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Tan Caglar erzählt in seinem Bühnenprogramm „Rollt bei mir“ aus seinem Alltag und was einem als Rollstuhlfahrer alles passieren kann – und das auf charmante Art und Weise und mit Augenzwinkern.

Interview 

Tan Caglar: "Ich mache Stand-up-Comedy - im Sitzen"

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Tan Caglar sprach exklusiv mit Scenario, wie er quasi durch Zufall zum Comedian wurde und welches besondere Erlebnis er mit Bülent Ceylan hatte. 

Stand-Up Comedy ist aktuell gefragter denn je. Eine ganz neue Definition des Begriffs liefert Comedian Tan Caglar. Der Hildesheimer ist auf einen Rollstuhl angewiesen und erobert aktuell die Bühnen in Deutschland. Im Interview nach der Show verrät er uns u.a. wie Rollstuhlfahrer auf seine Witze reagieren und welches besondere Erlebnis er mit Bülent Ceylan hatte.

Hallo Tan, Du bist mit Deinem Programm „Rollt bei mir“ auf Tour. Was erwartet die Zuschauer bei Deinem Programm? 

„Comedy. Stand-Up im Sitzen (lacht). Ich erzähle natürlich viel aus meinem Alltag und zeige den Zuschauern auf, was einem als Rollstuhlfahrer so alles passieren kann. Natürlich möchte ich auch ein bisschen den Spiegel vorhalten, aber es ist nicht immer alles so ernst, sondern es passieren auch viele lustige Sachen. Der Name „Rollt bei mir“ ist eine Anlehnung an das Sprichwort „Läuft bei mir“ und soll zeigen, dass man als Rollstuhlfahrer im Alltag nicht nur Probleme hat, sondern auch viel Positives passiert. Dies spiegelt sich alles in meinem Programm wieder.“ 

Heute stehst Du in Dortmund auf der Bühne. Wie bist Du zur Comedy gekommen? 

„Ich spiele selbst Rollstuhlbasketball. Darüber habe ich dann ein Projekt kennengelernt, bei dem wir mit Sportrollstühlen an Schulen gegangen sind und dort Menschen ohne Behinderung den Sport nähergebracht haben. Das hatte sich rumgesprochen und einige weitere Organisationen haben mich angesprochen aber gesagt: „Wir haben keine Rollstühle und keine Halle, also eigentlich müsstest Du nur Deine persönliche Geschichte erzählen.“ Als ich dort war und den Vortrag gehalten habe, habe ich gemerkt, dass die humorvollen Stellen sehr gut ankamen. Humor ist eine schöne Sprache, um so ein sensibles Thema anzufassen. Nach einem Vortrag kam ein Teilnehmer zu mir und meinte: ,Herr Caglar, das war wie Comedy!' Daraufhin habe ich gegoogelt, welche Agenturen es gibt und habe dort angerufen. Das erste Gespräch war sehr prägend. Ich habe dort angerufen und gesagt: Hallo ich bin Tan aus Hildesheim, ich bin Rollstuhlfahrer und würde gerne Stand-Up machen. Danach war zehn Sekunden Ruhe am Telefon, anschließend haben wir gelacht, uns getroffen und das Programm war geboren.“ 

Du thematisierst in Deinem Programm auch Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Wie reagieren sie auf die Witze?

 „Von Rollstuhlfahren höre ich eigentlich überhaupt nichts Negatives, sie sagen eher, dass es sehr nah am eigenen Leben ist. Wenn man selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, erlebt man viele Situationen, die ich beschreibe, selbst. Was ich viel besser finde, sind zum Beispiel Meinungen, die nichts damit zu tun haben, dass ich im Rollstuhl sitze. Ein Beispiel: Ich war bei der Sendung von Dieter Nuhr (Nuhr im Ersten) zu Gast und der Auftritt wurde ins Netz gestellt. Unter dem Video fanden sich dann Kommentare wie „Der muss noch ein bisschen üben, ist nicht so mein Humor“. Sowas finde ich super, denn erst, wenn du auch Kritik bekommst, weißt du, dass dich die Leute annehmen.“ 

Ein Stück Normalität im Alltag

Heute waren viele Rollstuhlfahrer bei Dir in der Show. Wie erklärst Du Dir das? 

