Endlich zu Hause, ein schützendes Kissen vor der Brust – Fotomodel Kathi zeigt, dass introvertierte Menschen oft einen Rückzugsort brauchen, weil sie gerne alleine sind und nicht immer in Kontakt und Kommunikation mit anderen stehen wollen.
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Endlich zu Hause, ein schützendes Kissen vor der Brust – Fotomodel Kathi zeigt, dass introvertierte Menschen oft einen Rückzugsort brauchen, weil sie gerne alleine sind und nicht immer in Kontakt und Kommunikation mit anderen stehen wollen.

Scenarios Typenlehre: Introvertierte

Stille Wasser sind tief

Serie - Sie lassen sich nur vermeiden, wenn wir nicht mehr unsere Wohnung verlassen: die Begegnungen mit anderen Menschen. Der Spruch „Jeder Narr ist anders“ gilt nicht nur für die Karnevalszeit. Aus diesem Grund stellen wir Euch in der neuen Serie „Scenarios Typenlehre“ ganz unterschiedliche, menschliche Wesen vor, und geben Tipps, wie Ihr mit ihnen lockerer umgehen könnt. Heute: der Introvertierte.

Manche Menschen betreten einen Raum und – bäm – sie sind da. Auf einmal ziehen sie jede Aufmerksamkeit auf sich. Jeder kann sich mit ihnen in einem Gespräch wiederfinden, ob freiwillig oder nicht. Sie haben zu allem eine Meinung und tun diese auch gerne kund, lautstark. Und dann gibt es noch die anderen Menschen, die sogenannten Introvertierten.

Diese begriffliche Charaktereigenschaft wurde erstmals in den 1920er-Jahren von dem Wissenschaftler C. G. Jung im Rahmen der analytischen Psychotherapie geprägt. Mit „Introversion“ hat er das Phänomen jener Menschen beschrieben, die ihre psychische Energie eher nach innen auf ihr eigenes Seelenleben richten, als auf ihre Außenwelt. Introvertierte Menschen werden häufig deswegen als still, zurückhaltend und in sich gekehrt wahrgenommen. Sie werden oft von ihrem Gegenstück, den Extrovertierten, übertönt. Diese werden laut einer Studie von dem Psychologen Howard Giles aus dem Jahr 1994 zwar als kompetenter und attraktiver wahrgenommen, dabei greift eigentlich bei den meisten Introvertierten auch der allgemein bekannte Spruch, dass stille Wasser tief sind. Nur weil man mit seiner Meinung nicht lautstark hervorbrechen muss, heißt das ja noch lange nicht, dass diese weniger wert oder schlechter ist – eher im Gegenteil. Schließlich hat der introvertierte Mensch mit Sicherheit vorher ausgiebig über seine Idee nachgedacht, bevor er sie ausgewählten Menschen in einem kleinen Kreis mitteilt.

Nicht zu verwechseln mit Schüchternheit

Schätzungen zufolge ist sogar gut ein Drittel der deutschen Bevölkerung eher introvertiert veranlagt. Trotzdem hat man an vielen Stellen immer noch das Gefühl, dass die Verpackung mehr zu zählen scheint als der Inhalt. Menschen, die sich nach außen hin gut verkaufen können, haben es oft leichter im Alltag. Sie schließen zum Beispiel schneller Freundschaften. Dabei sollte man Introvertiertheit gar nicht unbedingt mit Schüchternheit gleichsetzen. Schüchterne Menschen haben in der Regel Angst, sich vor ihren Mitmenschen zu blamieren oder zu scheitern und ziehen sich aus diesem Grund zurück. Introvertierte Menschen ertragen soziale Kontakte einfach eher in kleineren Dosen. Manche leiden auch unter ihrer Introvertiertheit, nicht zuletzt, weil Medien und Co. uns suggerieren, dass es besser ist, sich kontaktfreudig, offen, risikobereit oder spontan zu geben. Es gibt zahlreiche Ratgeber, die einem sagen möchten, wie man extrovertierter wird, auf Menschen zugeht, Freundschaften schließt, glücklicher wird. Dabei ist es doch eigentlich die Frage, ob Introvertiertheit etwas ist, das man wirklich überwinden muss. Da es sich um eine genetische Veranlagung handelt, ist das Bekämpfen dieser Charaktereigenschaft unglaublich mühsam und fruchtet, wenn überhaupt, vermutlich nur auf einer oberflächlichen Ebene.

Außerdem wurde in der Wissenschaft ein direkter Zusammenhang zwischen Introvertiertheit und Intelligenz festgestellt. Einige große Persönlichkeiten der Vergangenheit, wie etwa Einstein oder auch Stephen Hawking, galten und gelten eher als zurückhaltend, aber dafür brillant. Manchmal erfordert das Leben allerdings trotzdem, dass man auch als stiller Mensch mal die Pobacken zusammenkneift und den Mund aufmacht. Für sich, für seine Vorstellungen und Ideale oder auch für andere Menschen. Um das in den richtigen Momenten auch zu können, sollten introvertierte Menschen vorher ihre inneren Akkus aufladen. Das geht am besten an stillen Orten, an denen man einfach mal zu sich kommen kann und keinen äußeren Reizen ausgesetzt ist. Das kann das eigene Zimmer sein, die Bibliothek oder draußen an der frischen Luft, im Wald oder im Park. Hat man dort erst mal Energie gesammelt und sich der Stille hingegeben, kann man sich danach wieder ins laute Getümmel schmeißen und sich auch durchaus mal gegen extrovertierte Mitmenschen durchsetzen.

Im Umgang mit Introvertierten sollte man sich mit Änderungswünschen am Charakter zurückhalten. Vielleicht dauert es länger, bis man Zugang zu einem solchen Wesen bekommt, doch hat man sich diesen erarbeitet, zahlt sich die Arbeit aus. Introvertierte Menschen gelten als die besseren Zuhörer. Sie sind aufmerksam und bemerken häufig auch kleine Nuancen bei ihrem Gegenüber, die oberflächlichen Menschen eher durchgehen. Ein Introvertierter ist oft sehr reflektiert und einfühlsam – und ich sehe keinen Grund, warum man so einen Menschen gegen einen lauten, oberflächlichen Freund tauschen sollte.

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