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Hier war die Welt noch in Ordnung: Jana (r.) bei ihrem letzten Treffen mit Michaela aus Italien.

Scenarios Auslandsreihe: Janas siebter Teil aus Litauen

Verfrühter Abschied aus Vilnius

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Am Unabhängigkeitstag hat Jana noch mit ihren Freunden gefeiert, doch dann erreicht Corona auch Litauen. Plötzlich steht sie vor einer wichtigen Entscheidung.

  • Jana musste ihren Aufenthalt als Freiwillige in Litauen aufgrund der Corona-Krise vorzeitig abbrechen
  • Wenige Tage zuvor hatte sie noch mit ihren Freundinnen unbeschwert gefeiert und einen Kunstmarkt besucht

Ich kann es selber noch kaum begreifen, was eigentlich die letzten Wochen alles passiert ist. Am ersten Märzwochenende war ich noch zusammen mit den anderen Freiwilligen auf dem „Kaziuko muge“, dem Jahrmarkt Kaziukas, in der Altstadt von Vilnius unterwegs. Man kann ihn am besten mit einem riesigen Kunstmarkt vergleichen, welcher von Freitag bis Sonntag zu Ehren des heiligen Kasimir von Litauen stattfand. Tausende Menschen schlendern über die Straßen und schauen sich die verschiedensten Stände an. 

Es ist eigentlich alles vertreten, was man sich auf einem Kunstmarkt vorstellen kann: Handwerk, Malerei, Schmuck. Doch auch traditionelles litauischen Essen gab es. Der Tag des heiligen Kasimir wurde jedoch nicht nur in der Altstadt gefeiert. Auch in meiner Schule haben die Schüler selber Kleinigkeiten gebastelt und diese zum Verkauf angeboten. Dafür wurde der ganze Schulflur in einen kleinen Markt umgewandelt. Jede Klasse bekommt dann ihren eigenen Stand. 

Nach diesem Wochenende ging das Leben noch für einige Tage normal weiter. Am Montag musste ich wieder in die Schule, habe dort mit den Kindern gespielt und ihnen bei ihren Aufgaben geholfen. Dienstags haben wir dann mit ihnen Blumen gebastelt, in den Farben der litauischen Flagge, zur Vorbereitung für den Unabhängigkeitstag der Litauer. 

An meinem freien Mittwoch hatte ich nicht viel vor. Nachmittags traf ich mich zu Kaffee und Kuchen mit den anderen in einer kleinen Bäckerei. Der Unabhängigkeitstag wurde viel gefeiert, überall hingen litauische Flaggen und am Abend besuchten wir gemeinsam ein Konzert und schauten uns das geplante Feuerwerk an. Es war wirklich ein schöner und entspannter Tag. Als ich abends in mein Bett fiel, ahnte ich noch nicht, dass schon morgen meine ganze Welt auf den Kopf gestellt sein würde. 

Es fing alles ganz normal an, doch um elf Uhr fiel die Entscheidung der Regierung, dass alle Bildungseinrichtungen in ganz Litauen für zwei Wochen schließen werden – in Vilnius sogar für fünf Wochen. Die Nachricht sprach sich schnell in der Schule herum. Während meiner Mittagspause diskutierten einige Lehrerinnen aufgeregt in der Küche. Natürlich verstand ich nicht alles, doch war mir klar, worum es ging. Was würde bloß als Nächstes passieren? 

Den ganzen Nachmittag wartete ich in meiner Wohnung auf neue Informationen. Aufgaben im „Home Office“ konnten wir nicht wirklich machen, doch was blieb uns sonst zu tun für die nächsten fünf Wochen? Abends bekam ich dann endlich eine Antwort von meiner Aufnahmeorganisation: Da nicht alle von uns von zu Hause arbeiten könnten, würden sie Aufgaben für uns erstellen, die wir erledigen sollen. 

Ich war mir ziemlich sicher, dass schnell noch weitere Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus ergriffen werden. Diese neuen Maßnahmen wurden dann am Samstag veröffentlicht. Es hieß, dass das ganze Land ab Montag in Quarantäne versetzt wird, erst einmal für zwei Wochen, doch viele hielten es für sicher, dass diese verlängert werden würde. Ebenfalls wurden die Grenzen für Einreisende geschlossen, und Litauer konnten auch nicht mehr aus Litauen heraus. 

Ich berichtete alles meinen Eltern am Telefon, und mein Vater fragte, ob ich nicht erst einmal wieder nach Hause kommen möchte. Am Anfang war ich mir noch unsicher darüber, ob das wirklich die richtige Entscheidung wäre, denn wann könnte ich dann wieder zurück nach Litauen? Hätte ich Zeit, mich von allen zu verabschieden? Oder sollte ich vielleicht erst einmal abwarten und zu einem späteren Zeitpunkt darüber entscheiden? Die vielen Maßnahmen und Entwicklungen, die heute und in den letzten Tagen passiert waren, stressten mich. Was sollte ich nur tun? Ich entschied mich dafür, erst mal eine Nacht über alles zu schlafen, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen. 