„Ich kann mir gut vorstellen, dass es daran liegt, dass meine Comedy für Rollstuhlfahrer ein Stück Normalität im Alltag bedeutet. Vielleicht denken einige, wenn Leute jetzt schon zu einem Comedian im Rollstuhl gehen, werden sich mich bestimmt nicht komisch anschauen. Ein Rollstuhlfahrer kam nach der Vorstellung zu mir, und sagte mir, dass er das Programm bereits sechsmal gesehen hat. Er setzt sich aber immer nach hinten, um die Leute zu beobachten, weil es für ihn schön ist, behandelt zu werden, wie jeder andere auch. Es kann Leuten auch eine gewisse Sicherheit geben, wenn sie dieses Gefühl im Alltag nicht haben.“

Wir unterhalten uns gerade im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe, auch ich sitze im Rollstuhl. Wie ist das Feedback von den Kolleginnen und Kollegen aus der Comedybranche? Nehmen Dich die anders wahr?

„Es ist natürlich ein Alleinstellungsmerkmal. Am Anfang gab es auch skeptische Stimmen, dass das Phänomen nur eine gewisse Zeit anhält und dann wieder vorbei ist. Es ist eine schöne Motivation, den Leuten zu zeigen, dass man doch noch da ist. Ein Kollege hat mir den Rat gegeben, dass er es schön fände, wenn ich irgendwann auf die Bühne gehe und meine Behinderung nicht anspreche. Dann hast du es wirklich geschafft akzeptiert zu werden, weil ich bin ja kein Rollstuhlcomedian, sondern ein Comedian, der zufällig im Rollstuhl sitzt.“ 

Ein Lebensweg wie eine Achterbahnfahrt

Dein Buch (Rollt bei mir!) trägt den gleichen Namen wie Dein Programm. Was hat Dich dazu bewegt, ein Buch zu schreiben?

 „Ich wurde fast schon dazu genötigt (lacht). Ich wurde darauf angesprochen, bevor es mit der Comedy losging. Freunde haben gesagt, dass mein Lebensweg ja eine ziemliche Achterbahnfahrt wäre. Erst konnte ich laufen, dann kam die Depression, ein paar Monate später war ich Model auf der Berliner Fashion Week. Das Einzige, was ich vom Programm übernehmen wollte, war der Titel. Inhaltlich war es mir sehr wichtig, den motivierenden Charakter beizubehalten, dabei aber auch autobiografisch und unterhaltsam zu sein, sondern eher ein lustiges Taschenbuch (lacht). Ich persönlich glaube, dass Humor hilft. Die Leute müssen die eigene Situation annehmen und das Beste daraus machen.“ 

Du machst auf mich einen sehr extrovertierten und positiven Eindruck. Fiel es Dir schwer, als Du gemerkt hast, dass der Rollstuhl Dein ständiger Begleiter wird? 

„Bei mir war es ein schleichender Prozess. Ich glaube, wenn Du einen Autounfall hast und nicht mehr laufen kannst, ist es eine ganz andere Nummer. Beim schleichenden Prozess gewöhnst Du Dich langsam dran. Am Anfang ist der Rollstuhl mal auf einer Messe dabei. Irgendwann habe ich gemerkt, dass er häufiger mitkommt. Wichtig war es dann, die Situation anzunehmen. Als ich gemerkt habe, dass ich dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen bin, habe ich erst mal gedacht, es wäre komisch, wenn ich mich jetzt darüber freuen würde. Bei mir stimmte glücklicherweise das Umfeld, das heißt, meine Freunde und Familie haben mich nicht anders wahrgenommen und es wurde nicht thematisiert. Nach der schweren Depression habe ich den Sport gefunden, der mir aus dem Loch herausgeholfen hat.“ 

Neben Deinen Tätigkeiten als Comedian bist Du auch Motivationstrainer, spielst Rollstuhlbasketball und warst das erste Modell im Rollstuhl auf der Berliner Fashion Week. Wie kam das Angebot zustande und war Rollstuhlbasketball schon immer Dein favorisierter Sport?

