Eine ältere Dame mit Rollator steht vor einem Gemüseregal im Supermarkt.
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Regale ansprechend zu packen, will gelernt sein. Das weiß auch Jugendredakteurin Miriam.

Nebenjob im Supermarkt

Zwischen pelzigem Obst und Joghurt-Pyramiden

  • vonMiriam Schulemann
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Miriam hilft übergangsweise im Supermarkt als Packerin aus. Sport braucht sie seitdem nicht mehr, aber einen starken Magen.

„Die Kisten müssen im Regal so angeordnet werden, dass es für die Kunden schön aussieht!“, erklärt meine Chefin und arrangiert zu Vorführungszwecken eine Kiste Auberginen und eine Kiste Paprika im Gemüseregal. Ich persönlich schätze den expressionistisch anmutenden Komplementärkontrast der violetten Auberginen und der gelborangen Paprikaschoten zwar eher disharmonisch und tendenziell aufwühlend für die Kundschaft ein. Aber eine semi-professionelle, kunststudentische Expertise durch meine Person ist nicht der Grund, warum ich um 6 Uhr 10 morgens in leicht zu großen Sicherheitsschuhen in der Obst- und Gemüseabteilung eines Discounters stehe und mir erklären lasse, wie man Gemüse „schön“ ins Regal stellt.

Ekelschreie und Würgereflex unterdrücken

Da der Lockdown mittlerweile schon das zweite Mal in diesem Jahr meinen eigentlichen Job blockiert und dafür sorgt, dass die Zahlen auf meinem Girokonto mit einer erschreckenden Übermacht in einem fiesen Scharlachrot erscheinen, war ich gezwungen, mich jobmäßig umzuorientieren. So begann sie also, meine Karriere als Leiharbeiterin in der Warenverräumung.

Dankbar darüber, dass die körperliche Arbeit mich am Einschlafen an Ort und Stelle hindert (ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie ich es quasi mitten in der Nacht überhaupt zur Arbeit geschafft habe), schiebe ich eine Kiste Zitronen zur Seite, um Platz für die neue Ware zu machen. Und mache dabei eine etwas zu nahe Bekanntschaft mit einer über und über mit Schimmel überzogenen Frucht, die schon mehr weiß als gelb ist. Ich verkneife mir ein hysterisches „IIIIIIIIIGITT!!!“ und werfe das pelzige Ding in hohem Bogen in eine speziell für Verdorbenes vorgesehene Kiste.

Regale packen als Fitness-Ersatz

Noch ahne ich nicht, dass das nicht die letzte unappetitliche Begegnung dieser Art gewesen sein wird. Ich werde an diesem Tag noch mit einer verfaulten Paprika, einer schrumpeligen und wabbeligen Gurke und einer bis zur Unkenntlichkeit zermatschten Tomate in Berührung kommen. Als ich eine letzte Kiste voll höllenschwerer Wassermelonen ächzend ins Regal hieve, rinnt mir der Schweiß das Gesicht hinunter.

Ich beschließe, es sportlich zu nehmen, da die Fitnesstempel und Sportvereine sowieso geschlossen haben und ich dank des Online-Semesters unter akutem Sport- und Bewegungsmangel leide, der sich bereits an der Anzeige meiner Körperwaage bemerkbar gemacht hat.

Nachdem ich alles zur Zufriedenheit meiner Chefin in die Regale einsortiert habe, werde ich weitergeschickt zu den Blumen. Die frisch eingetroffenen Pflanzen sollen ebenfalls so platziert werden, dass es „irgendwie schön aussieht“ und ich mache mich pflichtbewusst an die Arbeit. Ich sortiere die Blümchen nach kalten und warmen Farben und ordne die Christsterne so an, dass alles symmetrisch aussieht. Mein innerer Monk ist begeistert.

Nervig: Kunden hinterher räumen

Mein größtes Ärgernis sind allerdings die garstigen Kundinnen und Kunden, die sich im Laufe des Einkaufs umentscheiden und die nun doch ungewollten Waren an völlig exotischen Orten ablegen. Es ist wirklich sehr ärgerlich, wenn plötzlich ein Päckchen Mandeln (gehobelt) inmitten einer Palette voll Tomaten (passiert) auftaucht und man als kleine, noch ziemlich orientierungslose Aushilfe den gesamten Laden nach den Backzutaten absuchen muss, um die Mandeln für die nächsten wieder richtig einzusortieren. Großes Grrrrr!

Passiv aggressiv reagiere ich auch auf diejenigen, die drei Paletten Joghurt anheben, weil der allerunterste, hinterste Zabaione-Joghurt zwei Tage länger haltbar ist als der, der direkt obenauf liegt und – nachdem sie sich bedient haben – die drei oberen Paletten schwungvoll wieder fallen lassen. Man muss keine Physikerin sein, um abschätzen zu können, dass die ganze Konstruktion irgendwann einbricht, wenn immer nur die untere Bausubstanz entfernt wird. Dreimal dürft Ihr raten, wer dieses Chaos anschließend beseitigen darf.

Wenn Ihr also das nächste Mal einen toll aufgeräumten, vollen Supermarkt betretet, denkt einen kurzen Moment an diejenigen, die dafür sorgen, dass alles an seinem Platz steht und die Regale gut gefüllt sind. Und ein letzter eindringlicher Appell: Diese Fülle an Lebensmitteln ist nicht selbstverständlich. Behandelt die Ware behutsam, damit noch andere Menschen die Möglichkeit haben, sie unversehrt zu kaufen und zu essen. So muss wesentlich weniger weggeworfen werden und meine Arbeit wird um einiges weniger lästig.

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