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Noch heute schaut Marleen sich alte Familienfotos an – jetzt aber lächelnd statt mit Tränen in den Augen.

Was macht die Scheidung meiner Eltern mit mir?

Zwischen Verlustängsten und Scheidungs-Genen

  • vonMarleen Wiegmann
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Marleen ist eines von tausenden Scheidungskindern. Sie fragt sich, was die Zeit nach der Trennung mit ihr gemacht hat.

Laut dem Statistischen Bundesamt wird jede dritte Ehe in Deutschland wieder geschieden. Bei fast der Hälfte aller Scheidungen sind dabei minderjährige Kinder betroffen. Wie es die Statistik will, bin auch ich eines dieser Scheidungskinder. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich elf war. Heute bin ich 21 und gehe damit in mein zehntes Lebensjahr als Scheidungskind. 

Selbst nach dieser langen Zeit frage ich mich noch ab und zu, was die Scheidung meiner Eltern mit mir gemacht hat. Ist sie nun wie ein Gen in meine DNA eingeschrieben, genauso wie die Farbe meiner Haare? Oder ist all das über mich hinweg gewaschen und hat mich auf der anderen Seite zwar verwirrt und nass, aber innerlich doch unberührt zurückgelassen? Ich habe mich auf die Suche nach den Antworten auf diese Fragen begeben und dabei eine Menge über mich und uns Scheidungskinder gelernt. 

Wenn sich zwei Menschen begegnen und beiden klar wird, dass sie Scheidungskinder sind, ist das wahrscheinlich so, als würde zwei Astrologie-liebenden klar, dass sie dasselbe Sternzeichen haben. Die Erfahrung einer Scheidung verbindet. Denn Scheidungskinder machen mit der Scheidung ihrer Eltern eine Krise durch. 

Ich habe mit Hiltrud Luthe, Leiterin von „Trialog“, einer Beratungsstelle für Familienkrisen, Trennung und Scheidung in Münster, gesprochen: „Eine Scheidung ist für Kinder eine Krise. Das hat mit zwei Faktoren zu tun. Zum einen hängt das damit zusammen, dass Kinder abhängig von ihren Betreuungspersonen sind. Den Eltern soll es aus der Perspektive des Kindes also gut gehen, damit sie sich um das Kind kümmern können. Eine Scheidung führt jedoch dazu, dass es den Eltern erst mal nicht gut geht. Zum anderen gerät die gewohnte Lebenswelt des Kindes ins Wanken. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Familie zuvor gelebt hat, geht verloren. Das macht Kindern Angst.“ 

Verlustängste schleichen sich ein 

Diese Angst führt häufig auch zu Verlustängsten. Kinder haben dann zum Beispiel Angst davor, ein Elternteil zu verlieren. Genau diese Angst habe auch ich selbst erlebt. Erst in diesem Jahr ist mir bewusst geworden, dass ich auch heute noch Angst davor habe, meine Eltern zu verlieren. Die Angst liegt quasi wie ein Teppich in meinem Bewusstsein. Jahrelang bin ich über ihn gelaufen, ohne ihn zu bemerken, und doch ist er immer da gewesen. Es ist also keine Angst, die mich nachts vorm Schlafen anfällt. Es ist eine Angst, die mir Tränen in die Augen treibt, wenn ich einfach nur fest an meine Eltern denke. 

Doch Scheidungskinder tragen nicht nur ein paar eventuelle, irrationale Ängste mit sich herum. Sie tragen ein noch sehr viel schwereres Erbe. Die Forschung ist sich nämlich einig, dass Scheidungskinder sich statistisch häufiger scheiden lassen. In der Forschung nennt man das „transgenerationaler Risikotransfer“. 

Solche Forschungsergebnisse machen nachdenklich und ich frage mich, ob es nun doch ein Scheidungsgen gibt, dass sich in meine DNA eingeschrieben hat, als ich elf Jahre alt war. Ich werde es wohl nie herausfinden, aber sicher weiß ich, dass ich zumindest nicht ferngesteuert bin. Ich kann mit meinem „Erbe“ umgehen, genauso wie ich es mit der Krise in Form einer Scheidung konnte. Bleibt mir so aber die Möglichkeit verwehrt, mit der Scheidung meiner Eltern abzuschließen? 

Kommt Zeit, kommt Ruhe 

Ich war schon einmal der Meinung, mit allem abgeschlossen zu haben. Das war ein paar Monate, nachdem meine Eltern sich getrennt hatten und ich war der kindlichen Überzeugung, dass ich nun fertig sei damit. Ich meine, ich hatte ja bereits einiges durchgemacht. Ich hatte viele Tränen geweint, hatte stundenlang alte Familienfotos angestarrt und mich daran gewöhnt, meinen Vater nicht mehr jeden Tag zu sehen. Es war eine schöne Illusion, die ich mir da baute und einige Stunden später zerplatze sie schon wieder wie eine Seifenblase. 

Somit galt auch für mich, dass die Verarbeitung einer Scheidung meist ein bis zwei Jahre dauert. Nach den typischen anfänglichen Konflikten und Streitigkeiten zwischen Mutter und Vater, verlief mein Leben bald wieder in geregelten Bahnen. Es war nicht alles toll, aber ich hatte die Möglichkeit mit meinen Erfahrungen aus dieser Zeit abzuschließen. 

Ich habe hier keine abschließende Antwort auf die Frage, wann man abschließt. Ich bin aber persönlich der Meinung, dass eine Scheidung einen Menschen ein Leben lang begleitet. Es ist eben nicht so wie das Wort „abschließen“. Das Wort suggeriert, dass ich meine Erfahrungen, meine Trauer, meinen Schmerz in ein Zimmer schließen könnte. Dass ich den Schlüssel umdrehen könnte und damit mit allem „abschließen“ könnte. Aber so funktioniert das nun mal nicht. Denn es gibt keinen Moment, in dem man die Tür schließen kann. Das Leben ist ein Prozess und jede Tür, die man dort abschließt, steht einem nur selbst im Weg.

Eine unserer Autorinnen hat sich mit dem Thema Frau-Sein auseinandergesetzt.

Sie war in ihren Augen nie die "typische Frau" und hat früher sehr darunter gelitten. 

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