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Scenario-Jugendredakteurin Karo - und irgendwie sonst keiner, so sieht es zumindest aus - in der ehemaligen Abhörstation Teufelsberg, die extrem „bunt“ ist.

Tipps für die Hauptstadt

Berlin mal anders

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Berlin kennt wohl jeder, oder? Scenario-Jugendredakteurin Karo hat sich abseits des Touristenweges aufgehalten und Tipps für Euch.

Jeder kennt irgendwen in Berlin, den man unbedingt immer mal besuchen wollte und so. Na ja, meine Begleitung und ich haben’s gemacht. Nachdem ich ein Jahr dort lebte, in diesem Berlin, habe ich hinterher gemerkt, dass ich die ganzen coolen Sachen gar nicht gemacht habe. Die coolen Sachen, die oft als Tourismus in dieser unabhängigen Stadt, in der niemand irgendeine merkwürdige Form von Tourismus macht, verschrien sind. 

Ich kann Euch sagen, keiner der vielen Zugezogenen oder der wenigen Ur-Berliner, die ich kenne, hat gemacht, was wir machten. Selbst schuld! Als generellen Tipp auf den Weg würde ich Folgendes geben: Reißt Euch los von all den trendy Berlin-Mitte-Illusionen und den Punk-Rock-Utopien Kreuzbergs! Erkundet ein bisschen die Außenbezirke und das Berliner Umland! Informiert Euch über die Gepflogenheiten und die Geschichte! Gerade, wenn Ihr unbedingt dieses gelobte Land Berlin besuchen wollt, weil alle es tun, solltet Ihr darum bemüht sein, Berlin kennenzulernen. Nicht nur die identitätslose Oase der Zugezogenen in Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder Mitte. Los geht’s. 

Teufelsberg und Drachenberg

Teufelsberg und Drachenberg liegen beide nebeneinander im Grunewald und gehören zu Berlins Trümmerbergen. Diese befinden sich im Westend, nahe des Olympiastadions. Innerhalb der Stadt. Ja. Innerhalb. Es gibt einen ganzen Wald, in dem diese raren Exemplare von Bergen innerhalb der Berliner Landschaft stolz aus den Wipfeln prangen. Famos, oder? Das Berliner Land ist eher sehr flach. War es schon immer. Diese beiden Berge sind künstlich erschaffene Erhöhungen aus den Trümmern, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat. Auf dem Teufelsberg selbst wurde daraufhin, etwas später in den 50ern, eine geheime Abhörstation der Amerikaner gebaut. Das Gebiet fiel damals unter die britische Besatzungszone. Die Briten haben den Amerikanern also erlaubt, ein Gebäude auf ihren Berg zu bauen. Dass es sich dabei um eine Abhörstation handelte, mithilfe derer die Amerikaner sogar Telefongespräche in Russland abhören konnten, wurde erst viel später bekannt.

Dieses ehemalige Gebäude ragt immer noch mit seinen prägnanten Kuppeln in den Horizont. Mittlerweile ist es aber baufällig und wird als Spielplatz für künstlerische Freigeister genutzt, die nach Herzenslust sprayen oder Skulpturen basteln können. Sowohl von der Kuppel, die man besteigen kann, also auch vom danebengelegenen, etwas höheren (knapp 100m) Drachenberg hat man eine gigantische Aussicht auf den gesamten Grunewald (bekannt aus Fitzek-Büchern und KIZ-Songs) und die Skyline der Hauptstadt, die von diesem Punkt so niedlich aussieht. 

Ein Besuch lohnt sich definitiv. Um dorthin zu kommen, müsst Ihr die Bahn zum Olympiastadion oder zur Heerstraße nehmen. Von dort aus lauft Ihr einfach den Schildern nach, die zum Teufelsberg zeigen. Dauert ungefähr 20 Minuten, ist ein netter Waldspaziergang, der die Waden trainiert. Ich empfehle bequemes Schuhwerk.

