Umarmung wäre? Ich weiß, dass das nicht geht. Dass wir aufeinander achten müssen. Aber ich muss mich doch nicht jeden Tag zwingen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Auch mal heulen dürfen

Die Situation ist schon anstrengend genug, da darf ich ja wohl mal auf den Boden stampfen und meinem Unmut Luft machen. Manche sagen dann, es nützt ja alles nichts. Es verändert die Situation nicht, wenn du heulend im Bett liegst und den Arsch nicht mehr hochkriegst. Aber es verändert die Situation gerade auch nicht, wenn ich schon zum sechsten Mal in der Woche joggen gehe und das achte Bananenbrot backe. Lasst mir meine schlechte Laune, und lasst mir Hans und seine kleine nervige Stimme, die mich alles anzweifeln lässt.

Wir haben vorher schon gemeckert, und ich muss es auch heute noch tun. Danach geht es mir nämlich ein bisschen besser, und ich kann mir die ganze Selbstoptimierungs-Kacke und die positiven Vibes auch wieder geben und sie weiterverteilen. Aber zwischendurch muss auch ein bisschen geheult werden. Wegen der Corona-Opfer. Wegen der einsamen Menschen, die gerade niemanden haben, mit dem sie skypen können oder auf Abstand spazierengehen. Wegen der ganzen verpassten Nähe und Umarmungen. Wegen all der warmen Abende, die nun ohne uns verstreichen, und wegen der ganzen Konzerte, die hätten stattfinden sollen, und wegen allem, was gerade nicht so läuft, wie man sich das gewünscht hat.

Gemeinsam trauern, gemeinsam träumen

Es ist okay, sich beschissen zu fühlen. Es ist okay, das auch zu sagen. Es ist auch okay, sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Viele sind einfach momentan in prekären Situationen, und das hat mit Egoismus wenig zu tun. Ich wünsche mir einfach mehr Ehrlichkeit. Mehr „Jo, mir geht’s auch gerade nicht so gut.“ Ich wünsche mir auch Traumtänzerei über zukünftige Urlaubspläne und Sehnsuchtsgespräche. Und dann wünsche ich mir, nachdem man das alles mal rausgelassen hat, dass man dann wieder neu und mit Elan an die Sachen gehen kann, die man dann doch noch erledigen kann und machen muss.

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