 „Ich habe tatsächlich mal mit Fußball angefangen und war auch ein guter Torwart, konnte allerdings nicht so gut mit dem Ball am Fuß umgehen. Als dann die Rückpassregel eingeführt wurde, war meine Karriere vorbei. Nach einem kurzen Intermezzo beim Tischtennis, spielte ich noch als Fußgänger Basketball und bin so auch zum Rollstuhlbasketball gekommen. Erst habe ich es kategorisch ausgeschlossen und gedacht: ,Na super, fünf Behinderte, die sich einen Ball gegen den Kopf werfen. Da habe ich keinen Bock drauf.' Daraufhin habe ich es mir mal angeschaut und war begeistert.“

Zehn Minuten von Bülent Ceylan

Gibt es einen Moment auf der Bühne – auch im Zusammenhang mit Deinem Rollstuhl, den Du nicht vergisst? 

„Es gab einen Moment in Berlin. Da habe ich im Tempodrom gespielt und dort gibt es zwei Hallen. In der kleinen Halle habe ich gespielt, in der großen Bülent Ceylan. Vor der Show kam Bülent auf die Idee, die Hallen für die ersten zehn Minuten zu tauschen. Wahnsinn, dass Bülent das überhaupt gemacht hat. Er hat also die ersten zehn Minuten vor meinen Zuschauern gespielt und ich vor seinen. Anschließend hat er zu mir gesagt, dass es total schwer war, die Leute wieder für sich zu gewinnen. Das noch größere Kompliment war dann später bei mir in der Show. Nachdem ich von der Bühne gehen wollte, haben die Leute Zugabe gerufen und auf die Nachfrage von mir rief ein Zuschauer, dass sie ja wegen mir hier sind und ich ihnen noch zehn Minuten schulde. Das war einer der tollsten Momente.“ 

Wie erlebst Du das Thema Barrierefreiheit und Inklusion in Deutschland? 

„Gibt es nicht (lacht). Ich finde es spannend. Bei den alten Theaterhäusern ist es schwer. Heute mussten mich meine Freunde auch wieder die Bühne hochtragen. Persönlich finde ich es zwar unglücklich, wenn die Leute sehen, wie ich hochgetragen werde und ich dann zwei Stunden erzähle wie selbstständig ich durchs Leben gehe. Aber überall, wo es Menschen gibt, gibt es auch Hilfe. Du musst dich trauen, um Hilfe zu bitten. Wenn du den Mund nicht aufkriegst, bist du verloren. Das macht Selbstständigkeit aus.“ 

Gibt es privat oder beruflich etwas was Du noch erreichen möchtest?

„Man möchte natürlich immer mehr Leute erreichen. Heute waren es zum Beispiel 300 Menschen. Ich hätte nie gedacht, dass ich nach 2,5 Jahren so viele Menschen erreichen kann. Ein Traum von mir ist es, eine Sendung im deutschen Fernsehen zu moderieren. Wenn ein türkischer Rollstuhlfahrer im deutschen Fernsehen eine eigene Sendung kriegt, dann ist Inklusion erreicht.“ (lacht) 

Wenn Du eine Möglichkeit oder einen Wunsch frei hast, etwas zu ändern, was wäre dies? 

„Ich würde mir eine Halterung für meinen Rollstuhl wünschen, damit ich immer einen zweiten Stuhl dabei hätte. Wenn ich einen weiteren Stuhl für meinen Gegenüber dabei hätte, könnte man sich immer auf Augenhöhe unterhalten.“

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