Tiergarten 

Der Begriff „Tiergarten“ ist in Berlin ein wenig verwirrend. Es gibt zum einen den Bezirk Tiergarten, in dem sich der Große Tiergarten befindet, der aber weitaus mehr als das umfasst. Dann gibt es noch den Zoo und den Tierpark. Beides die klassischen Einrichtungen für den Familienspaß für Groß und Klein, bei dem man sich Tiere in Gehegen anguckt. 

Der Zoo ist im Westen, der Tierpark im Osten und noch zeitgemäß gehalten. Wovon ich hier rede, ist der große Stadtpark zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, bzw. ein bisschen darüber hinaus: Der Tiergarten ist seit jeher als privater Freizeitpark des Feudalismus genutzt worden. Erst diente er als innerstädtisches Jagdrevier für die dort residierenden Kurfürsten. Als man dann doch eingesehen hat, dass das System Lücken hat, hat man die ungefährlichen Tiere dagelassen und das Ganze als Landschaftsgarten umfunktioniert. 

Seitdem auch das Monarchiesystem in Deutschland überarbeitet wurde, ist der Park der Öffentlichkeit zugänglich. Im Gegensatz zum Teufelsberg, wird dieser aber liebevoll gehegt und gepflegt. Was sagt uns das? Nun, der Park ist wirklich ein Meisterwerk deutscher Gartenarbeit. Wir starteten unsere Tour vom Brandenburger Tor aus auf der linken Seite der Allee und liefen zur Goldelse. So nennen die Berliner die Viktoria-Statue auf der Siegessäule. Dauert ca. eine halbe bis ganze Stunde, je nachdem wie viele Sehenswürdigkeiten man mitnimmt und wie lange man zwischendurch rumhängt und einfach nur guckt. Das kann man da sehr gut.  

Im Teil des Parks, der sich auf der anderen Seite der Allee befindet, steht das Schloss Bellevue. Da wohnt unser Bundespräsident. Ich beneide ihn. Cooler Garten, Bruder. Der Tiergarten ist nicht unbedingt das, was ein neo-liberaler Jugendlicher dieser Zeit sucht, wenn er in Berlin etwas zu finden glaubt. Tatsächlich habe ich keine verballerten Druffis gesehen. Aber er ist trotzdem wunderschön. Wenn Ihr also fertig mit Berghain und Ringbahn-Saufen seid, checkt für die After Hour den Tiergarten aus. Lohnt sich. 

Siegessäule 

Was offenbar zu wenig Leute wissen: Auf die Siegessäule kann man hoch. Kostet 3 Euro und trainiert ordentlich den Poppes. Die Belohnung dafür ist eine fantastische Aussicht auf den Bezirk Mitte/Tiergarten und den großen Stern (Der Kreisverkehr, auf dem die Siegessäule steht, von der sternförmig die Hauptstraßen in alle Bezirke abgehen). 

Die goldene Else also, die Viktoria heißt und von Beruf Siegesgöttin ist, wurde eigentlich zur Ehre des Sieges der Einigungskriege errichtet. Ganz woanders. Aber weil die Nazis generell nicht so viel von der Meinung anderer hielten, und Größenwahn merkwürdige Ausmaße haben kann, haben sie sie einfach dorthin gesetzt, wo sie jetzt steht. Für die Welthauptstadt Germania natürlich. Die, ach so ferne und recht unrealistische Utopie Hitlers.

Dass wir nichts gewonnen haben und es auch generell nie so wirklich danach aussah, störte offenbar niemanden dieses furchtbar elitären und durchdachten Systems. Lustigerweise hat Viktoria die darauffolgenden Luftangriffe, als wir den Krieg wundersamerweise verloren haben, fantastisch überstanden. You go, girl! 

Wenn Ihr also anders sein wollt, als all die 08/15-Touristen, die Berlin dauerhaft belagern und vor dem Brandenburger Tor – oder schlimmer noch: innerhalb des Mahnmals der Judenverfolgung – schicke Instafotos machen: Macht sie von da oben. Sieht besser aus und Ihr habt eine wirklich tolle Aussicht. Innerhalb der Else, unten im Sockel, ist auch noch eine kleine Ausstellung zu Europas historischen Bauwerken. Klug werdet Ihr also auch noch.

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