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Die Playmobil-Männchen machen es vor: Sie schauen sich bei diesem geselligen Treffen gegenseitig an – und haben keine Handys auf dem Tisch, die stören könnten.

Gesellschaftskritik

Bitte mehr Respekt, Leute!

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Warum leben wir in einer Ellenbogen-Gesellschaft? Was uns fehlt, ist Achtung - und etwas anderes ganz anderes, meint Scenario-Redakteurin Ellen.

Im überfüllten Bus sucht die ältere Dame nach einem freien Sitzplatz. Niemand steht auf und bietet ihr einen an. In der Schule weint Mats bittere Tränen, gerade hat ihn sein Klassenkamerad angepöbelt – weil er die „falschen“ Klamotten trägt. Auf der Straße grölt um drei Uhr nachts laut eine Gruppe Jugendlicher. Ob’s die Anwohner stört? Wen juckt’s? Respekt scheint in unserer Gesellschaft nicht mehr angesagt zu sein, oder? 

Die Beispiele lassen darauf schließen, dass auch ich unsere Gesellschaft als „respektlos“ abstempele und nicht ausreichend differenziere. Das tue ich nicht, denn ich sehe auch die andere Seite: Es gibt noch Menschen, die respektvoll mit ihrem Umfeld umgehen. Sie setzen sich ein, zum Beispiel für Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Oder gehen mit Tieren und der Natur respektvoll um und versuchen, sie zu schützen – auch das sind Zeichen von Respekt. Das beruhigt mich. 

Andererseits sind da „Vorbilder“ aus Politik und Medien, die sich in Sachen Respekt so gar nicht vorbildlich verhalten. Ich werde wütend, wenn Alleinerziehende durch den Staat kein Respekt erwiesen wird, indem sie nicht ausreichend unterstützt werden.

Mir kommt es vor, als wenn das Gefühl für ein respektvolles Verhalten in der Bevölkerung mittlerweile so schnell zerbröselt wie eine Sandburg, die man zu nah am Wasser gebaut hat. 

Durch Macht zum Egoisten mutiert 

Doch warum fehlt es an Respekt? Warum gelingt die Achtung voreinander gefühlt immer seltener? Meine Theorie: Gewinnt jemand an Macht, sei es das Alphatier in der Clique, ein Politiker oder der Typ, der die meisten Follower bei Instagram besitzt, neigt er zu Ignoranz – und mutiert so zum Egoisten. Es fängt manchmal im Kleinen an, sogar unter Freunden. Zum Beispiel, wenn der eine sich das letzte Stück Pizza, ohne seinen Kumpel zu fragen, einfach nimmt und in den Mund schiebt. Oder beim Treffen mit der Clique: Viele hören sich gar nicht mehr richtig zu und schauen nicht mal ins Gesicht ihres Gesprächspartners, weil sie zu sehr auf ihr Handy konzentriert sind…

Sind die sozialen Medien schuld?

Sind die sozialen Medien schuld an dieser Respektlosigkeit? Anonym besteht da ja die Möglichkeit, sich online zu profilieren – durch publizierte Abneigung und Verurteilungen, mit Hass-Kommentaren, die Aufmerksamkeit erzeugen (sollen). Oder liegt die Ursache von Respektlosigkeit darin, dass in früher Kindheit keine Manieren beigebracht wurden? Ich glaube vielmehr, dass es der Mangel an Selbstliebe ist, der uns zu respektlosen Menschen machen kann. In unserer Welt, in der wir funktionieren müssen, wird uns Nährboden für Selbstzweifel geboten. Ist also nicht die eigene Unsicherheit der Grund dafür, dass Menschen ihren Mitmenschen keinen Respekt zollen? 

Der Duden definiert Respekt so: „Auf Anerkennung, auf Bewunderung beruhende Achtung“. Ich definiere noch weiter. Respektvolles Verhalten entspringt aus dem Wunsch, die Bedürfnisse der Mitmenschen mit seinen gleichzusetzen. Respekt heißt, sich zunächst selbst ernst zu nehmen. In einer guten Gesellschaft gilt es, anderen Menschen, Tieren und der Umwelt Respekt zu zollen. Den Respekt, der einem selbst entgegengebracht werden soll. Vielleicht hört das inflationäre Abstempeln off- und online dann auf.

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