Ein letztes Treffen mit Freunden 

Am nächsten Tag traf ich mich noch ein letztes Mal mit Lydia, Ekaterina und Michela, welche alle Teil unserer Mädelsgruppe waren. Die Sonne schien schon den ganzen Tag und so spazierten wir gemeinsam am Ufer des Flusses Neris entlang. Ich war sehr froh über etwas Gesellschaft. Ekaterina erzählte uns, dass einige Freiwillige schon wieder zurück in ihren Heimatländern waren. 

Der Tag verging recht schnell, dadurch dass ich meine Freunde treffen konnte, fühlte ich mich etwas besser, doch immer wieder schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Ich wäre jetzt gerne wieder zu Hause!“ Diese Situation war für uns alle ungewiss und neu, doch allzu lange konnte ich nicht mit meiner Entscheidung warten, da sich die Situation in wenigen Stunden wieder ändern konnte. 

Am Sonntagabend erreichte mich die Nachricht, dass drei weitere Freiwillige meiner Aufnahmeorganisation Litauen verlassen und wieder in ihr Heimatland zurückkehren wollten. Erst einmal nur für die Zeit, in der die strikten Maßnahmen bestehen – wenn sich alles wieder beruhigt hat, wollten sie zurückkommen. Und nachdem ich das hörte, entschied ich für mich selber, auch wieder nach Deutschland zurückzukehren. 

Der Flug für Montag wurde gebucht, ich sprach alles mit meiner Koordinatorin ab, und dann hieß es packen. Alles konnte ich nicht wieder mit nach Hause nehmen, dafür war mein Koffer zu klein. Doch da ich mein Projekt nur pausieren wollte, hieß es, dass ich nach all dem auf jeden Fall wieder nach Litauen kommen sollte. Nachts packte ich noch bis drei Uhr, geschlafen habe ich gerade einmal drei Stunden, und richtig essen konnte ich auch nicht. Ich war so nervös. Um zwölf Uhr mittags fuhr ich zum Flughafen, gab mein Gepäck ab und wartete an meinem Gate. 

Glücklicherweise musste ich nicht komplett alleine diesen Flug antreten. Persane flog mit mir nach Frankfurt, um dort einen Flug direkt nach Toulouse zu nehmen. Wir warteten und warteten. Das Flugzeug aus Frankfurt war schon angekommen, doch da alle Passagiere auf Fieber untersucht wurden, dauerte es ziemlich lange, bis überhaupt die ersten aussteigen durften. Als nach drei Stunden Verspätung nun endlich der Pilot und die Crew an Board gingen, dachten wir alle, das Boarding würde gleich beginnen. 

Doch auf einmal setzte sich das Flugzeug in Bewegung, bog auf die Startbahn, wurde schneller und schneller, und dann – tja, dann flog es plötzlich ohne uns los. Ich konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Schnell kam die Durchsage, dass der Flug aus medizinischen Gründen gecancelt wurde. Erst einmal sollten alle Passagiere ihr Gepäck abholen und sich dann zum Schalter der Airline bewegen. 

Am Flughafen heißt es weiter zittern 

Dort wurde unser Flug umgebucht auf den nächsten Tag, und für die Nacht wurden wir in einem Hotel in der Nähe des Flughafens untergebracht. Ich wollte einfach nur noch nach Hause – würde morgen alles funktionieren? Am nächsten Tag wurden wir mit einem Taxi zum Flughafen gebracht. Alles war genauso wie am Vortag. Das Flugzeug kam an, alle Passagiere wurden kontrolliert. Doch dann, nach vier Stunden, bekamen wir die Information, dass das Flugzeug nun vollständig gereinigt und desinfiziert war. Alle Passagiere atmeten auf. Heute Abend würde ich endlich wieder zu Hause sein. 

Der Flug nach Frankfurt verlief ohne weitere Probleme. Und jetzt bin ich schon wieder für zwei Wochen zu Hause. Ich habe immer noch nicht wirklich realisiert, was alles passiert ist. Ich konnte mich nicht von den anderen Freiwilligen verabschieden. Doch ich stehe mit ihnen über Social Media in Kontakt. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich so überstürzt das Land verlassen musste, doch bin ich froh, nun wieder zu Hause und bei meinen Eltern zu sein. Jetzt können wir nur noch abwarten und hoffen, das alles schnell vorbei ist.

Im letzten "Around the World"-Teil hat Linn von ihrem zweiten Part der Bali-Rundreise berichtet. Freundin Alina und sie erlebten am Strand Indonesiens etwas aufregendes. 

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